Bildungs-Standort D Fremde Sprache, schwere Sprache

Das deutsche Bildungssystem ist veraltet und kann international nicht mithalten. So lautet die Diagnose des "Aktionsrates Bildung". In ihrem Gutachten orten sechs namhafte Forscher Defizite vom Kindergarten bis zur Hochschule - vor allem beim Sprachenlernen.


Im internationalen Vergleich kann Deutschland mit seinem Bildungssystem kaum punkten und droht den Anschluss zu verlieren. Nach Auffassung von sechs Professoren im Aktionsrat Bildung hapert es vor allem an der Fremdsprachenförderung bei Kleinkindern und an der Fähigkeit von Kindern und Jugendlichen, mit anderen Kulturen umzugehen.

Kinder beim Sprachunterricht: Bildungsexperten fordern früheres Lernen von Fremdsprachen
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Kinder beim Sprachunterricht: Bildungsexperten fordern früheres Lernen von Fremdsprachen

Die Bildungsexperten haben heute in München ihr zweites Jahresgutachten zum Bildungsstandort Deutschland vorgestellt. Zum "Aktionsrat Bildung" gehören unter anderem der Bamberger Soziologe Hans-Peter Blossfeld, die Pisa-Forscher Manfred Prenzel und Wilfried Bos, der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann, Detlef Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung sowie Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin. Sie beklagen, dass Deutschland den Anforderungen an Bildung durch die Globalisierung kaum gewachsen sei.

"Die frühe Fremdsprachenförderung ist in Deutschland unterentwickelt und wenig professionalisiert", so Dieter Lenzen, Vorsitzender des Aktionsrates. Im internationalen Vergleich gewännen jedoch sprachliche und interkulturelle Kompetenzen zunehmend an Bedeutung. Die Experten fordern deshalb, die systematische Vermittlung einer Fremdsprache wie Englisch in den Kindergartenalltag zu integrieren und die Deutschkenntnisse von Kindern mit Migrationshintergrund zu verbessern. Kinder sollten ab dem zweiten Lebensjahr die Möglichkeit haben, in einen Kindergarten zu gehen. Ab vier Jahren solle der Besuch einer Vorschule obligatorisch sein.

Die Bildungsforscher sprechen sich auch für eine bessere Ausbildung von Erzieherinnen aus. Pro Kindergartengruppe sollte es nach ihrer Ansicht mindestens einen Erzieher oder eine Erzieherin mit Hochschulabschluss geben.

Kritik an Schulen und Hochschulen

Weitere Defizite sehen die Experten in der Schule. Auch hier soll die Vermittlung Fremdsprachen an Bedeutung gewinnen. Zudem sei die Nutzung neuer Informationstechnologien zu wenig verbreitet. "Im schulischen Bereich ist es schlicht katastrophal", so Dieter Lenzen. Nur ein knappes Drittel der Schüler arbeite in deutschen Schulen mit dem Computer; im internationalen Vergleich seien es 56 Prozent.

Kritik gab es auch für die Hochschulen. Zwar zeigten sich die Bildungsexperten als Befürworter des Bologna-Prozesses, bei dem die Hochschulen bis 2010 ihre traditionellen Studiengänge auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master umstellen. Die internationale Ausrichtung der Hochschulen sei jedoch zu wenig ausgeprägt. Studenten haben nach Ansicht des Aktionsrates Schwierigkeiten, ihre Abschlüsse im Ausland anerkennen zu lassen. Die Planung von Auslandsaufenthalten werde dadurch erschwert. Nachholbedarf gebe es außerdem im Bereich des lebenslangen Lernens.

Reformbedürftig sei auch die Berufsausbildung, bei der die Mischung aus Theorie und Praxis verändert werden müsse. Es gebe insgesamt zu viele Ausbildungsberufe, die Verzahnung zwischen Ausbildung und Hochschule müsse verbessert werden. 344 Ausbildungsberufe gebe es in Deutschland, in Österreich und der Schweiz gebe es mehr als 100 Berufe weniger.

Mehr Geld für die Bildung

Der Aktionsrat Bildung appelliert an die Bildungspolitiker, mehr für Bildung auszugeben. Randolf Rodenstock, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft und Initiator des Aktionsrates Bildung, kritisierte die Verteilung staatlicher Gelder. Die Investitionen für Soziales seien sechsmal so hoch wie die Investitionen für Bildung. Mögliche Finanzierungsquellen sieht Rodenstock auch bei den Subventionen: "Da kann man vieles in nützlichere Kanäle stecken."

Deutschland muss nach Ansicht der Experten seine Bildungsreformen stärker vorantreiben. "Noch gehören wir zu den Globalisierungsgewinnern", sagt Randolf Rodenstock, "aber um den Vorsprung zu halten, müssen wir deutlich mehr in Bildung investieren."

Der Aktionsrat Bildung wurde 2005 auf Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft als politisch unabhängiges Gremium von Bildungsexperten gegründet. Bereits im vergangenen Jahr hatten die Experten mit ihrem ersten Gutachten zum Thema "Bildungsgerechtigkeit" für viel Wirbel gesorgt. Darin hatten sie eine umfassende Bildungsreform gefordert. Zu den Empfehlungen des Gremiums gehörten eine Kindergartenpflicht nach dem vierten Lebensjahr, eine befristete Anstellung von Lehrern und die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule. Daneben empfahlen sie eine stärkere Privatisierung von Schulen.

Viele Verbände reagierten vor einem Jahr verärgert auf die Analyse der Experten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bezeichnete das Gutachten als "widersprüchlich und unausgegoren", der Verband Bildung und Erziehung sprach von "fragwürdigen Wirtschaftsphantasien". In einer ersten Reaktion zum heutigen Gutachten zeigte der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider Verständnis für die Kritik des Aktionsrates, etwa was die Ausbildungsberufe betrifft. Bayern sei bereit, nach neuen Wegen zu suchen, um die Durchlässigkeit zwischen den Berufen für Arbeitnehmer zu erhöhen.

mer/dpa/AP/AFP

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