Hochschule in Berlin Angeblich sexistisches Gedicht wird doch übermalt

"Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer": Ein Kurzgedicht an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin soll tatsächlich entfernt werden - der Dichter ist entrüstet.

Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin
David von Becker/Alice Salomon Hochschule Berlin

Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin


Ist es ein Eingriff in die Kunstfreiheit oder ein Schritt zur Abschaffung patriarchaler Denkmuster? Der Streit über das Gedicht "avenidas" des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer an einer Berliner Hochschulwand wird mit der Entscheidung vom Dienstag vermutlich noch nicht beigelegt sein - er kocht vielleicht erst richtig hoch.

Was ist passiert?

Seit sechs Jahren prangen an der Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule in dicken schwarzen Lettern die 20 spanischen Worte des Gedichts. Sie lauten übersetzt so: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer".

An der Hauswand fristeten sie ein friedliches Dasein, bis sich der Asta der Hochschule im April 2016 über die Bedeutung des Gedichts beschwerte: "Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren", kritisierten die Studierendenvertreter. "Es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind." Sie forderten, das Gedicht, das aus dem Jahr 1951 stammt, zu übermalen.

Der Akademische Senat nahm den Antrag an, doch Rektor Uwe Bettig war zunächst dagegen, Gomringers Werk zu entfernen, und schlug vor, das Gedicht in einen anderen Kontext zu rücken, etwa durch eine weitere Strophe. Bis Mitte Oktober 2017 sollten Hochschulmitglieder Änderungsvorschläge machen.

Nun die überraschende Wende: Die Hochschule will das Gedicht doch übermalen. Der Akademische Senat beschloss am Dienstag mehrheitlich, dass ab Herbst 2018 die neue Poetik-Preisträgerin Barbara Köhler mit Verszeilen auf der Hauswand zu Wort kommen soll. Künftig soll alle fünf Jahre der Text eines neuen Poetik-Preisträgers an die Fassade der Hochschule im Stadtteil Hellersdorf gepinselt werden.

"Falsch verstandene Political Correctness"

Gomringer selbst kritisierte die geplante Übermalung seines Gedichts scharf. "Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie", sagte der 93-Jährige am Dienstag der dpa. Er behalte sich rechtliche Schritte vor.

Es gehe den Verantwortlichen, so Gomringer, um die Entfernung eines "nicht weichgespülten Gedichts" im Sinne einer falsch verstandenen Political Correctness. Der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann, sagte der dpa: "Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass eine Hochschule, die selbst Nutznießer der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit ist, dieses Recht dermaßen mit Füßen tritt."

Die Hochschule teilte mit, sie werde Gomringers Wunsch nachkommen und auf einer "Tafel" in Spanisch, Deutsch und Englisch an das Gedicht und die Debatte darum erinnern. Der Lyriker selbst hat dafür "drei Plakate" gefordert. Die Alice Salomon Hochschule ist nach eigenen Angaben mit 3700 Studierenden die deutschlandweit größte staatliche Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung.

Der Fall hatte bereits im vergangenen Jahr auch international für Aufsehen erregt. Die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland und der Kulturrat warnten vor Zensur. Gomringer zählt zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur seit den Fünfzigerjahren. Er gilt als Initiator der Konkreten Poesie, bei der es weniger um den Inhalt von Sprache geht und mehr darum, Wörter anschaulich aneinanderzureihen.

lgr/dpa



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