Berlin Hochschule streitet über antisemitischen Namensgeber

Die Berliner Beuth-Hochschule hadert mit ihrem Namen: Der preußische Beamte Beuth war Antisemit. Auf einem Symposium soll über eine mögliche Umbenennung debattiert werden - aber Kritiker fühlen sich ausgebremst.

Beuth-Hochschule für Technik in Berlin
imago/Jürgen Ritter

Beuth-Hochschule für Technik in Berlin

Von Petra Sorge


Er bezichtigte Juden der "rücksichtslosen Gewinnsucht und der Arbeitsscheu" und wünschte sich das "Verbluten" von "Judenjungen" bei der Beschneidung: Der preußische Beamte Christian Peter Wilhelm Beuth (1781-1853) war nicht nur Wegbereiter der Ingenieurwissenschaften - sondern auch Antisemit. Darf so ein Mensch Namenspatron einer deutschen Hochschule sein?

Wegen dieser Frage brodelt es an der Berliner Beuth-Hochschule für Technik. Sie hat erst 2009 den Namen Beuths angenommen, noch bevor die Vorwürfe gegen ihn einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden - und steht nun unter Druck: Soll sie sich erneut umbenennen?

Darüber diskutieren die Betroffenen seit eineinhalb Jahren - und am 17. und 18. Januar auch auf einem Symposium. Anschließend soll die Hochschule in einer Umfrage beteiligt werden. Das Brisante: Einerseits betont Präsidentin Monika Gross, der Diskurs gebe "allen Mitgliedern der Hochschule Gelegenheit, sich eine eigene Meinung zu bilden". Andererseits fühlen sich gerade diejenigen, die sich für eine Umbenennung stark machen, übergangen.

Argumente brauchen "keinen Schutz vor der Öffentlichkeit"

Der Soziologe und Rassismusforscher Achim Bühl, der mit seiner Stellungnahme zu Beuth im Juni 2017 die ganze Diskussion erst in Gang gebracht hat, sitzt auf keinem Podium. Einen Redebeitrag bekommt auch kein Vertreter der Initiative zur Umbenennung der Hochschule, einer Vereinigung kritischer Professoren.

"Die Initiative wurde auch bei der Vorbereitung nicht eingebunden", erklärt Mitinitiator Matthias Schmidt, Professor für Unternehmensführung und -ethik. Die Hochschule hat angeboten, beim Abschlusspodium den Platz eines Studentenvertreters einzutauschen. Das lehnten der Allgemeine Studierendenausschuss und die Initiative jedoch ab. Man sei noch "in der Abstimmung", heißt es nun vom Präsidium.

Die Initiative zur Umbenennung bekam nach eigenen Angaben nicht mal eine eigene Webseite. Stattdessen ein knappes Thesenpapier auf der offiziellen Diskursseite - hinter einer Passwortwand. Schmidt empört das: Die Argumente der Initiative bräuchten "keinen Schutz vor der Öffentlichkeit".

Die Pressestelle der Hochschule dagegen erklärt, das Symposium sei bereits im Sommer 2018 konzipiert worden. "Zu diesem Zeitpunkt gab es die Initiative nicht." Zudem werde die Vergabe von Webseiten durch ein internes Verfahren geregelt. Das Thesenpapier sei ausgewiesen als "offen für alle Mitglieder der Hochschule".

"Äußerst krude Thesen"

Hinter dieser Passwortschranke lauert nun akademischer Sprengstoff. Im Kern geht es dabei vor allem um die Frage, ob Beuth wirklich Antisemit war - oder nicht. Damit beschäftigt sich zum Beispiel ein Papier des Altpräsidenten der Hochschule, Reinhard Thümer, der die Umbenennung 2009 maßgeblich mitzuverantworten hatte.

Seine These: Beuths öffentliches Wirken zeige "eine Persönlichkeit, die den Vorwurf Antisemit nicht verdient". Aufgrund von Abweichungen bei der Handschrift könne "weder verifiziert noch falsifiziert werden", ob Beuth tatsächlich der Urheber einer besonders üblen judenfeindlichen Rede und auch Mitglied der entsprechenden Gesellschaft gewesen sei.

Es geht um eine Rede, die Beuth zwischen 1810 und 1816 vor der Deutschen Tischgesellschaft hielt und die der Soziologe Bühl in seiner Stellungnahme von 2017 zitiert. Demnach verhöhnte Beuth die Juden und erinnerte daran, dass es bereits im Mittelalter eine verpflichtende Kennzeichnung für sie gab, nämlich "gelbe spitze Hüte": "Als 24 Juden 1510 in Berlin lebendig verbrannt wurden, trugen sie dergleichen (...), wie solches Juden gebührt."

Bühl sieht hier deutliche Annäherungen an den "eliminatorischen Antisemitismus" des späteren Nationalsozialismus. Thümers Einlassungen dagegen hält der Soziologe für "unwissenschaftliche, nicht belegbare, gänzlich spekulative und äußerst krude Thesen", wie er in einer Stellungnahme schreibt. Thümer ist weder Historiker noch Soziologe, sondern promovierter Wirtschaftsingenieur.

"Dokument der Leugnung"

Tatsächlich ist Beuths Judenhass auch außerhalb der Tischgesellschaft dokumentiert. Einen Beleg dafür lieferten etwa die Historiker Jörg Rudolph und Christian Schölzel, die die Universitätspräsidentin Gross als externe Gutachter beauftragt hatte: eine Stellungnahme Beuths an König Friedrich Wilhelm III. aus dem Jahr 1822. Beuth war damals Mitglied des preußischen Staatsrates und wollte unbedingt eine Gleichstellung der Juden verhindern. Er sah sie laut Rudolph und Schölzel als habgierig, verkommen, faul und triebgesteuert an.

Für Thümer sind solche Aussagen allerdings keine "Beuthsche Spezialität", sondern lediglich Stereotype, die sich "im gesamten 'christlichen Abendland' wiederfinden". Bühl schrieb darauf im Dezember 2018: Das zweite Thümer-Papier sei ein "Dokument der Leugnung des Antisemitismus Beuths, das verschwörungstheoretische Züge annimmt".

Die Hochschule verwahrt sich dagegen. Thümer habe "nie Antisemitismus geleugnet", erklärt eine Sprecherin der Pressestelle dem SPIEGEL, "eine solche Behauptung ist ehrverletzend". Thümer selbst ergänzt, es müsse an einer wissenschaftlichen Einrichtung erlaubt sein, "Zweifel an einer herrschenden Meinung zu äußern, ohne dass man diffamiert wird".

In den Streit schalten sich nun nach und nach immer mehr Außenstehende ein - und liefern Bühl Rückendeckung. Darunter auch der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde Berlin, Sigmount Königsberg. Er hält das Thümer-Papier für "problematisch". "Dass Beuth ein Antisemit war, wurde bereits von mehreren Wissenschaftlern nachgewiesen", sagt er.

Auf Bühls Seite positioniert sich außerdem einer, den der Soziologe zuvor selbst angegriffen hatte: Helmut Reihlen habe Beuths Antisemitismus in den ersten drei Auflagen seiner großen Biografie nicht erwähnt, sondern erst in der vierten - im Jahr 2014. Aus Bühls Sicht ein Grund, warum bei der Wahl des Hochschulnamens Beuth niemand eine Ahnung hatte. Dazu sagt Reihlen heute: "Ich habe in den Unterlagen natürlich auch die hässlichen antisemitischen Aussagen Beuths gefunden." Sein Interesse sei damals aber ein anderes gewesen. "Ich habe falsch eingeschätzt, wie zentral das ist."

Am deutlichsten ist eine neunseitige Stellungnahme, die Uffa Jensen verfasste, stellvertretender Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Die Stellungnahme liegt dem SPIEGEL vor. Darin heißt es: Es sei dem Altpräsidenten Thümer offenbar einzig darum gegangen, Beuth gegen Vorwürfe zu "immunisieren". Es sei allerdings "unredlich, alternative Fakten zu suggerieren", nur "weil man bestimmte politische Interessen verfolgt".

Dem SPIEGEL liegt auch die Mail vor, die Jensen am Wochenende an die Hochschule schickte. Man trete "energisch" Thümers "Exkulpationsversuchen" entgegen, wonach damals sowieso alle antisemitisch gewesen seien. "Genau diesem Narrativ der historischen Banalisierung des Bösen versuchen wir durch unsere Arbeit entgegen zu wirken."

Jensen wird in dieser Woche auf dem Symposium mitdiskutieren - ebenso wie Thümer.



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