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13. Juli 2012, 17:46 Uhr

Berühmte Honorarprofessoren

Habe die Ehre

Von Hermann Horstkotte

Margot Käßmann, Ulrich Wickert und Götz Alsmann - sie alle sind Honorarprofessoren. Einst war das Ehrenamt mit Lehrarbeit verbunden, mittlerweile verkommt es immer öfter zum Tauschgeschäft: Die Unis schmücken sich mit berühmten Namen, die Promis nehmen den Titel mit.

In der Fernsehshow "Zimmer frei!" lädt Götz Alsmann allwöchentlich Promis zum Vorstellungsgespräch in seine TV-Wohngemeinschaft. Dort sollen die Gäste möglichst viel von sich erzählen und so die Sendung bereichern.

Alsmann ist nicht nur TV-Moderator, sondern auch Jazzer und promovierter Musikwissenschaftler. Studiert hat er an der Uni Münster, auch seinen Doktor machte er an der Musikhochschule der Westfälischen Wilhelms-Universität. Warum also nicht den musikalischen Talker auch noch zum Professor machen?

Die Hochschule ernannte Alsmann zum Honorarprofessor. "Von besonderer Attraktivität für unsere Musikstudenten wird die praktische Erfahrung sein", freut sich Michael Keller, der Münsteraner Fachbereichsleiter. Ein "historisches Ereignis" sieht die Uni-Rektorin gar in der Ehrung.

Im Februar hielt Alsmann seine Antrittsvorlesung, als "halbkonzertanten" musikwissenschaftlichen Vortrag mit Akkordeon. Künftig will er jedes Semester für ein paar Termine wiederkommen und über Musik parlieren. Ende Juni sprach er gemeinsam mit der 83-jährigen Schlagersängerin Bibi Johns über ein Jahrhundert Musikgeschichte. Die Vortragswoche mit insgesamt drei Veranstaltungen schloss mit Alsmanns Ausführungen zur "Kulturgeschichte des Banjo".

Gebühren-Glamour: "Professor Tagesschau" und "Mr. Tagesthemen"

Wer Honorarprofessor wird, verdient damit, anders als der Titel vermuten lässt, kein Geld. Er oder sie erhält lediglich den wohlklingenden Titel Professor. Doktorhüte werden schon lange an Promis aus aller Welt vergeben und jedes Mal mit einer Pressemitteilung flankiert. Doch auch der Honorarprofessor, der eigentlich ein echter ehrenamtlicher Hochschullehrer sein soll, verkommt langsam zu einem Schmuck ohne wirkliche Bedeutung.

Die Pflichten eines Honorarprofessors stehen in den Landeshochschulgesetzen. Das Bundesland Thüringen ist heute noch am strengsten, dort müssen Honorarprofessoren mit zwei Semesterwochenstunden präsent sein.

An der thüringischen Technische Universität Ilmenau etwa lehrt seit vergangenem Jahr ein "Professor Tagesschau" im Medienstudiengang. Dabei handelt es sich um den Tageschau-Moderator Claus-Erich Boetzkes, der vielen eher dem Gesicht als dem Namen nach bekannt sein dürfte. Moderator Boetzkes allerdings ist das Positivbeispiel eines Honorarprofessors alter Schule. Er gibt Blockseminare und verteilt examensrelevante Noten, ganz wie hauptberufliche Professoren, und muss auch stapelweise Studienarbeiten korrigieren.

Weit weniger aufwendig ist eine Honorarprofessur dagegen in Nordrhein-Westfalen; der Titel ist dort nicht mit einer Lehrverpflichtung verbunden und ungefähr so viel wert wie der geschenkte Ehrendoktor. Dort besteht für die Honorarprofessor keine Lehrverpflichtung. Auch müssen sie vor ihrer Berufung nicht gelehrt haben.

Neben Götz Alsmann und der Uni Münster gehört zu den prominenten nordrheinwestfälischen Honorarprofessoren auch Ex-Bischöfin Margot Käßmann. Die streitbare Protestantin ist seit 2010 Honorarprofessorin und Aushängeschild der Ruhr-Uni Bochum. 2011 füllte Käßmann für ein Jahr eine, allerdings bezahlte, Gastprofessur aus, die mit einer stark besuchten Antrittsvorlesung begann.

Außer Publikumslieblingen umfasst der Kreis der rund 1600 Honorarprofessoren in Deutschland vor allem Unternehmer, Anwälte und hohe Richter, aber auch aktive Politiker. Mit dabei ist Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), Honorarprofessorin an der FU Berlin und derzeit wegen der Überprüfung ihrer Doktorarbeit auf dem Prüfstand der Uni Düsseldorf. Schavan gibt "regelmäßig" Blockseminare für katholische Theologie an der FU, teilt ihr Ministerium mit.

War die Titelvergabe früher Sache der Wissenschaftsminister, ist sie mittlerweile auf die Hochschulen übergegangen. Ihr Ermessensspielraum ist groß. Der Honorarprofessor braucht keine vorangegangenen Doktortitel, in manchen Bundesländern darf die Hochschulleitung den eigentlich im Landesgesetz geforderten Lehrumfang auf null reduzieren.

Honorarprofessor im Rentenalter

Ein besonders illustrer Fall von Namenswerbung ohne wirkliche Lehre ist der des Großverlegers Alfred Neven DuMont. Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg machte ihn 2001 mit 74 Jahren zum Honorarprofessor. Weshalb? Der zuständige Medienprofessor Reinhold Viehoff erklärt: In dem Alter sei natürlich niemand mehr zur Lehre verpflichtet. Der Professorentitel gelte insbesondere für Neven DuMonts Verdienste als Eigentümer der "Mitteldeutschen Zeitung". Die Zeitung berichtet gerne und viel über die Uni.

Wäre er nicht im gehobenen Rentenalter, sollte Neven DuMont eigentlich zwei Semesterwochenstunden unterrichten, so steht es im Hochschulgesetz von Sachsen-Anhalt. Neven DuMonts Sekretariat teilte mit, vor August könne sich der Verleger nicht zu seiner Honorarprofessur äußern.

Mit solcher Titelvergabe ohne wirkliches Lehrangebot im Studienfach wird aus einer Honorarprofessur so etwas wie ein eigentlich ganz anderer Ehrentitel: "Professor/in ehrenhalber (e.h.)" gibt es zwar. Den Titel verleiht aber nicht die Hochschule, sondern die Landesregierung. Der ist in der Regel Spitzenbeamten oder großen Stiftern vorbehalten.

Um der Verlotterung der Vergabesitten bei Honorarprofessuren vorzubeugen, setzte das Amt des Honorarprofessors ursprünglich eine etwa fünfjährige nebenamtliche Tätigkeit als Lehrbeauftragter voraus. Praxiserfahrene Ingenieure, Betriebswirte oder Juristen lassen sich oft nur mit der Aussicht auf den Professorentitel für eine solche nebenberufliche Lehrarbeit ködern. Heute allerdings besteht die traditionelle Fünf-Jahres-Sperrfrist vor der Titelvergabe längst nicht mehr in allen Bundesländern.

Am Beispiel Ulrich Wickert zeigt sich, wie die einst über Lehrjahre verdiente Belohung zum Promibonus wurde - für den Journalisten ebenso wie für die Hochschule. Die FH in Sachsen-Anhalt machte 2004 den damaligen "Mr. Tagesthemen" Ulrich Wickert zum Honorarprofessor. Damals sah die Grundordnung der Hochschule Magdeburg-Stendal noch eine vorausgegangenen Dozententätigkeit aus.

Über die Vorschrift setzte man sich aber damals hinweg, räumen die Sprecher der FH und des Landes Sachsen-Anhalt ein. Wickert möchte dazu nichts sagen. Die Regelung in der Grundordnung der Fachhochschule wurde inzwischen der neuen Vergabepraxis angepasst. Immerhin: Der bekannte Moderator und Autor kommt etwa alle zwei Semester für ein Blockseminar und stellte sich einigen Diskussionsveranstaltungen. Wickert-Fans können sich den November 2012 vormerken. Dann schaut "Mr. Tagesthemen" wieder einmal an seiner Hochschule vorbei.

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