Arztreport Immer mehr Studenten klagen über psychische Probleme

Zeit- und Leistungsdruck, Zukunftsängste: Damit müssen Studenten erst mal klarkommen. Neue Zahlen legen nahe, dass ihnen das zunehmend schlechter gelingt.

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Immer mehr Menschen lassen sich behandeln, weil sie unter Depressionen oder anderen psychischen Krankheiten leiden - das ist so traurig wie bekannt. Bisher waren Studenten aber davon ausgenommen. Sie galten als weniger anfällig für psychische Probleme als ihre Altersgenossen.

Doch der aktuelle Arztreport der Krankenkasse Barmer zeigt: Das stimmt nicht mehr. Jeder sechste Student ist inzwischen betroffen, rund 17 Prozent, also 470.000 Menschen.

Offenbar ist das eine Entwicklung, die im Verlauf des Studiums einsetzt. Denn im Alter von 18 Jahren wird Studenten nur in etwa halb so häufig eine Depression bescheinigt wie ihren Altersgenossen (1,4 Prozent zu 3,2 Prozent). Zehn Jahre später zeigt sich allerdings ein komplett umgekehrtes Bild. Während das Depressionsrisiko bei Nichtstudenten ab dem 25. Lebensjahr wieder sinkt, steigt es bei den Studenten an.

Auch die Gesamtzahl der jungen Menschen, die an Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Krankheiten leiden, hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Bei den 18- bis 25-Jährigen stieg sie zwischen 2005 und 2016 von 1,4 Millionen auf 1,9 Millionen.

"Vieles spricht dafür, dass es künftig noch deutlich mehr psychisch kranke junge Menschen geben wird. Gerade bei den angehenden Akademikern steigen Zeit- und Leistungsdruck kontinuierlich, hinzu kommen finanzielle Sorgen und Zukunftsängste", erklärte Barmer-Vorstandschef Christoph Straub.

Stress und Frust im Studium

Ein anderer Erklärungsansatz ist, dass Sorgen und Nöte häufiger als früher als psychische Probleme gesehen werden. Weil Burn-out und Depressionen seit Jahren große gesellschaftliche Themen sind, fällt es womöglich leichter, sich damit an einen Arzt zu wenden.

Straub plädiert vor allem für "niedrigschwellige Angebote", wenn junge Menschen merkten, dass bei ihnen etwas aus dem Ruder laufe. Das könnten auch psychologische Trainings per Webseite oder Smartphone-App sein. Viele müssten dann erst gar nicht zum Arzt.

Die Ärztereports der Barmer werden aus den Abrechnungsfällen und Diagnoseangaben erstellt, die Ärzte an die Krankenkasse übermitteln. Die Zahl der Datensätze ist zwar hoch. Allerdings fließen nur Versicherte der Barmer in diese Statistik ein, was das Ergebnis verzerren könnte. Die Statistiker der Kasse versuchen diesen Effekt zu verringern, indem sie die Daten nach Geschlechts- und Altersmerkmalen der deutschen Bevölkerung gewichten.

mamk/afp



insgesamt 20 Beiträge
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dasfred 22.02.2018
1. Ein Unterschied zu früher
Zu Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht gab es zumindest für Männer noch diesen Zeitraum zwischen Abitur und Studium, der die Jungs erstmal etwas reifen ließ, bevor sie auf die Uni losgelassen wurden. Ich denke, dieser Einfluss ist nicht zu unterschätzen. Auch bei den jungen Damen hat sich im Laufe der Zeit die Sozialstruktur der Abiturientinnen verändert und da sehe ich ebenfalls Auslöser.
gastundredner 22.02.2018
2. Abitur
Da die Studienzugangsberechtigung immer geringere Anforderungen stellt, somit deutlich mehr eher suboptimal vorbereitete Schüler studieren dürfen, ist ein gewisser Leidens- und Leistungsfähig druck in der Fläche nur logisch. Aber vermutlich steigt eher der politische Druck auf die Hochschulen, die Anforderungen im Studium und bei den Prüfungen deutlich zu senken, um die Anzahl der Zwangsdiplomierungen und -promotionen deutlich zu steigern. Gibt dann halt Absolventen, für die ein Zinseszins eine unlösbare Hürde darstellt, aber vermutlich kann man das Ergebnis googeln oder in einem Forum erfragen. Ein Bachelor kann dann halt vielleicht soviel wie vorher ein schlechter Geselle, ein Master kann schon selbständig die Mittagspause beenden.
therapeutm 22.02.2018
3. Psychotraining und weiter geht‘s?
Ich finde es sehr bedenklich, wenn tiefgreifende psychische Probleme als „etwas, das aus dem Ruder gelaufen ist“ bezeichnet werden und dann auch noch ohne ärztliche Abklärung mit einer praktischen App to go auf eigene Faust behandelt werden sollen. Ist zwar billiger, aber nicht in jedem Fall besser. Genau das ist doch das Problem heutzutage: Fühl‘ nichts, funktioniere! Angst und Sorgen stören nur, also bloß nicht darüber sprechen. So wird das nur leider nichts, auch wenn die Krankenkasse das gerne so hätte...
MartinS. 22.02.2018
4. ...
Nun ja - ganz explizit wird ja verglichen, wie sich die Depressionshäufigkeit von Studenten und Nicht-Studenten entwickelt. Hier kommt im Text einmal die Situation im Alter von 18 (Studenten scheinbar deutlich entspannter), und dann ab 25 (hier entwickelt sich das deutlich negativer bei Studenten) Was soll ich sagen. Wenn man mal ganz grob annimmt, dass die Schule mit 18 beendet wurde und der Werdegang sich aufsplittet in Studium/Ausbildung.... dann haben wir auf der einen Seite die Studienanfänger, die erstmal noch relaxt in die Sache reinstarten und einfach mal machen. Bei den anderen herrscht im Vergleich in der Ausbildung erstmal ein höherer Leistungsdruck. Kaum angefangen, gehts auch schon auf die Zwischenprüfungen zu... die Lehrbetriebe wollen jeweils Berufsschulzeugnisse sehen.... Mit 25 dagegen ist die Ausbildung unweigerlich lange vorbei und man hat sich im Berufsleben eingefunden und seinen Frieden mit dem Alltag gemacht. Ein Student mit 25 dagegen steckt seit 7 Jahren an der Hochschule. 14 Semester lang!!!! Da kann man langsam davon ausgehen, dass hier eine Selbstreflexion stattfindet und ein Student in der Situation so langsam auf den Gedanken kommt, dass sein Leben sich eher unsicher entwickelt. Wer nach 14 Semestern noch im Studium steckt, hat in etlichen Fällen durchaus einen Grund, gestresst zu sein, wenn ihm auffällt, dass er in einigen Prüfungen schon mehrfach durchgefallen ist und der böse Drittversuch ja entscheidend sein könnte. Das sind mit Sicherheit nicht alle. Viele dürften auch in einer Promotion stecken... aber auch dann merkt man mit Mitte 20 allmählich, dass man immer noch keinen Beruf hat, der Punkt aber unweigerlich näher rückt, wo man sowas mal haben müsste, um sein eigenes Leben bestreiten zu können. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass das stressig sein kann.
cosmoschaos 22.02.2018
5. Neue Patienten
müssen für die allzu vielen Dipl.Phychologen, Psychater etc. heran. Die wollen doch auch mit ihren ?Künsten? überleben. Und die vielen Krankenkassen brauchen doch auch ständig neue Arbeit! Was liegt da näher, als möglichst viele neue Patienten zu kreieren. Wenn die überforderten Studenten die Behandlung ihrer Wehwehchen selbst bezahlen müßten, wären wahrscheinlich sehr viel weniger krank.
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