Preis für schlechteste Hausarbeit "Gesamtwerk aus Faulheit und schlechter Recherche"

Was kommt heraus, wenn man über Nacht und ohne Literatur eine Hausarbeit schreibt? Genau: außerordentliches akademisches Scheitern. Eine Berliner Studentin hat für diese "Leistung" einen Preis bekommen.

Studentin (Symbolbild)
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Studentin (Symbolbild)


Zur Person
    Anna L. ist 23 und studiert im 4. Semester Wirtschaftswissenschaften in Berlin. Sie hat sich mit ihrer ersten Hausarbeit um den "4,0-Award für außerordentliches akademisches Scheitern" des Berliner Studierendenmagazins "ZurQuelle" beworben - und gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Anna, Sie haben sich mit Ihrer Hausarbeit "Influencer Marketing - Wie YouTube Videos beeinflussen [sic]" gegen 54 Kandidaten durchgesetzt: Keine andere wissenschaftliche Arbeit sei so schlecht und dabei so dreist wie Ihre, schreibt die Jury. Womit haben Sie denn geglänzt?

Anna L.: Mit allem. In meinem Literaturverzeichnis waren hauptsächlich komische Angaben aus dem Internet, ich hatte keine einzige Literaturquelle, ich glaube, ich habe auch Zitierfehler gemacht. Die Bewertung der Hausarbeit habe ich mir gar nicht erst angeguckt, weil ich wusste, dass es einfach nur grottig ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Note wissen Sie aber schon?

Anna L.: Ja, ich habe mit 4,0 immerhin noch bestanden.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt belegen Sie dank Ihrer schlechten Leistung den ersten Platz in einem Wettbewerb, an dem Sie freiwillig teilgenommen haben. Der Sieg ist Ihnen aber unangenehm, Sie möchten gern anonym bleiben. Warum?

Anna L.: Es war meine erste Hausarbeit überhaupt. Und ich hatte weder wirklich Lust, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, noch habe ich geklärt, wie man eine Hausarbeit schreibt. Erst habe ich wegen anstehender Klausuren noch überlegt, sie zu verschieben, sie dann spontan doch noch gemacht. Zu dem Zeitpunkt war ich in der Heimat, hatte keine Bücher dabei und hab mir gedacht, ich versuch es mal mit Internetquellen.

Im Internet möchte ich mit dieser Arbeit nicht mit vollem Namen landen. Bei potenziellen Arbeitgebern macht sie sich, glaube ich, nicht so gut.

SPIEGEL ONLINE: Ja, die Begründung der Jury ist nicht wirklich schmeichelhaft: "Das Literaturverzeichnis ist vermutlich das schlimmste an diesem Gesamtwerk aus Faulheit, schlechter Recherche und der Gabe eines Ficks auf wissenschaftliche Standards", sagt etwa Jury-Mitglied Tom Kraftwerk, der sich als Langzeitstudent einen Namen gemacht hat. Eine angemessene Kritik?

Anna L.: Die Hausarbeit ist echt nicht gut. Ich musste mich auch ein bisschen überwinden, sie einzureichen, sie ist wirklich peinlich. Aber das kommt dabei raus, wenn man innerhalb einer Nacht und mit meinem damaligen Wissensstand eine Hausarbeit schreibt.

SPIEGEL ONLINE: Jurorin Lea Joy Friedel von der Satire-Partei Die Partei stimmte für Ihre Arbeit, "weil es um Schminke und Wap-bap, ba-da-di-da-da geht, weil die Arbeit die meisten Rechtschreibfehler beinhaltet, und wegen der Fußnote 'Engl. beauty = Schönheit'".

Anna L.: Das Bibi-Lied Wap-bap gab es zu der Zeit noch nicht. Es ging um Beauty-YouTuber, das Thema hat mich auch interessiert. Aber offenbar nicht genug, um da rechtzeitig Arbeit reinzustecken. Die Rechtschreibfehler sind dem Umstand geschuldet, dass ich kein aktuelles Korrekturprogramm hatte und die Arbeit auch selbst nicht mehr gegengelesen habe.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie mit Ihren heutigen Hausarbeiten weitere Preise gewinnen können?

Anna L.: Ich mache das nicht mehr so, meine anderen Hausarbeiten sprechen für den Lerneffekt: Frühzeitig anfangen, genügend Literatur und vernünftige Quellen ranziehen. Mittlerweile kann ich auch korrekt zitieren und habe ein gutes Programm, das meine Rechtschreibfehler korrigiert.

SPIEGEL ONLINE: Ermutigt man Studenten nicht zu schlechter Leistung, wenn man einen solchen Preis vergibt?

Anna L.: Nein, ich denke, dieser Preis ist mehr dafür gedacht, sich das eigene Scheitern einzugestehen und dieses nicht zu überspielen, sondern mit Würde zu tragen.

SPIEGEL ONLINE: Der Award ist laut dem Studierendenmagazin "ZurQuelle", das ihn ausgelobt hat, als Kritik an den heutigen Studien- und Arbeitsbedingungen gedacht. Die Preisstifter sagen, studieren sei schon lange nicht mehr als Entfaltung der Persönlichkeit zu begreifen, sondern darauf ausgelegt, einen Abschluss zu bekommen. Sind Sie also eine Rebellin, indem Sie schlechte Leistung liefern?

Anna L.: Nein, das war mein einziger Ausrutscher, ansonsten bin ich eine ganz gute Studentin. Allerdings merke ich schon den Leistungsdruck im Studium. Eigentlich wollte ich eine kaufmännische Ausbildung machen, habe aber nichts bekommen und mich dann für das Studium entschieden, um möglichst schnell einen Abschluss zu machen. Ich bin in der Regelstudienzeit, und das soll auch so bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie mit Ihrem Preis? Es gibt 500 Euro und Schnaps.

Anna L.: Beim Schnaps muss ich gucken, ob mir der schmeckt. Wahrscheinlich hebe ich ihn für die Silvesterparty auf. Das Preisgeld werde ich wohl für eine Reise sparen. Ein neues Rechtschreibprogramm brauche ich ja nicht mehr.

insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
mol1969 13.11.2017
1. Rechtschreibprogramm
Alleine schon die Tatsache, dass eine zugelassene Studentin ohne Rechtschreibkorrekturprogramm nicht in der Lage ist, einen Text ohne massig Rechtschreibfehler zu verfassen, ist ein absolutes Armutszeugnis. Und jetzt komme mir keiner mit Argumenten wie "das muss man heutzutage nicht mehr können, das übernimmt die Maschine". Nein. Es ist einfach armselig, wenn über absolute Grundfertigkeiten, wie Rechtschreibung oder Kopfrechnen überhaupt diskutiert werden muss. Jeder Grundschüler sollte das nach der 4. Klasse sicher beherrschen. Mich wundert in dieser Richtung schon lange nichts mehr. Teilweise wären die Menschen, die heutzutage meinen, studieren zu müssen, vor 30 Jahren noch nicht einmal als einfachste Bürokraft untergekommen. Vor unserer Zukunft ist mir bange.
happyrocker 13.11.2017
2. Der Skandal ist,
dass eine solche Arbeit auch noch als "bestanden" gewertet wird. Da hätte man wohl auch den Einkaufszettel abgeben können, um noch eine 4 zu kriegen. So viel zum Thema "Anspruch" an deutschen Universitäten.
jal1988 13.11.2017
3.
Kann mir bitte jemand verraten, warum jemand mit einer von allen Seiten als unterirdisch bewerteten Arbeit, eine 4,0 bekommt? Verstehe ich irgendetwas nicht (Ironie/Satire), oder hat tatsächlich eine Universität eine solche Leistung als "ausreichend" empfunden und die Studentin nicht durchfallen lassen?
grommeck 13.11.2017
4. Nun, Dummheit ist heute scheinbar Volkssport..
Daher kann auch kaum einer mehr richtig schreiben oder lesen. Aber für viele Arbeitgeber muß man das auch nicht mehr können. Die wollten ja Fachidioten, jetzt haben sie die in großer Zahl. Nur keine „Fachkräfte“ , aber man kann nicht alles haben, es sei denn, man züchtet seinen Nachwuchs wie man ihn braucht. Das wäre doch auch ein guter Vorstoß in die Zukunft seitens der AG-Parteien...oder FDP?
spon-1310712841582 13.11.2017
5. Stimme voll zu!
Ich bin seit 30 Jahren Lehrer an einer kaufmännischen Berufsschule und habe mit Realschülern und Abiturienten zu tun. Heute: Kopfrechnen - Fehlanzeige! Prozentrechnung - ist Highend- Mathematik und kann kein Mensch mehr. Wenn wir Excel lernen ist eine Wiederholung der Grundrechenregeln ( Punktrechnung vor Strichrechnung, Sinn von Klammern usw.) Pflichtprogramm. Effiziente Nutzung des Internets und von Suchmaschinen?Internet? Besteht doch nur aus Facebook. Zielgerichtete Auswahl von Texten im Netz zur Lösung von Problemen ist ein Desaster. Ein grundlegendes Textverständnis ist vielfach nicht vorhanden. Dann wundert mich die Qualität mancher universitärer Hausarbeit nicht. Warum gibt's auf so einen prämierten Unsinn eigentlich eine 4.0?
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