Beleidigte Professoren Die Rache der Ranking-Opfer

Auf der Webseite Meinprof.de können Studenten ihre Dozenten benoten. Manche Professoren sehen das als Lizenz zum Pöbeln und scheuen die öffentliche Bewertung. Jetzt wirft eine Uni sich schützend vor ihr geschundenes Personal - mit windigen Argumenten.

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Das Instrument gilt vielen Bildungspolitikern als Heilmittel im Kampf gegen Gleichmacherei und bürokratische Verkrustung: die Rangliste. Ganze Hochschulen werden bewertet, Fachbereiche müssen um knappe Mittel konkurrieren, selbst das Professorengehalt wird inzwischen zum Teil nach Leistung bemessen.

Meinprof: Gute Lehre, schlechte Lehre

Meinprof: Gute Lehre, schlechte Lehre

Daran ist nichts auszusetzen: Universitäten sind keine wettbewerbsfreie Zone. Das Problem liegt im Wesen der Rangliste - sie produziert eben Sieger und Verlierer. Und es gibt jene, die eigentlich gut sind, aber fürchten, sie könnten bald zu den Verlierern zählen. Oder jene, die ihre Arbeit oder Leistung für zu unvergleichlich halten, um in eine schnöde Rangliste gepresst zu werden.

Mit solchen Einwürfen - aus den Debatten um Hochschulrankings, Elite-Unis oder die Pisa-Studie sattsam bekannt - haben derzeit die Betreiber der Webseite Meinprof.de zu kämpfen. Auf der Seite, die Mitglieder der studentischen Unternehmensberatung Juniter in Berlin gründeten, können Studenten die Lehrveranstaltungen ihrer Professoren bewerten. Seit November ist das Angebot online, rund 77.000 Bewertungen für 23.000 Kurse von 16.000 Professoren sind bereits versammelt.

Bisher erhoben nur rund 50 Professoren Einspruch gegen die Benotung. Doch seit kurzem kämpft eine ganze Hochschule für ihre vermeintlich geschundenen Dozenten - obwohl die meist ganz gut abschnitten.

Datenschutz als Drohkulisse

Mitte März bekam Meinprof.de eine E-Mail von Hans Görtz, dem Datenschutzbeauftragten der RWTH Aachen, mit der Aufforderung, alle Aachener Professoren, "die sich nicht mittels einer Einwilligung auf Ihrer Internetseite MeinProf.de haben registrieren lassen, unverzüglich zu löschen". Auch in Zukunft solle "eine Bewertung von Lehrveranstaltungen der RWTH Aachen und der zugehörigen Professoren" nicht möglich sein. Andernfalls behalte man sich "weitere Schritte vor". Die Verarbeitung personenbezogener Daten, so Görtz, verstoße gegen datenschutzrechtliche Bestimmungen - konkret gegen das Bundesdatenschutz-, das Hochschul- und das Teledienstegesetz.

Die Meinprof-Mannschaft kam der Aufforderung umgehend nach: Statt 255 RWTH-Professoren sind derzeit nur noch sieben auf der Seite zu finden, die ihre Einwilligung gegeben haben - und nun Einsernoten sammeln. In einer Erklärung der Betreiber heißt es, sie seien gezwungen worden, "den Eintrag der RWTH von der Seite zu nehmen. Leider sind unsere finanziellen Mittel als studentischer Verein nicht ausreichend, um es auf eine gerichtliche Auseinandersetzung ankommen zu lassen".

Seither diskutieren sich Aachener Studenten in Internet-Newsgroups die Finger wund über die Drohung ihrer Alma Mater. Manche ärgern sich zum Beispiel, dass die Resultate der internen Lehr-Evaluationen an der Uni nie veröffentlicht werden. Ein Forenteilnehmer: "Da wir mit Steuern (und demnächst auch Studiengebühren) die Lehre und ihre Evaluierung bezahlen, haben wir m.E. durchaus ein Anrecht darauf, die Ergebnisse zu erfahren. Mich wundert schon, warum sich da einige so querstellen." Ein anderer Diskutant schreibt zum Vorgehen gegen die Webseite: "Ich halte die Aktion für einen plumpen Versuch, einen drohenden Rufschaden abzuwenden. Anders ist das nicht zu erklären. Man versucht offenbar die Leute von Meinprof.de mit irgendwelchem Datenschutz-Hokuspokus einzuschüchtern."

Die Aachener Argumentationslinie ist äußerst fragwürdig. "Wir mussten erst einmal klein beigeben, weil wir einen Rechtsstreit vermeiden wollen", sagte Meinprof-Mitgründer Thomas Kaschwig SPIEGEL ONLINE. "Wir glauben dennoch, dass wir im Recht sind."

Hat die Meinungsfreiheit Vorfahrt?

So sieht es auch der Bremer Rechtsanwalt Lambert Grosskopf. In einem Gutachten kommt der Spezialist für Medien- und Internetrecht zu einem völlig anderen Schluss als die RWTH: Bei Meinprof.de handele es sich um ein Meinungsforum; die Werturteile dort seien "vom Grundrecht der Meinungsfreiheit gedeckt". Das gelte auch für die "öffentliche Evaluation von Lehrveranstaltungen und Lehrenden", solange in den Kommentaren "keine Formalbeleidigung enthalten sind oder sie die Menschenwürde nicht verletzen oder keine reine Schmähkritik darstellen".

Komplizierter ist der Umgang mit den Daten. Meinprof.de nennt die Dozenten mit den Kategorien "Name", "Titel" und "Schwerpunkt" (gemeint ist das universitäre Fach). Die Verarbeitung personenbezogener Daten verbietet das Datenschutzgesetz eigentlich. Doch bei Meinprof.de ist die Lage laut Grosskopf anders: Die Daten sind frei zugänglich - jeder kann sich die Vorlesungsverzeichnisse der Hochschulen gedruckt oder im Internet ansehen. Zudem, so der Anwalt, sei bei Staatsbediensteten zu unterscheiden, ob "sie als Privatpersonen oder als Amtswalter durch Veröffentlichung von Daten betroffen sind".

"Die Speicherung und Übermittlung ist von dem Betroffenen hinzunehmen, wenn der Zweck, zu dem die Speicherung und Übermittlung erfolgt, mit der Belastung des Selbstbestimmungsrechts zu vereinbaren ist", schreibt Grosskopf weiter. Die Allgemeinheit habe ein nicht zu leugnendes Interesse, "sich über die Qualität des Lehrangebotes an einer Hochschule zu informieren". In seinem Fazit lässt er kein gutes Haar an den Aachener Anstrengungen: "Der Datenschutz kann nicht missbraucht werden, unter Berufung auf einen oft vermeintlichen Persönlichkeitsschutz Publizität einzuschränken, für die gute Gründe bestehen."

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bekräftigte die RWTH ihre Haltung zu Meinprof.de und verwies auf ein Rundschreiben des Rektors Burkhard Rauhut an alle Professoren und Dozenten am 13. April: "Für weltweit verfügbare Daten dieser Art muss sichergestellt sein, dass die geltenden Datenschutzgesetze eingehalten werden. Dies setzt insbesondere voraus, dass die dort registrierten Dozenten mit der Veröffentlichung ihrer personenbezogenen Daten einverstanden sind", heißt es darin. Nachdem die RWTH zunächst eine Woche gar nicht mehr auf der Online-Plattform präsent gewesen sei, könne nun jeder Dozent "durch eine eigene, freiwillige Registrierung bei den Betreibern der Seiten wieder auf das Portal gelangen", so Rauhut.

Sind Befindlichkeiten der Professoren höher einzuschätzen als der Informationshunger studentischer Surfer? Und hat das alles überhaupt etwas mit Datenschutz zu tun? Das müssen womöglich Richter entscheiden.

Manipulationsversuche unvermeidlich

Manche Schwächen des Professoren-Checks bestreitet auch Meinprof.de nicht. Thomas Kaschwig berichtet von Manipulationsversuchen - nach oben wie nach unten. So hätten beispielsweise Professoren-Hiwis versucht, ihren Chef hochzujubeln, und das sogar von Institutsrechnern aus. Andererseits ist es für Klausurendurchfaller und andere Gekränkte relativ einfach, einen Professor durch mehrfach abgegebene schlechte Stimmen auf der Notenskala nach unten zu reißen.

Die Kommentare sind mitunter deutlich. So heißt es über die Elektrotechnik-Vorlesung eines Saarländer Professors, der am 13. April die Flop-Liste anführte: "Mit hoher Sicherheit der schlechteste Prof auf den ganzen Welt." Und: "Wie soll man bei ihm E-Technik jemals verstehen?" Oder schlicht: "Schrecklich", "einfach nur Scheiße". Über eine Bremer Professorin urteilen Studenten: "Keine Struktur, kein Skript, unpünktlich, nur schlecht."

Kaschwig weiß, dass Internet-Umfragen keine exakte Wissenschaft sind. Vor der Benotung muss man sich allerdings registrieren, und Studentenurteile werden erst ab fünf Bewertungen angezeigt. Meinprof.de bemüht sich zudem, offensichtliche Ausreißer herausfiltern. Und demnächst sollen Professoren Passwortlisten in Veranstaltungen verteilen können, damit nur echte Teilnehmer bei der Bewertung mitmischen. Die Professoren-Prüfer verstehen ihr Angebot als Hilfe für Studenten, die entscheiden müssen, welchen Kurs sie bei wem belegen sollen - und nicht zuletzt als Anstoß zur Verbesserung der Lehre.

Diesem Ziel hat sich eigentlich auch die RWTH Aachen verpflichtet und wie andere Unis eine eigene Kommission eingerichtet. Dazu heißt es auf der Uni-Homepage gewunden: "Das Hauptziel der Evaluierungskommission besteht darin, Verbesserungen in Studium und Lehre zu erzielen. Sie analysiert dazu u.a die studentischen Lehrveranstaltungsbefragungen in jedem Semester. Dabei werden bei Bedarf konkrete Maßnahmen zur Verbesserung beschlossen. Die Dozenten werden dann über die sie betreffenden Maßnahmen informiert und werden gebeten, diese umzusetzen."

Bewertung der Lehre also schon - aber bitte lieber im Verborgenen.



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