Bewegungsmelder Hallo Heidelberg, hier Wien

Ein Fünkchen springt über von Österreich nach Deutschland, melden Studenten in Münster, Heidelberg und Potsdam. Aus Solidarität mit protestierenden Studenten in Wien, Salzburg und andernorts haben sie Hörsäle besetzt - Brandbeschleuniger sind Liveschalten in die rebellische Alpenrepublik.

Ordentliche Besetzer in Münster wischten gleich morgens nach ihrem Einzug den Hörsaal
Asta Münster

Ordentliche Besetzer in Münster wischten gleich morgens nach ihrem Einzug den Hörsaal


Wer hätte das von Österreich gedacht? Weil Studenten in der Uni Wien seit zwei Wochen das Audimax besetzen, rollt von dort aus eine kleine Solidarisierungswelle nach Norden - erst von Alpental zu Alpental, dann den Rhein hinauf und nun auch bis nach Potsdam.

Doch der Reihe nach: Die Studenten in Österreich sind erzürnt, weil es über die Maßen eng geworden ist in den Hörsälen. Zugangsbeschränkungen für die vollsten Fächer wollen die Studenten ebenso wenig wie Studiengebühren - ganz anders als der konservative Wissenschaftsminister Hahn. Mit ihm forderten die studentischen Hörsaalbesetzer in Wien, Salzburg, Innsbruck, Linz und Graz Gespräche. Terminfindung? Kein Problem: "Wir sind zeitlich flexibel, da wir hier ohnehin nicht weggehen", so die Wiener Hörsaalbesetzer lakonisch.

Hahn will erst am 27. November mit Studentenvertretern und Bildungspolitikern palavern - er spielt auf Zeit. Erst mal gibt es per Livestream aus dem Wiener Audimax alles zu sehen, was so passiert: Diskussionen, Abstimmungen, Konzerte - und manchmal auch nur fünf sitzende Studenten, die sich tief über ihre Reader beugen.

Daneben rauschen Twitterfeeds die Internetseite runter - und die künden etwa von der "Besetzung" der Akademie der Bildenden Künste in München. Dort gab es am Donnerstag eine Solidaritätskundgebung mit den Kommilitonen in Wien, die dafür extra ein großes Transparent nach München geschickt hatten.

Der Hörsaal ist besetzt - ein bisschen

Bereits am Mittwoch hatten sich 200 Münsteraner solidarisch erklärt und sitzen seitdem im Audimax. Es gehe darum "europaweit ein Zeichen zu setzen". Ohne Webcam machen's auch die Münsteraner nicht. Freundlich, dass die Besetzer den Uni-Mitarbeitern Platz machen, damit die interessierten Schülern am großen Infotag erklären, wie das so geht, mit dem Bachelor-Studium - besetzt stellt man sich anders vor.

Dass sie anständige Leute sind, unterstrichen die Studenten in Münster schon am Donnerstagmorgen mit dem Wischmopp in der Hand. "Wir wollen die Reinigungskräfte nicht belasten und gute Gastgeber sein", so die Besetzer, denn zum Hochschultag strömen 20.000 interessierte Schüler auf den Campus und die will man nicht verschrecken - Brötchen und Kaffee gibt's obendrein, geschmiert von echten protestierenden Studenten. Ganz hinten im Hörsaal spannten die Protestierer ein Banner für den "Bildungsstreik" - denn unter diesem Motto soll ab 17. November eine zweite Runde der Sommerproteste von Schülern und Studenten anlaufen. Im Juni waren dafür über 100.000 von ihnen in ganz Deutschland auf der Straße.

Hallo, Heidelberg? Hier Wien

In Heidelberg nahmen 150 Besetzer am Dienstagabend den Hörsaal 14 der Neuen Universität in Beschlag - über Nacht blieben dann aber nur 30. Flammend ist auch die Rhetorik der Heidelberger, und auch sie beziehen sich auf die Alpenrepublik. Der "Funke aus Österreich" springe über, melden die Studenten. "Spontan" begeistert waren alle, als sie am Montag eine "Live-Schaltung" nach Wien aufbauten. Die österreichischen Studenten forderten die Heidelberger Kommilitonen in Echtzeit auf "die Bewegung nach Deutschland zu tragen" und gleich darauf beschlossen die Heidelberger nicht zu weichen.

In Workshops geht es seitdem ums weitere Protestprogramm. Die Uni will den besetzten Hörsaal vorerst nicht räumen, denn die Studenten ließen die Türen offen und stellten insgesamt wenig an. Im Juni hatte die Polizei nach drei Tagen die ausharrenden Studenten von der Rektoratstür weggetragen.

"Streikkomitee der Uni Potsdam überwältigt von der Resonanz"

Fünkchen stieben am Mittwoch ebenfalls in Potsdam: Eine Vollversammlung stimmte "für die Solidarisierung" mit Österreich, auch in Brandenburg löste eine "Zuschaltung" aus Salzburg, Heidelberg und Münster "tosenden Applaus" aus. Das "Streikkomitee der Universität Potsdam" war "überwältigt von der großen Resonanz" - so modern die technischen Mittel dieses Protestes sind, so altbacken kommen oft die Kommuniqués der Protestierenden daher. Uni und Asta meldeten das Audimax am Donnerstagnachmittag offiziell als besetzt.

Zornig waren auch die Studenten in Paderborn, verdächtigten sie doch ihr Präsidium, es habe mit ihrem Geld 2800 Netbooks für die Erstsemester der Uni eingekauft. Das bestritten Kanzler Jürgen Plato und Präsident Nikolaus Risch vehement: "Zu 100 Prozent keine Studiengebühren" seien in die verschenkten Kleincomputer geflossen.

Pluspunkt für Risch: Er stellte sich vergangenen Donnerstag vor mehr als 1000 wütende Studenten in den Hörsaal und hörte sich deren Kritik an, auch wenn ihm mancher Anwurf "weh tat". Er versprach, fortan regelmäßig den versammelten Studenten Rede und Antwort zu stehen. Zum Trost beklatschte ihn der ganze Saal.

cht/dpa



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