Bildungssparen Uni Lübeck vor dem Aus

Die schwarz-gelbe Landesregierung streicht das Lübecker Medizinstudium - und killt damit wohl die ganze Uni. Aus Finanznot will Schleswig-Holstein die teure Ärzte-Ausbildung zerschlagen und die Uni-Kliniken alsbald an Investoren verkaufen. Jetzt geht in Lübeck die Angst um.

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René Kube

Die Alarmsirenen schrillen laut im hohen Norden. Das "Ende der Universität Lübeck" stehe bevor, und das wäre ein "verheerender Fehler", schreibt die Uni-Leitung in einer Pressemitteilung am Donnerstag. Dem Sparkurs der schleswig-holsteinischen Landesregierung werde eine "bundesweit in Forschung und Lehre hervorragend aufgestellte Universität geopfert".

Hysterie in Lübeck? Nein, findet Peter Dominiak. Als den Uni-Präsidenten die Nachricht vom Ende des Medizinstudiums in Lübeck am späten Dienstagabend ereilte, habe ihn das "wie ein Schock" getroffen, so Dominiak - und als Mediziner dürfte der Mann wissen, wovon er redet.

Die Universität Lübeck, gestartet als Medizinische Hochschule, bildet aktuell 1500 Ärzte und obendrein rund 1100 Molekular-Biologen, Medizin-Informatiker und -Techniker aus. Ein Blick auf die Sparpläne der schwarz-gelben Landesregierung zeigt: Die aufgebrachten Lübecker fürchten sich mit Recht.

Ab Wintersemester 2011/2012 sollen keine neuen Medizinstudenten in Lübeck mehr angenommen werden, das Studium werde an die Uni Kiel "verlagert", heißt es in den Empfehlungen zur Konsolidierung der Finanzen des Landes Schleswig-Holstein, wie die CDU-FDP-Haushaltskommission sie verabschiedete.

Derbes Defizit, dazu das Bank-Debakel

Das aber gefährdet auch über 1000 eng an die Medizin gebundenen Studienplätze in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Ein Ende der Medizinerausbildung würde auch "das Ende der international renommierten Hochschule bedeuten", befürchtet Christoph Andreas Leicht. Damit teilt der Präsident der Lübecker Industrie- und Handelskammer die Sorgen der Uni-Leitung.

Schleswig-Holstein will sparen - und das muss das Land auch. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition unter Ministerpräsident Peter Harry Carstensen hat ein strukturelles Defizit in Höhe von jährlich 1,25 Milliarden Euro ausgemacht. Schleswig-Holstein drücke eine über Jahrzehnte aufgetürmte Schuldenlast, so Dirk Hundertmark, Sprecher der CDU-Landtagsfraktion: "Das Land hat bei einem Jahresbudget von knapp neun Milliarden Euro 25 Milliarden Schulden und macht pro Sekunde 50 Euro neue Schulden."

Noch verschärfend hinzu kommen die finanziellen Sorgen durch das Debakel um die HSH-Nordbank - die Bank im Besitz der Länder Schleswig-Holstein und Hamburg hatte sich in der Finanzkrise verzockt, die Länder mussten mit Milliardenbürgschaften einspringen.

Nun soll auch die Medizin an der Uni Lübeck bluten. Von 2011 an sollen jährlich um 125 Millionen Euro, mithin zehn Prozent des Defizits, abgebaut werden, sagte Carstensen - und ein großes Stück Fleisch will der Ministerpräsident jetzt aus der medizinischen Hochschulbildung herausschneiden.

Bei der Lübecker Uni-Medizin kann Carstensen zwei Sorgen des hoch verschuldeten Landes angehen: Mit seinem Kahlschlag in der Hansestadt kann er gehörig Geld sparen und, wenn auch einmalig, einen größeren Batzen einnehmen, denn er will das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) mit seinen Kliniken in Kiel und Lübeck möglichst bald meistbietend verhökern.

Medizinstudienplätze streichen, trotz Ärztemangels

Der Unterhalt einer Universitätsklinik, an der die Nachwuchs-Ärzte lernen, ist ein horrender Kostenfaktor. Kein Studium ist so teuer wie das der Medizin. Ein Studienplatz kostet nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bundesweit durchschnittlich 211.000 Euro. Im vergangenen Wintersemester schrieben sich knapp 200 neue Medizinstudenten in Lübeck ein. Nimmt man den Bundesdurcchschnitt als Maßstab, lägen die Kosteneinsparungen bei rund 40 Millionen Euro mit jedem Jahrgang, der in Lübeck künftig nicht mehr anfängt. Weil den Studenten, die schon in Lübeck studieren, ein Studium garantiert werden muss, rechnet das Land mit rund 25 Millionen Euro Einsparungen ab 2015 und insgesamt mit einem Sparvolumen von 150 Millionen bis 2020.

Hinzu kommt, dass die Standorte des schleswig-holsteinischen Universitätsklinikums in Lübeck und Kiel als marode gelten und ihre Sanierung 700 Millionen Euro kosten würde. Das kann sich das Land niemals leisten, weiß Carstensen. Geplant war, die Landeskliniken bis 2015 zu halten. Jetzt sollen sie so schnell wie möglich versilbert werden.

Zwar grassiert in Deutschland ein erst unlängst von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) beklagter Ärztemangel, der sich durch den Wegfall des Medizinstudiums in Lübeck verschärfen dürfte - doch das Volumen der Einsparungen ist Carstensen und Co zu verlockend.

Der Sparplan für die Lübecker Medizin trifft neben den Studenten obendrein auch viele Angestellte hart. 11.000 Mitarbeiter hat die Uni-Klinik Schleswig-Holstein, sie sehen ihre Jobs vor allem durch die vorgezogene Privatisierung gefährdet. Für die 5000 Angestellten, die am Lübecker UKSH-Campus arbeiten, würde der Tod der Medizin-Uni Lübeck wohl bedeuten, dass ihre Stellen größtenteils wegfallen.

Weniger Lehrer für alle Schulen - außer für die Gymnasien

Am Dienstag gingen darum spontan 1500 Studenten und Mitarbeiter auf die Straße, als durchsickerte, dass das Uni-Klinikum Schleswig-Holstein bald verkauft werden soll. Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) will sich gegen die Sparpläne wehren und kündigte an, einen Krisenstab zu gründen. "Wir geben nicht auf, sondern wir fangen jetzt erst an", sagte Saxe.

Ein weiterer Sparposten geht im lauten Wehklagen der Lübecker Mediziner beinahe unter: Die ohnehin schon kleine Universität Flensburg, die bislang Erziehungswissenschaften, Sprachen und Management als Fächer anbietet, wird zur Lehrer-Uni degradiert und wieder auf das Format einer pädagogischen Hochschule heruntergestutzt, die sie einmal war. Ab dem Wintersemester 2011/2012 sollen im Management-Studium keine neuen Studenten mehr angenommen werden.

Und auch die Schulen müssen empfindliche Einschnitte hinnehmen. 300 Lehrestellen werden im Sommer 2011 und weitere 300 im Sommer 2012 gestrichen, berichtete das "Hamburger Abendblatt". Insgesamt sollen so bis 2020 3650 Lehrstellen wegfallen. Ausnehmen wird das schwarz-gelbe Bündnis in Kiel die Gymnasien: Sie erhalten schon im kommenden Schuljahr 180 Lehrerstellen mehr.

Letztes Kita-Jahr wird wieder kostenpflichtig

"Wir werden die Neuverschuldung stoppen", sagte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) am Mittwoch nach einer Kabinettsitzung in Kiel. Finanzminister Rainer Wiegard (CDU) sei beauftragt worden, den Doppelhaushalt für 2011 und 2012 auf Grundlage der geplanten Kürzungen zu erstellen.

Neben der Streichorgie bei den Hochschulen und Lehrerstellen will die Regierung unter anderem das beitragsfreie letzte Kita-Jahr zum 1. August streichen und über insgesamt 5300 Stellen im Landesdienst bis 2020 abbauen. Weitere Kürzungen gibt es unter anderem auch im Bereich der Wirtschaftsförderung, der Kultur, dem Straßenbau und der Landwirtschaft.

Am Dienstag hatten die Fraktionen und Parteigremien von CDU und FDP dem Sparprogramm zugestimmt, am Mittwoch gab das Kabinett seinen Segen. Regierungschef Carstensens sieht in den radikalen Sparmaßnahmen eine "zutiefst moralische Pflicht", die Verschuldung zu stoppen. Laut Landesverfassung darf das mit weit mehr als 24 Milliarden Euro verschuldete Bundesland ab 2020 keine neuen Schulden mehr machen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
jp' 28.05.2010
1. ...
super, die uni kiel ist wegen der bachelor problematik (geld pro bachelor, viele aufnehmen und dann schnell rauskicken) sowieso schon überalastet und hat ein paar tausend studenten mehr zu verzeichnen, als noch vor ein paar jahren. wenn nun die lübecker und flensburger noch dazu kommen, dann wird es wohl richtig eng. ausserdem fühle ich mich unbehaglich, wenn die medizin so privatisiert wird. Da in der medizin eine asymmetrische informationsverteilung herrscht (wie auch bei den banken) und meiner meinung nach eine gewisse staatliche kontrolle nötig ist, die bei privaten nicht gegeben ist. ich finds ne frechheit!
gaga007 28.05.2010
2. Studium frei Haus geht nicht ...
Zitat von sysopDie schwarz-gelbe Landesregierung streicht das Lübecker Medizinstudium - und killt damit wohl die ganze Uni. Aus Finanznot will Schleswig-Holstein die teure Ärzte-Ausbildung zerschlagen und die Uni-Kliniken alsbald an Investoren verkaufen. Jetzt geht in Lübeck die Angst um. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,697207,00.html
Schleswig-Holstein ist ein Flächenland - aber ein kleines. Angesichts der kurzen Fahrstrecken reicht eine Universität völlig aus. Das Studium ist keine "Bringschuld" des Staates. In Zeiten maroder Kassen ist es eben nicht mehr möglich an jeder Ecke für jeden Studienzweig ein Angebot vorzuhalten. Bei einer deutlichen Erhöhung der Studiengebühren bundesweit und einheitlich, ergäbe sich ein neuer Diskussionsansatz.
bürgerschreck 28.05.2010
3. Wo ist das Problem?
Zitat von sysopDie schwarz-gelbe Landesregierung streicht das Lübecker Medizinstudium - und killt damit wohl die ganze Uni. Aus Finanznot will Schleswig-Holstein die teure Ärzte-Ausbildung zerschlagen und die Uni-Kliniken alsbald an Investoren verkaufen. Jetzt geht in Lübeck die Angst um. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,697207,00.html
Der Ärztemangel, insb. auf dem Lande in den neuen Ländern, hat nicht das Geringste mit der Ärzte-Ausbildung zu tun. In D werden massenhaft Ärzte ausgebildet, die dann ihre Stellen im Ausland suchen - Ausbildungskosten sozialisiert, Gewinne privatisiert. Ich habe kein Problem damit, wenn weniger Ärzte für Norwegen & Co ausgebildet werden.
skilliard, 28.05.2010
4. Inkompetenz und Kurzsichtigkei
Zitat von gaga007Schleswig-Holstein ist ein Flächenland - aber ein kleines. Angesichts der kurzen Fahrstrecken reicht eine Universität völlig aus. Das Studium ist keine "Bringschuld" des Staates. In Zeiten maroder Kassen ist es eben nicht mehr möglich an jeder Ecke für jeden Studienzweig ein Angebot vorzuhalten. Bei einer deutlichen Erhöhung der Studiengebühren bundesweit und einheitlich, ergäbe sich ein neuer Diskussionsansatz.
Das ist doch wieder mal Umverteilung auf den Kosten der Kleinen. Auf der einen Seite spart man angeblich Millionen ein, auf der anderen Seite muss man sie wieder in die Sozialsysteme investieren. Tausende Mitarbeiter verlieren ihren Job, wo sollen die neu anfangen? Der Kaufkraftverlust wird nochmal Steuerausfälle und Pleiten bei Geschäften und Dienstleistern hervorrufen. Aber das ist ja eine andere Kostenstelle, interssiert ja den Ministerpräsidenten offenbar nicht. Deutschland gräbt sich immer weiter selbst das Wasser ab weil es zu viele "Experten" gibt, die nur sich und ihr unmittelbares Umfeld sehen. Es fehlen die Leute, die fachübergreifend und in größeren Zeiträumen Denken und Planen. Das wird zur Gefahr für unsere Demokratie, wie man an den vielen Nichtwählern jetzt schon sieht. Die Leute sind ja nicht zu faul zur Wahl zu gehen. Die sehen nur nicht mehr, wen sie überhaupt noch wählen sollen, bei so viel Inkompetenz und Kurzsichtigkeit.
narovon 28.05.2010
5. -
Zitat von gaga007Schleswig-Holstein ist ein Flächenland - aber ein kleines. Angesichts der kurzen Fahrstrecken reicht eine Universität völlig aus. Das Studium ist keine "Bringschuld" des Staates. In Zeiten maroder Kassen ist es eben nicht mehr möglich an jeder Ecke für jeden Studienzweig ein Angebot vorzuhalten. Bei einer deutlichen Erhöhung der Studiengebühren bundesweit und einheitlich, ergäbe sich ein neuer Diskussionsansatz.
Vielleicht - vielleicht auch nicht. Um das kompetent zu beurteilen, müsste man sich die Ausbildungssrukturen genauer angucken. Im Artikel steht ja, dass auch Lehrerstellen wegfallen sollen. Flensburg wird auch zurückgebaut. Das alles in einem Land, das vor Jahresfrist zusammen mit Hamburg eine Kapitalspritze von 3 Mrd. (!) Euro auf den Weg gebracht hat. Sparen an der Bildung zugunsten von Banken und Boni - in SH offenbar schon Realität. Schwarzgelb droht, SH zum Agrarland zurückzubauen. Verantwortungsvolle Politik sieht wahrlich anders aus.
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