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15. April 2015, 15:23 Uhr

Berufsbildungsbericht

Unternehmen sind bei Azubis zu wählerisch

Weniger Lehrlinge, weniger Ausbildungsbetriebe - aber auch viele unbesetzte Lehrstellen: Mit einem milliardenschweren Förderprogramm versucht die Regierung, mehr Ausbildungschancen für Schulabgänger zu schaffen.

Sie fehlen im Einzelhandel, in Restaurants, in Bäckereien, in Hotels, in Friseurgeschäften, in Fleischereien und Bäckereien: Es gibt immer weniger Lehrlinge in Deutschland. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist auf 518.400 gesunken. Im Vergleich zum Vorjahr sind das 7500 Verträge weniger, wie aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen.

Auch gibt es immer weniger Betriebe, die Lehrlinge ausbilden. Die Quote der Ausbildungsbetriebe lag im vergangenen Jahr mit 20,7 Prozent auf dem niedrigsten Wert seit 1999. Das geht aus dem Berufsbildungsbericht hervor, der an diesem Mittwoch vom Bundeskabinett verabschiedet worden ist.

Vor allem Abiturienten entscheiden sich demnach immer seltener dazu, eine Lehre zu beginnen. Etwa die Hälfte aller Schulabgänger mit Abitur nehmen ein Studium auf. Zurzeit sind rund 2,7 Millionen Studenten an den Hochschulen in Deutschland eingeschrieben.

Mit einem 1,3 Milliarden Euro umfassenden Förderprogramm für den Berufseinstieg will die Bundesregierung nun die betriebliche Ausbildung fördern. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) räumte ein, es gebe "trotz demografischen Wandels weiterhin Probleme beim Übergang von der Schule in den Beruf". Vor allem Hauptschüler hätten oft keine Chance auf eine Lehrstelle. Deshalb biete die Regierung mit ihren Programmen auch kleineren Betrieben ein Coaching für den Umgang mit solchen Bewerbern an. Bis 2018 sollen damit 500.000 junge Leute erreicht werden.

Leistungsschwächere Schüler berücksichtigen

Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und Andrea Nahles appellierten an die Unternehmen, auch leistungsschwächere Schüler in den Blick zu nehmen. Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack kritisierte: "Mehr Jugendliche gehen bei der Suche nach einer Ausbildung leer aus, während gleichzeitig die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze steigt." Im vergangenen Ausbildungsjahr konnten 37.100 betriebliche Lehrstellen nicht besetzt werden. Es fanden allerdings auch rund 20.900 Bewerber keine Ausbildungsstelle.

Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Hubertus Heil, sagte: "Es ist nicht zu akzeptieren, dass Ausbildungssuchende mit schwachen Schulabschlüssen keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt bekommen und somit viele Plätze unbesetzt bleiben."

Ende 2014 hatte die Bundesregierung mit Ländern, Wirtschaft, Gewerkschaften und Bundesagentur für Arbeit die "Allianz für Aus- und Weiterbildung 2015-2018" gegründet, um zu verdeutlichen, wie wichtig die duale Berufsbildung für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist. Die rund 1,3 Milliarden Euro der beiden Ressorts, die nun die Berufsausbildung fördern sollen, seien "frisches Geld", sagten Wanka und Nahles.

kha/dpa

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