Studentin versteckt Flüchtling Sie ist sein einziger Schutz

Flüchtling Rayhan will in Deutschland bleiben, doch das Gesetz ist gegen ihn. Eine Berliner Studentin versteckt den Afrikaner seit Monaten in ihrer Wohnung. Sie geht damit ein hohes Risiko ein - doch ihr Engagement hat auch Grenzen.

Leben im Versteckten: Rayhan Reza, Flüchtling aus Afrika, will unerkannt bleiben
Verena Brandt

Leben im Versteckten: Rayhan Reza, Flüchtling aus Afrika, will unerkannt bleiben

Von Bettina Malter


Rayhan sitzt am Fußende eines Bettes, im Doppelzimmer am Ende des Gangs. Die letzte Nacht musste Lisa, seine Mitbewohnerin, im Krankenhaus verbringen, mit Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall. Nun bringt er ihr Socken und eine lange Hose, außerdem Wraps mit Lachs, die sie so gern mag. Er sieht zu, wie sie isst, und scheint froh zu sein, etwas zurückgeben zu können.

Seit fast einem Jahr versteckt Lisa Kühn, eine hübsche Frau mit langem Haar, Rayhan Reza in ihrer Berliner Wohnung; sie ist sein einziger Schutz. Die 25-Jährige studiert Politikwissenschaft, er, sechs Jahre älter als sie, arbeitet in einem Restaurant und gibt Sprachunterricht. Vor fast zehn Jahren verließ Rayhan, der fast immer Basecap und kariertes Hemd trägt, aus Angst um sein Leben seine Heimat; ein Land in Afrika, das er nicht nennen mag, weil er fürchtet, dass ihn das verraten könnte.

Die Geschichte von Lisa Kühn und Rayhan Reza, die ihre richtigen Namen nicht gedruckt sehen wollen, ist eine Geschichte über Angst, Hilfsbereitschaft und eine Verordnung namens Dublin III. Diese EU-Regelung macht Hunderttausenden Asylbewerbern zu schaffen, die in Europa ein neues Leben beginnen wollen. Denn ihr zufolge müssen Flüchtlinge in jenem EU-Land Asyl beantragen und sich aufhalten, das sie als Erstes betreten haben - in Rayhans Fall war das Italien, doch dorthin will er nie wieder zurück.

Flüchtling Reza: "Nach Italien zurück? Niemals!"
Verena Brandt

Flüchtling Reza: "Nach Italien zurück? Niemals!"

Rayhan berichtet, dass er aus seiner Heimat in Afrika geflohen sei, nachdem sein älterer Bruder gemeinsam mit anderen Männern versucht hätte, den Präsidenten zu stürzen. Weil das nicht gelang und die Regierung nach Rache sann, galt er als Kollaborateur. "Du musst schnell das Land verlassen", sagte sein Bruder am Telefon. Es sei das Letzte gewesen, was er von ihm gehört habe, dann ging er auf die Reise.

Der junge Mann lebte zunächst mehrere Jahre lang in Libyen, verdiente Geld als Übersetzer und floh dann in einem Schlepperboot nach Italien, wo er registriert wurde. Dort habe er auf der Straße schlafen müssen und keinerlei Aussicht auf ein würdiges Leben gehabt, erzählt Rayhan. Deswegen machte er sich wieder auf den Weg, zunächst nach Dänemark, schließlich nach Deutschland, wo er seinen Asylantrag stellte und in eine Flüchtlingsunterkunft zog. Wegen Dublin III bekam er aber schon bald einen Brief, dass er nach Italien abgeschoben werde.

Jetzt versucht Rayhan, dem zu entkommen - und mit ihm werden es in den nächsten Jahren vermutlich Tausende tun, die das Land wieder verlassen sollen. Lisa versucht, zumindest ihm zu helfen - auch wenn das von Anfang an mit einigen Risiken verbunden war.

"Hat die Polizei bereits aktiv versucht, Sie abzuschieben?"

Zum ersten Mal sahen sich die beiden im Oktober 2014. Er stand vor ihrer Tür, im zweiten Stock eines Altbaus. Sie hatte sich bei einer Organisation gemeldet, die Schlafplätze für Asylbewerber vermittelt, ohne das den Behörden zu melden. "Schickt mir jemanden, der sauber ist", hatte sie damals am Telefon gesagt. Natürlich war ihr mulmig zumute, ganz allein mit einem unbekannten Mann in ihrer Wohnung. Doch sie hatte schnell das Gefühl, dass ihr von Rayhan keine Gefahr droht.

Anfangs saßen beide schweigend auf ihrem Sofa bei Kräutertee. Er konnte ihr aus lauter Schüchternheit nicht in die Augen schauen, sie konnte nicht einschätzen, worüber er reden wollte. Zum Glück beherrschen beide Französisch, so gab es zumindest keine sprachliche Barriere.

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Rayhan schläft in dem Zimmer, das Lisa nicht mehr brauchte. Noch immer stehen ihre Bücherregale im Raum, daneben nun ein Bett und eine kleine Kommode, die fast leer ist. Obwohl Rayhan schon seit Monaten hier lebt, hängt nichts Persönliches an der Wand. Mehrmals die Woche geht er zu einem Deutsch- und Englischkurs, zweimal wöchentlich gibt er Arabischunterricht für einen pakistanischen Studenten und für Lisa Kühn. Außerdem putzt er in einem Restaurant.

Gute Deutschkenntnisse und ein eigener Verdienst sind wichtig, um bleiben zu können, so viel weiß Lisa Kühn. Sie hilft ihm beim Lernen, hat ihm den Job besorgt. Doch ohne rechtlichen Beistand wird es Rayhan nicht gelingen, irgendwann legal in Deutschland zu leben.

An einem Montag im März sitzen Lisa und Rayhan im Wartezimmer einer Anwaltskanzlei für Asylrecht. Ein kleines Zimmer, heller Laminatboden, wenige Stühle. Lisa hält ein Formular in der Hand, das sie ausfüllen müssen: wie sie die Anwaltskanzlei gefunden haben, ob sie zum ersten Mal hier sind und andere Daten. "Wann war noch mal dein Geburtstag?", fragt sie. Rayhan nennt drei Zahlen - viel mehr sprechen sie nicht. Monate haben sie auf den Termin gewartet, es gibt derzeit viele, die das gleiche Anliegen haben wie Rayhan. Sie hoffen auf Tipps für ihre Strategie, auf mehr Sicherheit und Unterstützung. Dann kommt ein junger Anwalt ins Wartezimmer und fordert sie auf, ihm in sein Büro zu folgen.

"Also, Sie waren sieben Monate in Italien, dann in Dänemark", fasst der Anwalt auf Französisch zusammen. "Ja, korrekt", antwortet Rayhan, wie so oft leise und fast ohne die Lippen zu öffnen, als könnte er sonst zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. "Hat die Polizei bereits aktiv versucht, Sie abzuschieben?", fragt der Anwalt weiter. Rayhan weiß es nicht, er lebt ja schon seit einem Jahr nicht mehr in der Flüchtlingsunterkunft, in der die Polizei ihn vermutet. Für den Anwalt gibt es daher zwei mögliche Szenarien. Die würde er aber lieber auf Deutsch erklären, entschuldigt er sich. Damit wird Lisa wieder zur Übersetzerin. Sie mag diese Situationen nicht, weil sie findet, dass Rayhan dadurch unmündig wirkt. Sie wünscht, er könnte selbst für sich sprechen, doch noch reicht sein Deutsch nicht aus.

"Wenn die Abschiebung nach Italien wie ein Damoklesschwert über Ihnen schwebt, dann ist es sehr schwierig", sagt der Anwalt. Und wenn nicht, könne er versuchen, noch einmal einen Asylantrag zu stellen oder zumindest eine Duldung zu beantragen. Das wäre eine Chance, bleiben zu können. "Das hört sich paradiesisch an, ist aber ein steiniger Weg", schiebt der Anwalt nach. Erst einmal werde er nun die Akte vom Bundesamt anfordern und schauen, ob die Polizei ihn schon einmal aus der Flüchtlingsunterkunft holen wollte.

Neuigkeiten vom Anwalt

Lisa zahlt mit ihrem Geburtstagsgeld, während Rayhan vor der Tür wartet. Sie will nicht, dass er es sieht. Fünf Monate wird es dauern, bis sie wieder vom Anwalt hören. Eine Zeit, in der Rayhan die ständige Angst plagt, in die Fänge der Polizei zu geraten. Er meidet Plätze, auf denen viel kontrolliert wird - und geht nicht einmal bei Rot über die Ampel.

"Die lesbische Köchin will mich heiraten", sagt er an einem Sommerabend, als er mit Lisa zu Abend isst. Er spricht inzwischen viel lauter, lacht mehr, vor allem wenn er von Menschen umgeben ist, die er kennt. Hat sie selbst schon an die Option der Scheinehe gedacht? "Na klar", sagt sie - doch das Risiko sei ihr zu groß. Jemanden illegal zu verstecken werde selten verfolgt. Aber bei einer Scheinehe gehe es um Urkundenfälschung, da mache sie sich strafbar: Das will sie nicht, da sieht sie ihre Grenze.

Ende August gibt es Neuigkeiten vom Anwalt. Er habe beim Bundesamt herausgefunden, dass es bisher noch keinen aktiven Abschiebeversuch gegeben habe. Rayhan gelte folglich noch nicht offiziell als untergetaucht, das gebe ihm neue Möglichkeiten. Allerdings dränge die Zeit, denn der Versuch, ihn nach Italien zu schicken, werde garantiert erfolgen, teile die Behörde mit.

"Nach Italien zurück? Niemals!", sagt Rayhan. Also wird er sich vorerst wohl weiter in Lisa Kühns Wohnung verstecken, um der Abschiebung zu entgehen. Er wird warten, was der Anwalt für ihn tun kann - und notfalls für immer illegal in Berlin leben.

Es ist Lisa bewusst, dass Rayhan stark von ihr abhängig ist. Manchmal fragt sie sich, ob er sich wirklich wohl bei ihr fühlt, ob sie auch Zeit miteinander verbringen würden, wenn es Dublin III nicht gäbe. Aber selbst wenn nicht: Sie verlangt keine Gegenleistung für ihre Hilfe, nicht einmal Sympathie. "Damit wird meine Welt zwar nicht besser", sagt sie im Krankenhaus, "seine aber schon."

    20 % aller Menschen, die 2014 in Deutschland einen Asylantrag stellten, wurden bereits in einem anderen EU-Staat registriert. Wegen der Dublin-III-Regeln gelten diese Flüchtlinge als ausreisepflichtig.

    4800 Menschen überstellte Deutschland 2014 wegen der Dublin-Regeln in andere EU-Länder, geplant waren 11.000 Abschiebungen. Fast 50 % der Ausreisepflichtigen tauchten unter.

    75 % aller Flüchtlinge kommen ohne Papiere nach Deutschland.

© UNI SPIEGEL 5/2015
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