Streit um angeblich sexistisches Gedicht Kulturstaatsministerin hält Übermalen für Barbarei

"Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer": Ist das Kunst oder sexistisch und kann weg? In Berlin soll ein umstrittenes Gedicht übermalt werden - zum Missfallen der Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin
David von Becker/Alice Salomon Hochschule Berlin

Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin


Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat die Entfernung eines umstrittenen Gedichts von der Fassade einer Berliner Hochschule scharf gerügt. "Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei", sagte die CDU-Landesvorsitzende.

Das Gedicht "Avenidas" war im Frühjahr 2016 vom Studierendenparlament (StuPa) und dem Allgemeinen Studierenden-Ausschuss (AStA) kritisiert worden. Dabei geht es um den Satz: "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer". In einem offenen Brief rügten die Studentenvertreter, das Gedicht würdige Frauen zu Objekten männlicher Bewunderung herab und erinnere "unangenehm an sexuelle Belästigung". Nach einer einjährigen Debatte beschloss der aus Lehrenden, Verwaltungsmitarbeitern und Studenten bestehende Akademische Senat mit knapper Mehrheit, "Avenidas" zu entfernen.

Falsch verstandene Political Correctness

"Kunst und Kultur brauchen Freiheit, sie brauchen den Diskurs, das ist eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte", sagte dagegen Grütters. Wer dieses Grundrecht durch vermeintliche Political Correctness unterhöhle, betreibe ein gefährliches Spiel. Verteidiger des Gedichts kritisieren zudem, dass in den Studentenvertretungen wegen der niedrigen Wahlbeteiligung vor allem linksextreme Positionen vertreten werden.

Auch Gomringer kritisierte die geplante Übermalung seines Gedichts scharf. Die Hochschule teilte mit, sie werde seinem Wunsch nachkommen und auf einer Tafel in Spanisch, Deutsch und Englisch an das Gedicht und die Debatte darum erinnern.

Akademische Senat und Asta wollen sich nicht äußern

Der Akademische Senat wollte sich auf Anfrage des SPIEGEL nicht äußern. In einer Stellungnahme heißt es: "Wir haben uns die Entscheidung in der Hochschulleitung und im Akademischen Senat nicht leicht gemacht. An dieser Stelle möchten wir noch einmal betonen, dass wir größten Respekt vor Eugen Gomringer, seinem Schaffen und seinem Werk haben." Eine Einschätzung, inwieweit das Gedicht als sexistisch empfunden werden könnte, kam dagegen nicht.

Auch der Asta wollte sich nicht gegenüber dem SPIEGEL äußern. Stattdessen kündigten die Vertreter der Studierenden eine schriftliche Stellungnahme an, die in den kommenden Tagen veröffentlicht werden soll.

Das Gedicht soll nun im Herbst überstrichen werden. Ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler soll es ersetzen. Das ist laut Hochschulleitung das Ergebnis einer Studentenbefragung. Die Südfassade der Hochschule soll nun alle fünf Jahre neugestaltet werden.

koe/dpa/AFP



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