Bestechung in der Wissenschaft Wie Erfolg uns süchtig macht

Kein Wissenschaftler sieht sich gern als bestechlich an. Doch Manipulation und Einflussnahme laufen sehr subtil ab, erklärt Professor Thomas Kliche in der "duz". Der Trick: Auch Korruption kann zu Beginn noch ganz moralisch wirken.

Ein paar Scheine regeln das schon? Bestechung in der Wissenschaft läuft viel subtiler
Corbis

Ein paar Scheine regeln das schon? Bestechung in der Wissenschaft läuft viel subtiler


Warum werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beeinflussbar? Nicht unbedingt aus Verschlagenheit, Geltungssucht oder Habgier. Gerade der Wunsch, als "guter Forscher" Anerkennung zu finden, kann sie in die Beeinflussbarkeit locken. Das damit verknüpfte Selbstbild kann nämlich dazu beitragen, Fehlverhalten vor der eigenen Person zu rechtfertigen - und das ist die erste, entscheidende Prüfinstanz. Welche Mechanismen können sich Einflüsterer dabei zunutze machen?

Das Forum: Wissenschaftsdisziplinen sind Communitys, ihre Inhalte und Methoden geben ihnen Selbstverständnis und Entwicklungsdynamik. Der Einflüsterer präsentiert sich als Teil dieser Gemeinschaft: Er bietet folglich Foren fachlicher Verständigung an - und steuert unauffällig deren Ausrichtung. Wer als Forscher Geld einwirbt oder Veröffentlichungen vorlegt, gilt als Leistungsträger. Unterstützt ein Einflüsterer also Outputs, die zum Kern wissenschaftlichen Leistungsverständnisses gehören, so kann er mit freundlichem Interesse rechnen.

Dazu kommt, dass externe Partner der Wissenschaft ein Sinnangebot machen: Wenn wissenschaftliche Arbeiten verwendet werden, wenn sie Praxis und Leben beeinflussen, dann nützen sie doch den Menschen. Das verleiht der Wissenschaft Würde und Kraft. Der Einflüsterer suggeriert zu diesem Zweck eine Nutzungs- und Sinngemeinschaft, etwa durch Qualifikationsangebote, transferbezogene Fachveranstaltungen oder Handreichungen.

Die Vorleistung: Wer Zuwendung erhält, möchte seinerseits wiederum etwas Gutes beitragen, dem anderen weiterhelfen - ein Merkmal gerade auch moralisch sensibler Menschen. Der Einflüsterer schafft deshalb mit Vorleistungen ein Gefühl der Verpflichtung zu einer Sache, einem gemeinsamen Vorhaben und dessen Partnern. In der Sozialpsychologie ist dieser Mechanismus als Reziprozität bekannt: Vorleistungen lösen beim Beschenkten fast automatisch das Gefühl aus, zu einer Gegenleistung verpflichtet zu sein, damit die Bilanz des Gebens und Nehmens fair bleibt.

Die Zusammenarbeit: Korruption beginnt langsam und schleichend, mit dem "Anfüttern", mit unaufwendigen, unauffälligen Hilfestellungen. Wünsche und Vorschläge des Einflüsterers folgen später ganz unauffällig in kleinen Schritten, sobald die Gewohnheit der Zusammenarbeit und die Vorstellung gemeinsamer Interessen fest verinnerlicht sind. Der Einflüsterer bindet seine Adressatinnen und Adressaten dafür über Jahre in Netze symbiotischer Zusammenarbeit ein.

Kaum jemand erlebt sich gern als beeinflussbar. Es erzeugt eine unangenehme Spannung, eine sogenannte kognitive Dissonanz, wenn das eigene Selbstbild als unabhängiger Forscher mit dem Dienst für den Einflüsterer kollidiert. Es tut dem Selbstbild folglich gut, von selbst und von vornherein die Sichtweisen wichtiger Kooperationspartner zu antizipieren und zu übernehmen. Der sozialpsychologische Mechanismus der Reduktion kognitiver Dissonanzen macht direkte Beeinflussung und Absprache gänzlich unnötig. Der Einflüsterer wird also einen Rahmen strategischer Kooperation anbieten und dann Geduld haben.

Fehlverhalten, Beeinflussbarkeit und Fälschungen entwickeln so eine Eigendynamik, die schwer umkehrbar ist. Wie will man im Kollegium plausibel machen, dass man eine spektakuläre Versuchsreihe oder eine ertragreiche Kooperation unvermittelt abgebrochen hat? Die Reduktion kognitiver Dissonanzen schützt zudem die eigene Person beim Weitermachen vor unerfreulichen Einsichten.

Die Sozialisation: Schon Studis betrügen in nennenswertem Umfang. Untersuchungen der Alltagskriminalität zeigen, dass die individuelle Einstellung zu Normen einer der stärksten Vorhersagefaktoren abweichenden Verhaltens ist. Ethik führt dennoch ein Schattendasein in Ecken des Curriculums, sie wird nicht vorgelebt. Die meisten Professorinnen und Professoren haben mittlerweile die Schule der Drittmittelakquise vollständig durchlaufen: Projekteinwerbung ist ein zentrales Ausschreibungskriterium und schafft gute Bedingungen für zahlreiche Veröffentlichungen. Erfolg bleibt in der Wissenschaft ein unangefochten machtvoller Lehrer.

Eine Neigung zu beißender Selbstkritik hilft gewiss, subtilere Beeinflussung im eigenen Leben zu erkennen. Aber sie belastet das Selbstwertgefühl, damit den Erfolgsoptimismus, und der wiederum motiviert zu neuen Anstrengungen. Wer Nachsicht mit sich selbst übt, gestattet sich mehr Chancen. Es ist also keine triviale Leistung, moralisch zu handeln, wenn der Erfolg anderswo lockt.

Erschienen in: duz Magazin 6/2014

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
hrb1035 04.07.2014
1.
Die moderne Wissenschaft gestaltet sich immer mehr als Pseudo-Wissenschaft.
parsimony 04.07.2014
2. Es ist sogar noch viel schlimmer,
denn wenn man genau hinschaut, sieht man, dass hinter den großen Netzwerkbildner und Geldgebern wie DFG und BMBF die gleichen Finanziers stecken, die sogar EU-Projekte und selbst die direkte Bezahlung vieler Forscher übernehmen. Ja genau, ich sprech von den mafiösen Einflüsterern, die über Mittelsmänner all die kriminelle Forschungspolitik bezahlen, diese kriminellen Steuerzahler wie sie und mich.
pepe_sargnagel 04.07.2014
3.
Zitat von sysopCorbisKein Wissenschaftler sieht sich gern als bestechlich an. Doch Manipulation und Einflussnahme laufen sehr subtil ab, erklärt Professor Thomas Kliche in der "duz". Der Trick: Auch Korruption kann zu Beginn noch ganz moralisch wirken. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/bestechung-in-der-wissenschaft-die-schmiergeld-falle-a-971996.html
Schade, dass nicht auch ein Lösungsvorschlag gekommen ist. Ich stimme der Analyse der Probleme ja oberflächlich zu - nur habe ich mich nur nicht so tief damit beschäftigt, dass ich auch Lösungsvorschläge unterbreiten könnte. Es ist mittlerweile normal einem "Rangöheren" oder einem Editor einer Zeitschrift die Getränke beim Dinner zu bringen. Hauptsache er ist einem danach wohlgesonnen. So beginnen Netzwerke und das Zuschazen von Fördermitteln und Publikationen - was natürlich die Wissenschaft von innen heraus zersetzt. Günstlingswirtschaft ist nicht nur in der Politk nicht gut: Aber wie soll man diesen Teufelskreis durchbrechen? Es handeln Menschen, die in allen Bereichen des Lebens ihr Macht ausnutzen?! - Jährliche zufällige Vergabe von Editorenposten? - Zufällige Vergabe der Fördermittel? (das muss evtl. nicht mal schlechter sein als Günstlingswirtschaft - kann aber schlechter verlaufen) - Weniger Drittmittelfinanzierung aufdrängen und mehr staatliche Gelder für akademischen Mittelbau (aber dann beginnt die Günstlingswirtschaft bereits in der eigenen Hochschule). ... Ich weiß auch keinen Lösungsweg, der sicherlich besser ist als der aktuelle status quo.
Nicole1975 04.07.2014
4. So erlebe ich das auch
Fuer einen jungen, unabhaengig denkenden Forscher ist es heute kaum noch moeglich, Karriere in der Wissenschaft zu machen. Durch die lange Postdoc-Phase haengt die eigene Existenz vom Wohlwollen des Direktors ab, zumal die gleichen 'Honorationen' auch in den Drittmittel-Gremien sitzen. Der 'Exzellenz-'Druck wird von oben nach unten hin weitergegeben, fuer Kreativitaet und einen offenen Ideenaustausch bleibt da keine Zeit mehr. Was als 'Exzellenz' bezeichnet wird, ist in Wahrheit oft eine Mischung aus Aggressivitaet und Narzissmus, mithin das genaue Gegenteil von 'Exzellenz'. Wer ein eigenes fundiertes wiss. Profil entwickeln will, der braucht eine verlaessliche langfristige Finanzierung (und gerade auch einen unbefristeten Job), um auch mal ein riskantes Projekt beginnen zu koennen (die meisten wirklich neuen Projekte sind am Anfang sehr riskant), bzw. ein etwas dickeres Brett zu bohren. Das geht nicht, wenn man jedes Jahr 10 Papers publizieren muss damit man in zwei Jahren einen neuen Job bekommt -- wo man dann wieder an dem Projekt eines anderen arbeiten wird, anstatt sein eigenes Projekt hochzuziehen. Die eurpaeische Forschungslandschaft ist inzwischen viel mehr auf kurzfristige Erfolge getrimmt als die vielzitierten Ivy-League-Universitaeten, wo die Professoren durchaus eine sehr solide Grundfinanzierung haben, und eine Jobsicherheit (Tenure) die der im Rest der Bevoelkerung zumindest gleich kommt (die ja fuer sich genommen nicht so hoch ist wie bei uns).
susuki 04.07.2014
5.
Ich bin, durch meine Ausbildung, zu wissenschaftlicher Arbeit berechtigt. Meine Tätigkeit und Fähigkeiten bringen die Wissenschaft aber nicht weiter. So sollten es 99.9% der Akademiker azch sehen...
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