Baupiloten gegen Bausünden Wie Studenten Wohnklötze in Schmuckstücke verwandeln

Wenn die "Baupiloten" anrücken, naht ein Hausputz der besonderen Art. Hässliche Schulen und fiese Zweckbauten motzen Berliner Studenten bunt auf. Ihr Kniff: Die jungen Architekten lassen sich von den Bewohnern reinreden - und wohnen auch mal zur Probe.

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Ranzige Balkonabdeckungen, eine mit geriffelten Asbestplatten verkleidete Fassade - das funktionale Hochhaus aus den sechziger Jahren wirkt nicht gerade wie das Studentenwohnheim der Zukunft. Beklemmung auch im Inneren: Graue Zimmertüren starren in den mit Neonröhren beleuchteten Flur. Am Ende des kargen Gangs liegt das Gemeinschaftsbadezimmer für zehn Bewohner, Männer und Frauen gemischt.

Bonjour, Tristesse.

Umbau einer Berliner Schule: Neue Lust am Lernen
Jan Bitter

Umbau einer Berliner Schule: Neue Lust am Lernen

Kein Wunder, dass es kaum ein Student im Wohnheim Siegmunds Hof am Berliner Tiergarten lange aushält. Viele ergreifen schon nach wenigen Wochen die Flucht, wenn sie etwas Besseres gefunden haben.

Doch schon bald soll Siegmunds Hof mit den zahlreichen Studenten-WGs der Hauptstadt konkurrieren, denn ein ganz spezieller Hausputz steht an. "Wir wollen einen Quantensprung von den fünfziger Jahren ins 21. Jahrhundert machen", sagt Jürgen Morgenstern vom Studentenwerk. Erledigen sollen das die "Baupiloten". Die Gruppe Berliner Architekturstudenten hat eine Spezialität: das Aufmotzen von Bausünden zu freundlichen Lebensräumen.

Die Studenten Donat Kirschner und Johanna Lehrer und ihre Professorin Susanne Hofmann sprechen ausführlich mit den Bewohnern. Statt monatelang fiktive Gebäude zu entwerfen, die niemals gebaut werden, entwerfen sie für die Realität – und begleiten die Ausführung vom ersten Gespräch bis zur letzten Schraube.

Feldzug gegen graue Fassaden

Trotzdem hat die Arbeit der Baupiloten mit dem Alltag eines normalen Architekturbüros wenig zu tun. Denn die künftigen Nutzer entscheiden selbst, was aus den Räumen wird - die Studenten tauschen sich also mit architektonischen Laien aus, statt einfach scheinbar allwissend von oben zu planen. Als "Architektur von innen heraus" beschreibt Professorin Susanne Hofmann ihren Ansatz, "am Anfang steht der Mensch und sein Wohngefühl".

Beim Wohnheim Siegmunds Hof setzten sich die 15 Baupilot-Studenten ein Jahr lang mit dem Alltag auseinander: Sie wohnten ein Wochenende zur Probe, schrieben Tagebuch, führten Interviews mit den Studenten, filterten daraus "atmosphärische Begriffe". In einem interaktiven Planspiel konnten sich die Bewohner ihre perfekte Wohnumwelt zusammenpuzzeln. Sie wünschten sich mehr Sportmöglichkeiten, mehr Gemeinschaftsräume für alle und überhaupt mehr positive Gefühle in ihrem Zuhause.

Die Baupiloten haben all das in einen Entwurf übersetzt: Bis 2010 soll aus dem Wohnheim mit Knastatmosphäre ein "Gemeinschaftshaus für Sportfreaks und Workaholics" werden, inklusive Kräutergarten und Saunalandschaft. Der tristen Fassade entlang soll sich ein durchsichtiger, im Sonnenlicht funkelnder "Wasserberg" wölben, an dem Studenten klettern können. Und die Zimmer im elften Stock könnten durch Schiebetüren je nach Laune der Bewohner zu Gemeinschafts- oder Partyräumen werden.

Kindliche Traumwelten

"Wenn wir die Phantasien der Nutzer aufnehmen, identifizieren sie sich viel stärker mit dem Ort", erklärt Architektin Hofmann. Das gelte gerade auch für Orte an sozialen Brennpunkten, die normalerweise nicht von innovativer Architektur profitieren.

Die Baupiloten haben bereits einige andere Bausünden aus den fünfziger Jahren umgestaltet. Gerade viele Schulen und Kindergärten entstanden vor über einem halben Jahrhundert - Flach- und Plattenbauten mit wenig Rückzugsraum für Individuen und Kleingruppen. Die Baupiloten zeigten mehrfach, dass sich durch Um- und Einbauten aus tristen Räumen kindgerechte Traumwelten entwickeln lassen.

So wurde die Berliner Kindertagesstätte "Taka-Tuka-Land" vom öden Plattenbau zum Zuhause des "Limonadenbaums". Sie bekam durch asymmetrische Einbauten und Sitzhöhlen einen verwunschenen Charakter, ebenso wie die Kita "Traumbaum". Das Vorzeigeprojekt der Baupiloten ist die Erika-Mann-Schule im Berliner Problemkiez Wedding - mit recht geringen Mitteln wurde aus langen, öden Fluren eine farbenfrohe Fantasiewelt.

Im Baupilotensprech heißt die Schule jetzt "Heimat des Silberdrachens". Früher unterstützte das 1915 erbaute wilhelminische Schulgebäude eine Pädagogik der Einschüchterung. Heute herrscht dort "Hauchsanftsein". So nannten die Kinder die rosa und pink gestrichenen Flure, wo an der Decke flatternde Lamellen aus Gaze ein duftiges Gefühl verbreiten.

Kuschelhöhlen statt Einschüchterung

Im nächsten Flur haben rosa Spinde zum Aufschieben die phantasielosen Garderobenhaken ersetzt. Die jungen Architekten formten einen großen, über die ganze Wand gezogenen Drachenflügel. Und tatsächlich, wenn die Kinder aus den Klassen stürmen und ihre Spinde mit einem Rrrrumms aufklappen, dann sieht das tatsächlich so aus, als schlage ein Drache mit seinem Flügel.

Ausklappbare Kuschelhöhlen geben in einem anderen Flur den Kindern einen Rückzugsort. "Die Plätze sind immer heiß begehrt", sagt Lehrerin Diana Pertuch. Mit überschaubaren Eingriffen haben die Baupiloten die gesamte Atmosphäre des Gebäudes verändert.

"Seit der Silberdrache eingezogen ist, kommen die Kinder viel lieber hierhin", sagt Schulleiterin Karin Babbe. Und damit steige auch die Lust am Lernen. Obwohl an der Schule im sozialen Brennpunkt Wedding mehr als 80 Prozent der Schüler aus Einwandererfamilien sind, bekommt rund ein Drittel eine Empfehlung fürs Gymnasium. Auch deshalb wurden die "Silberdrachenwelten" vom Bund-Länder-Programm mit dem Preis "Soziale Stadt" ausgezeichnet.

"Das hat Auswirkungen bis in den ganzen Kiez hinein", sagt Baupiloten-Leiterin Susanne Hofmann stolz. Genauso wie in der Kita Taka-Tuka-Land: Früher sei sie halb leer gewesen, heute überstiegen die Anmeldezahlen die vorhandenen Plätze - "und nettere Erzieherinnen haben sich dort auch beworben".



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