Bildung à la Dänemark Lerne lieber ungewöhnlich

Nach dem Abi husch-husch an die Uni, dann ruckzuck in den Job? Das Wettrennen in Richtung Arbeitsmarkt muss nicht sein - junge Dänen machen vor, wie man sich klug die ganz große Pause gönnt. Das verblüffend einfache Credo ihrer Lebensschulen: Jetzt lernen wir mal für uns. Und niemanden sonst.

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Aus Testrup berichtet


Julie Brønserud, 24, macht jetzt erst mal Pause. Seit Jahresbeginn hat sie ihren Bachelor als Bauingenieurin, doch statt sich gleich in einen Job oder in ein technisches Master-Studium zu stürzen, singt sie lieber.

Seit Mitte Januar lebt die Dänin mit knapp 120 jungen Erwachsenen auf einem ehemaligen Bauernhof nahe der Stadt Århus und probt immer montags, mittwochs und donnerstags mit ihrer Band. An zwei weiteren Vormittagen und drei Nachmittagen hat sie die freie Auswahl zwischen Aikido, Fotografie, Badminton, Theatersport, Malerei und Literatur.

"Ich mag viele Dinge: Kunst, Französisch, Singen, Religion", sagt sie, doch zwischen all den Mathe-Klausuren und Statik-Vorlesungen an der Uni war das kaum möglich. "Ich brauchte eine Auszeit." Jetzt singt und musiziert Julie und macht sonst nicht viel.

Wenn ihre Zeit hier vorbei ist, kriegt Julie kein Zeugnis. Sie hat für sich gelernt und für niemanden sonst.

Mehrere Monate sind Julie und ihre Mitschüler schon in der "Folkehøjskole" im Örtchen Testrup zwischen den langgezogenen grünen Hügeln Jütlands. Die meisten kommen anders als Julie direkt von der Schule. In Testrup werden die jungen Dänen bis Ende Juni zusammen leben, essen, wohnen - und lernen. Jeder hat eines der fünf Hauptfächer gewählt. Neben Musik sind es Philosophie, Literatur, Theater und Kunst - also ausschließlich Dinge, die als brotlos gelten.

Leitspruch: "Finde raus, worin du gut bist"

Die Højskole von Testrup ist eine von 76 solcher Schulen in dem kleinen skandinavischen Land, die jährlich rund 3500 Jugendliche besuchen. Mit Kost, Logis und Unterricht kostet der Aufenthalt im gemeinnützigen Erwachseneninternat umgerechnet rund 4000 Euro - den gleichen Betrag legt der Staat obendrauf.

Dafür stellt das Bildungsministerium ein paar Bedingungen an die Volkshochschulen, die mit einer deutschen VHS nur den Namen teilen: Sie müssen mindestens 28 Stunden pro Woche unterrichten, und die Inhalte müssen allgemeinbildend sein - ansonsten sind die Schulen unabhängig. Staatlich gefördert sollen sie den Jugendlichen helfen, sich zwischen Schulabschluss und Uni oder Arbeitsleben zu orientieren und dazuzulernen oder einfach im Studium die Chance für eine Pause bieten. "Finde raus, worin du gut bist", das ist ihr Leitspruch. Hier soll Bildung ein Abenteuer sein.

Leiter der wundersamen Schule in Testrup ist Jørgen Carlsen. Der rundliche, bärtige Mann sitzt in einem chaotischen Büro unter dem Dach eines der Bauernhäuser. Er schiebt Papierhaufen zur Seite, macht Platz für die Tassen und gießt Kräutertee ein.

Der Mensch soll doch kein "Produktionstier" sein

Im herkömmlichen Sinn sei das schon Zeitverschwendung, was seine Schule hier mache, sagt Carlsen und lacht. Genau das sei ja der Punkt: Von allen Seiten werde jungen Menschen heute eingetrichtert, sie müssten sich ausbilden, um produktiv zu sein, Geld zu verdienen und zu konsumieren, damit sich die Räder der Gesellschaft drehen. Carlsen gefällt das nicht - da werde der Mensch "zum Produktionstier". Was er und seine Kollegen an den Højskolen machten, das sei "prinzipieller Widerstand gegen die Funktionalisierung des Menschen in der modernen Gesellschaft".

Eine großzügige Auszeit ist in Dänemark nichts besonderes. Wer es sich leisten kann, macht nach der Schule eine einjährige Weltreise, absolviert kulturelle oder soziale Hilfsdienste im Ausland oder besucht für ein halbes Jahr eine Volkshochschule. Manche machen auch beides, Ausland plus lehrreiche Auszeit in der Heimat. Aber woher kommt die Idee, junge Erwachsene in speziellen Landschulen auf einen humanistischen Selbsterfahrungstrip zu schicken?

Schnell ist Schulleiter Carlsen beim geistigen Vorvater der Schulen: Nikolaj Frederik Severin Grundtvig, Pastor, Dichter und Historiker, dreimal verheiratet und "dreimal wahnsinnig, total wahnsinnig", sagt Carlsen. Manisch-depressiv würde man einen wie Grundtvig heute nennen. Trotzdem erfand er ein Modell der nicht-formalen Erwachsenenbildung, das in Dänemark auch über hundert Jahre nach seinem Tod ungebrochen populär ist.

Freies Lernen ohne Druck und Paukwissen

Die Højskole war für Grundtvig der Eckstein, auf dem er eine lebenswerte Gesellschaft errichten wollte. Freie Bildung ohne Druck und ohne Paukwissen für alle, stattdessen lernen in einer Gemeinschaft, die auch zusammen lebt. Der Denker wollte vor allem den Geist der Menschen bilden. Seine Ideen klingen wie eine Blaupause für Hippie-Träumereien des 20. Jahrhunderts - erfunden in Dänemark, dem offiziell glücklichsten Land Europas.

Deutschland ist anders getaktet. Nur noch 12 statt 13 Jahre bis zum Abitur, den Bachelor-Abschluss möglichst in drei Jahren - junge Erwachsene geraten oft in einen Geschwindigkeitsrausch, in dem Pausen nicht als Gewinn, sondern als Störung im Wettlauf Richtung Arbeitsmarkt gelten. Zwar gibt es für Schulabgänger das unter Spardruck geratene "weltwärts"-Programm und das Freiwillige Soziale Jahr - aber auch solche Arbeitseinsätze entsprechen nicht wirklich der dänischen Vorstellung von einer Auszeit. Und von den vor gut 100 Jahren in Deutschland nach dänischem Vorbild entstandenen Heimvolkshochschulen ist heute nicht mehr viel übrig.

Nur wenige bieten Jugendlichen ein ähnliches Programm, etwa die Heimvolkshochschule Hermannsburg in der Lüneburger Heide mit ihrem Winterkurs "moving times". Dort können 18- bis 25-Jährige vom November bis März an einem christlich geprägten Programm teilnehmen, in erster Linie ein Projekt zur Persönlichkeitsentwicklung und eine Gelegenheit, sich in vielen Feldern auszuprobieren - ganz wie in Dänemark.

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Dänen haben keine Lieder

Die große Pause, die junge Dänen in Testrup einlegen, tut offensichtlich gut. Zwischen den Gemeinschaftsbungalows laufen die meisten entspannt und gut gelaunt umher. Und wissen manchmal vor lauter Angeboten kaum, wo sie zuerst hin sollen. "Was wir machen?", fragt eines von zwei händchenhaltenden Mädchen und blinzelt in die Sonne. "Wir gehen zum Kaffeeröster-Workshop, Kaffee trinken." Das findet sie selbst ein bisschen lustig und lacht noch, als sie die Treppe hochsteigen und sich für die nächsten zwei Stunden duftenden Bohnen hinzugeben.

Abgesehen vom Unterricht und den Essenszeiten kann jeder tun und lassen, was er will. Alle Türen sind immer offen. Jeder kann nachts mit seinen Zimmerkollegen in einem Musikraum proben, Fotos in der Dunkelkammer entwickeln, am Lagerfeuer ein Feierabendbier trinken oder einfach nur lesen oder schlafen. Alles gehört allen und ist fast jederzeit verfügbar.

Streng wird Schulleiter Carlsen höchstens, wenn es ums gemeinsame Singen geht. Nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen im Speisesaal kommen Schüler und Lehrer zusammen, schlagen dicke blaue Gesangsbücher auf, links vorn klemmt sich der Musiklehrer hinter den Flügel. Natürlich gehört auch dazu eine pädagogische Idee: "Wer singt", sagt Carlsen, "ist niemals gleichgültig" - die Grundtvig-Schulen seien ein "organisierter Prozess gegen die Gleichgültigkeit".

Diese dänischen Schulen stellen das Lehrer-Schüler-Verhältnis auf den Kopf. "Hier herrscht Freiheit", sagt Schulleiter Carlsen. Und meint vor allem die Freiheit der Schüler. Die üblichen Sanktions- und Bewertungsmechanismen greifen hier nicht - keine Noten, keine Zeugnisse und Zertifikate. Denn ein Machtverhältnis, sagt Carlsen, blockiere die Lernlust.

Antrieb durch den humanistischen Kick

Am freien Mittwochnachmittag hat Julie mit den Mitbewohnern ihren Bungalow aufgeräumt. Das Gemeinschaftsleben gefällt ihr. "Ich will mich entwickeln und meine Grenzen verschieben", sagt sie. Auf dem Weg zum Musikraum eilt Julie an der gelben Ziegelwand des Hauptgebäudes vorbei. Die Mauer ist auf ganzer Länge übersät mit in den Stein geritzten Namen ehemaliger Schüler.

Wieder wegzugehen fällt den meisten schwer, tränenreich sind oft die Abschiede, erzählen die Lehrer. Ende Juni wird auch Julie vor dieser Wand stehen und ihren Namen in den bröseligen Sandstein schaben, dazu die Jahreszahl 2010. Dann ist ihre Pause, ihr "humanistischer Kick", wie das Schulleiter Carlsen nennt, vorbei.

Ob das nicht ein wenig verrückt ist, eine so großzügige Auszeit, eine Lücke im Lebenslauf, wäre es nicht besser, schnell Karriere zu machen? Julie zuckt mit den Schultern. In Dänemark machten das doch alle, sagt sie. Selbst ihre Mutter nehme noch heute zweiwöchige Sommerkurse an Volkshochschulen.

Verrückt finden es die Dänen höchstens, wenn man sich selbst nicht frei entfalten kann. Und sie selbst, sagt Julie, sei damit auch noch lange nicht fertig.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
haxxor 09.06.2010
1. Auszeit
Also ich halte das Modell für eine tolle Idee, vor allem weil es laut Artikel auch praktikabel ist und in Dänemark akzeptiert. Bei mir lief alles recht zielstrebig. Abitur, Studium angegangen, Ausbildung gemacht, nun im Arbeitsleben. Alles direkt hintereinander weg. Eine längere und für mich selber wertvoll genutzte Auszeit ohne Druck wünsche ich mir nun des öfteren, aber wo baut man die noch ein? Gerade in der Informatik habe ich die Befürchtung mit einem Jahr "ich bin dann mal weg" den Anschluss zu verlieren. Wobei so eine Auszeit, zu reisen, zu erleben, mir sicherlich einiges an Lebensqualität bringen würde.
eikfier 09.06.2010
2. ...keine Segelanweisung
Zitat von sysopNach dem Abi husch-husch an die Uni, dann ruckzuck in den Job? Das Wettrennen in Richtung Arbeitsmarkt muss nicht sein - junge Dänen machen vor, wie man sich klug die ganz große Pause gönnt. Das verblüffend einfache Credo ihrer Lebens-Schulen: Jetzt lernen wir mal für uns. Und niemand sonst. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,698141,00.html
...goldrichtig! Der Mensch braucht Umwege wie die Luft zum Leben, sonst ist er im Alter sehr unzufrieden. Nur wann und wo es Zeit für Umwege ist, muß jeder Mensch für sich alleine finden, manchmal schubst ein das Leben ja auch ein wenig, Segelanweisungen dafür gibt es nicht...
Cholerix, 09.06.2010
3. Glückliches, weitsichtiges Dänemark
Zitat von sysopNach dem Abi husch-husch an die Uni, dann ruckzuck in den Job? Das Wettrennen in Richtung Arbeitsmarkt muss nicht sein - junge Dänen machen vor, wie man sich klug die ganz große Pause gönnt. Das verblüffend einfache Credo ihrer Lebens-Schulen: Jetzt lernen wir mal für uns. Und niemand sonst. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,698141,00.html
Gabs hier auch mal, wenn auch eher unorganisiert - an den Unis VOR Einführung von Bachelor & Co, die in der aktuellen Form ja nichts anderes sind als den Unibetrieb weg vom alten humboldschen Ansatz Richtung wirtschaftlicher Verwertbarkeit des Outputs zu "optimieren" - wobei die Persönlichkeitsbildung des Individuums dann dank Normung und nicht nur aus Zeitmangel komplett auf der Strecke bleibt.
jjh, 09.06.2010
4. Schön...
...wenn man sich's leisten kann. Ich hatte nach meinem Studium gar nicht die finanziellen Mittel um erstmal monatelang auf lau zu machen... Halte das aber prinzipiell für einen richtigen weg (Kreativität und Selbstfindung wird bei den meisten Menschen durch Leistungsdruck abgetötet) und freue mich für die Dänen...
mavoe 09.06.2010
5. Gap-Year
Zitat von sysopNach dem Abi husch-husch an die Uni, dann ruckzuck in den Job? Das Wettrennen in Richtung Arbeitsmarkt muss nicht sein - junge Dänen machen vor, wie man sich klug die ganz große Pause gönnt. Das verblüffend einfache Credo ihrer Lebens-Schulen: Jetzt lernen wir mal für uns. Und niemand sonst. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,698141,00.html
Ja ist DAS was neues? Nach dem Abi musste ich ruckzuck zum Bund und danach gings ruckzuck zur Uni. Und nach dem Vordiplom hatte ich auch erstmal die Schnauze voll. Auszeit. Geld verdienen beim Daimler und danach nach Pakistan geflogen. Geendet hat die ganze Tour dann in Bali. 1989/90. Das war ein lustiges Gap-Year. Bin weggefahren als Honni noch Chef der DDR war und bin zurückgekommen in eine vergrößerte BRD. Dann ging das Studium weiter und jetzt bin ich als Physiker und Fachinformatiker in Lohn und Brot.
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