Berufsbildungsbericht Unternehmen sind bei Azubis zu wählerisch

Weniger Lehrlinge, weniger Ausbildungsbetriebe - aber auch viele unbesetzte Lehrstellen: Mit einem milliardenschweren Förderprogramm versucht die Regierung, mehr Ausbildungschancen für Schulabgänger zu schaffen.

Auszubildende in Halle (Archiv): Bundesregierung verspricht "frisches Geld"
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Auszubildende in Halle (Archiv): Bundesregierung verspricht "frisches Geld"


Sie fehlen im Einzelhandel, in Restaurants, in Bäckereien, in Hotels, in Friseurgeschäften, in Fleischereien und Bäckereien: Es gibt immer weniger Lehrlinge in Deutschland. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist auf 518.400 gesunken. Im Vergleich zum Vorjahr sind das 7500 Verträge weniger, wie aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen.

Auch gibt es immer weniger Betriebe, die Lehrlinge ausbilden. Die Quote der Ausbildungsbetriebe lag im vergangenen Jahr mit 20,7 Prozent auf dem niedrigsten Wert seit 1999. Das geht aus dem Berufsbildungsbericht hervor, der an diesem Mittwoch vom Bundeskabinett verabschiedet worden ist.

Vor allem Abiturienten entscheiden sich demnach immer seltener dazu, eine Lehre zu beginnen. Etwa die Hälfte aller Schulabgänger mit Abitur nehmen ein Studium auf. Zurzeit sind rund 2,7 Millionen Studenten an den Hochschulen in Deutschland eingeschrieben.

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Leerstellen im Lehrlingsmarkt: Tops und Flops der Ausbildungsberufe
Mit einem 1,3 Milliarden Euro umfassenden Förderprogramm für den Berufseinstieg will die Bundesregierung nun die betriebliche Ausbildung fördern. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) räumte ein, es gebe "trotz demografischen Wandels weiterhin Probleme beim Übergang von der Schule in den Beruf". Vor allem Hauptschüler hätten oft keine Chance auf eine Lehrstelle. Deshalb biete die Regierung mit ihren Programmen auch kleineren Betrieben ein Coaching für den Umgang mit solchen Bewerbern an. Bis 2018 sollen damit 500.000 junge Leute erreicht werden.

Leistungsschwächere Schüler berücksichtigen

Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und Andrea Nahles appellierten an die Unternehmen, auch leistungsschwächere Schüler in den Blick zu nehmen. Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack kritisierte: "Mehr Jugendliche gehen bei der Suche nach einer Ausbildung leer aus, während gleichzeitig die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze steigt." Im vergangenen Ausbildungsjahr konnten 37.100 betriebliche Lehrstellen nicht besetzt werden. Es fanden allerdings auch rund 20.900 Bewerber keine Ausbildungsstelle.

Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Hubertus Heil, sagte: "Es ist nicht zu akzeptieren, dass Ausbildungssuchende mit schwachen Schulabschlüssen keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt bekommen und somit viele Plätze unbesetzt bleiben."

Ende 2014 hatte die Bundesregierung mit Ländern, Wirtschaft, Gewerkschaften und Bundesagentur für Arbeit die "Allianz für Aus- und Weiterbildung 2015-2018" gegründet, um zu verdeutlichen, wie wichtig die duale Berufsbildung für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist. Die rund 1,3 Milliarden Euro der beiden Ressorts, die nun die Berufsausbildung fördern sollen, seien "frisches Geld", sagten Wanka und Nahles.

kha/dpa



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sikasuu 15.04.2015
1. Es ist MARKT=hier Arbeitsmarkt! Verhaltet Euch wie Markteilnehmer...
... liebe Betriebe. Macht die Ausbildung, die Arbeits- und Verdiesntbedingungen, die Möglichkeiten eines Aufstieges so, das es wieder Menschen interessant finden eine Lehre zu machen. . In de letzen Jahrzenhten ist Lehre zu Leere verkommen und die Chancen eines selbts hochqualifizierten Facharbeiter sind nur noch miserabel. Es ist Arbeitsmarkt, die WARE Arbeitskraft geht da hin, wo die Anbieter die größten Verwertungschnacen sehen. Ist doch das Creodo unserer Gesellschaft.
casparman 15.04.2015
2. Ähm
Beispiel: Ich lade 10 Hauptschüler zum Bewerbungsgespräch bei einer Metallbaufirma ein. Alle 10 erhalten die gleiche, einfache Rechenaufgabe zum Thema "Materialverschnitt". Ich erhalte 10 verschiedene Ergebnisse, alle falsch, wen stelle ich ein? Wem gebe ich die Chance, bei mir Addition und Subtraktion ... äh tschuldigung, Puls- und Minusrechnen beizubringen? Sollte ich einen davon nehmen, hätte er die Chance bei mir sogar Multiplikation und Division zu lernen, sind das ausreichende Aufstiegschancen?
OskarVernon 15.04.2015
3.
Zitat von casparmanBeispiel: Ich lade 10 Hauptschüler zum Bewerbungsgespräch bei einer Metallbaufirma ein. Alle 10 erhalten die gleiche, einfache Rechenaufgabe zum Thema "Materialverschnitt". Ich erhalte 10 verschiedene Ergebnisse, alle falsch, wen stelle ich ein? Wem gebe ich die Chance, bei mir Addition und Subtraktion ... äh tschuldigung, Puls- und Minusrechnen beizubringen? Sollte ich einen davon nehmen, hätte er die Chance bei mir sogar Multiplikation und Division zu lernen, sind das ausreichende Aufstiegschancen?
Den, der mit der geringsten Verspätung zum Gesprächstermin erschienen ist ;-)
trader_07 15.04.2015
4. Sind Unternehmen tatsächlich...
"Unternehmen sind bei Azubis zu wählerisch" Sind Unternehmen tatsächlich jetzt schon zu wählerisch, wenn sie das Beherrschen der Muttersprache in Wort und Schrift und der vier Grundrechenarten verlangen?
M. Thomas 15.04.2015
5. Mooooment mal.
Nach dem Genuss der Überschrift habe ich den Artikel gar nicht mehr gelesen. Gut, ich wusste schon durch eine Radioreportage, wohin die Reise thematisch gehen soll: die armen Hauptschüler. Abgehängt, chancenlos und ausgeklammert. Ich war jahrelang mit ausbilderischen Tätigkeiten im weitesten Sinne befasst und habe daher folgendes leider selber erleben müssen: Absolventen einer Mittleren Reife bekommen kaum noch einen einzigen, fehlerfreien Satz aufs Papier und kennen vor lauter Rechten keine Verpflichtungen mehr. Mit einer herausfordernden Aufgabe sind sie prinzipiell überfordert, weil sie sich kaum zu größerem Einsatz aufraffen können. An der Intelligenz liegt es weniger - wohl mehr an mangelhafter Willensbildung. Abiturienten verstehen zwar ob der Strategie ihrer Schulausbildung (etwas) schneller und sind auf dem Papier etwas besser, leiden jedoch im Grunde an den gleichen Problemen. An der Arbeitsfront heißt es da schnell: "Der kriegt den Arsch nicht hoch." Hauptschüler versammeln all diese Probleme und einige von ihnen potenzieren diese noch. Hier treten dann auch noch sehr oft (zwischen-) menschliche Probleme dazu. Wenn die Wirtschaft sagt, dass viel zu viele Absolventen von Schulen quer durch alle Kategorien kaum noch einzusetzen sind, kann ich das durch eigene Erfahrung nur bestätigen. Der Teil derer, die man nach gründlicher Ausbildung ruhigen Gewissens in die Produktion oder gar auf Kunden loslassen kann, wird immer geringer.
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