Bildungsstreik Mehr als 100.000 Schüler und Studenten auf den Straßen

Deutschlands Bildungsbetriebe werden bestreikt: Statt zur Schule oder zur Uni gehen viele junge Deutsche zu Demos. In Mainz stürmten sie in das Abgeordnetenhaus, in Berlin in die Humboldt-Uni. Bundesbildungsministerin Schavan wetterte über "gestrige" Proteste.

Von , , Torben Waleczek und


"Ist total Power hier", brüllt ein schon grau melierter Gewerkschafter, als sich der Demonstrationszug im Hamburger Univiertel in Bewegung setzt. Neben ihm trillert Annemarie Kriszun, 24, mit gelber Pfeife im Mund.

"Heute schon auswendig gelernt? Selbstbestimmtes Lernen für alle", steht auf ihrem Plakat. "Arbeitgeber wollen immer interessante Profile von tollen Studenten haben, aber das ist nicht mehr möglich", sagt Kriszun, die im ersten Semester Außenwirtschaft und Internationales Management studiert.

Um sie herum wehen bunte Pace-Fahnen, auf Plakaten lehnen Demonstranten Studiengebühren, den Bachelor oder gleich das ganze Bildungssystem ab. Mancher transportiert seine ganz eigenen Botschaften; ein Schüler etwa hat einen Phallus auf sein Plakat gekritzelt, was drüber steht, ist nicht jugendfrei.

Aus einem Lastwagen dröhnen wummernde Bässe zu "Krawall und Remmi Demmi" von Deichkind. Ein kleiner schwarzer Block trägt ein Transparent vor sich her, "Freie Bildung für alle, sonst gibt's Krawalle", steht darauf - doch es bleibt beim Remmidemmi, die Stimmung ist friedlich.

"Ist doch in Ordnung, was die wollen"

Drei Mitarbeiter der Universität stehen etwas abseits in Anzug und Krawatte, zitiert werden wollen sie nicht. "Ist doch in Ordnung, was die wollen", sagt einer, während hinter ihm rund 50 Studenten ins Unigebäude rennen - es könnte ja noch jemand drin sein, der büffelt, statt zu protestieren.

Durch das verschulte Bachelor-Studium könne man sich nicht mehr spezialisieren, sagt Studentin Kriszun, "alle machen das Gleiche". Da könne man sich nur noch durch Praktika oder sonstiges Engagement neben dem Studium hervortun, "doch dafür bleibt keine Zeit". "Dabei müssen wir doch unser Profil schärfen!", wiederholt eine Freundin neben ihr, in der Stimme eine Mischung aus Empörung und Verzweiflung.

In rund 70 deutschen Städten sind am Mittwochvormittag Schüler und Studenten zu Zehntausenden auf die Straße gegangen, um für mehr Geld und Reformen im Bildungssystem zu demonstrieren. Bundesweit zu Protesten aufgerufen hatte das Bündnis "Bildungsstreik 2009". Wie viele Teilnehmer es bei den laufenden Protesten gibt, ist wie stets bei Demonstrationen umstritten: Die Veranstalter sprechen von rund 240.000, die Polizei schätzt die Teilnehmerzahl im Schnitt halb so hoch.

Heftiger als anderswo ging es in Mainz zu. Knapp 100 Demonstranten drangen in das Abgeordnetenhaus der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ein, bemalten Wände, riefen Parolen und zogen dann wieder ab. Dabei wurde nach Angaben einer CDU-Sprecherin auch die Fotoausstellung "20 Jahre friedliche Revolution" der Fraktion zum Volksaufstand in der DDR beschädigt. "Ich gehe davon aus, dass Strafanzeige gestellt wird", sagte ein Sprecher des Abgeordnetenhauses.

Am Rande der Demonstration in Dortmund mit etwa 5000 Teilnehmern drangen rund 200 junge Leute in das Gebäude ein und skandierten Parolen. Einige rissen einen Wandbehang von der Wand, malten Graffiti und warfen Fußmatten, Teppiche in den Innenhof und ließen anschließend vier Fahnen mitgehen, teilte die Polizei mit.

"Ich bin mehr als vier Module"

In Hamburg versammelten sich rund 10.000 jugendliche Demonstranten; in Berlin zogen rund 15.000 vom Roten Rathaus aus weitgehend friedlich durch die Hauptstadt. An der Ecke Torstraße und Brunnenstraße entrollten zwei Demonstranten von einem Hausdach aus ein großflächiges Transparent, auf dem auch sie "Krawall und Remmidemmi" forderten und schwenkten rote Fahnen. Die Demonstranten quittierten das mit Jubel und zogen weiter. Auf Transparenten stand zu lesen: "Ich bin mehr als vier Module" oder "Reiche Eltern für Alle".

Einige Schüler stürmten, wie schon beim Schülerstreik im November 2008, in die Berliner Humboldt-Universität (HU) und lösten dort den Feueralarm aus. Sie warfen Klopapierrollen durch die Gänge und schwenkten Transparente. Hannes Braun, 25, will im Oktober ein Studium der Agrarwissenschaft beginnen und demonstriert vor allem für bessere Bedingungen in seinem Bachelor-Studium. "In sechs Semestern ist der Stoff kaum zu schaffen", sagt er. "Man sollte die Studienzeit auf acht oder zehn Semester ausweiten."

Die Schülerin Antonia, 18, aus Berlin-Köpenick wünscht sich, dass der Staat weniger Geld für Konjunkturpakte ausgibt - und mehr für Bildung. Was den Erfolg der Proteste angeht, ist Antonia optimistisch: "Nur wer etwas tut, kann auch etwas bewirken - auch wenn sich das vielleicht etwas hinzieht." Am frühen Nachmittag endete der Demonstrationszug vor der Zentrale der Bertelsmann-Stiftung, die in der Nähe der HU liegt.

Kleinster gemeinsamer Nenner: Leicht diffuse Forderungen

Auch in Bonn sammelten sich 3000 Teilnehmer zur Großdemonstration auf dem Kaiserplatz. Dort hatte der der CDU nahestehende RCDS-Asta im Vorfeld die Studenten aufgefordert, nicht an Demonstration und am Bildungsstreik teilzunehmen. In Wiesbaden und Münster gingen ebenfalls mehrere tausend Schüler und Studenten mit Transparenten auf die Straße; in Heidelberg besetzten Studenten am Mittwochnachmittag das Rektorat.

Im Bündnis "Bildungsstreik 2009" sammeln sich 230 meist linke Gruppen von Studenten- und Schülervertretungen und auch von Gewerkschaften und Parteien. Was die Protestierer eint, lässt sich schemenhaft erkennen: Mehr Geld für Bildung ist eine von vielen recht allgemeinen Forderungen. Einig sind sich die Protestierer ebenso bei der Ablehnung von Studiengebühren und aller anderen Arten von Gebühren im Bildungssektor.

Die Schüler kritisieren die verkürzte Gymnasialzeit durch das Turbo-Abitur alias G8 sowie das mehrgliedrige Schulsystem. Ansonsten sind sie für mehr Lehrer und kleinere Klassen und mehr Demokratie an Schulen. Die Studenten kritisieren vor allem die Bologna-Reformen, mit denen in Deutschland die Studiengänge von Diplom und Magister auf Bachelor und Master umgestellt werden. Hinzu kommt ziemlich viel links-akademisch verschwurbelter Forderungs-Beifang - gegen "wirtschaftliche Zwänge im Bildungssystem" und Elitenbildung, für "freie alternative Bildungskonzepte" und mehr Mitbestimmung.

Viel davon ist Wortgeröll als Überbau: Die Aufrufe und Stellungnahmen der Streik-Organisatoren wirken fast durchweg sonderbar verworren und verblasen, inhaltsarm und artikulationsschwach. Viele Protestteilnehmer allerdings wissen durchaus präzise Gründe zu nennen, die sie auf die Straße treiben. Bei den Studenten ist es in erster Linie erheblicher Leidensdruck, der sich über Jahre durch einen verkorksten Wechsel zum Bachelor aufgebaut hat: Überfrachtete, miserabel organisierte Studiengänge nehmen ihnen die Luft zum Atmen und die Lust am Lernen - hinzu kommt rigides Sieben beim Übergang zum Master-Studium.

Schavan: "Die Proteste sind gestrig"

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU), nominell auch für Bildung zuständig, kritisierte die Demonstrationen der Studenten und Schüler in einem Radiointerview. Die Proteste seien "gestrig", sagte sie im Bezug auf die Kritik an der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen. Der Bologna-Prozess sei "alternativlos" und biete viele Chancen. Neben Schavan kritisierten auch andere Politiker sowie Hochschulvertreter die Aktionen.

Der SDS, Studierendenverband der Linken, sprach dagegen vom "massivsten Bildungsprotest seit Gründung der BRD" - was eine sachdienliche Übertreibung sein dürfte. Die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel bezeichnete Forschungsministerin Schavan als "glatte Fehlbesetzung". "Gestrig ist das Einführen von Studiengebühren und das bildungspolitische Elitedenken der Union". Noch immer sei es für "breite Bevölkerungsschichten ungleich schwerer, Abitur zu machen, als für Kinder reicher Eltern", sagte Drohsel SPIEGEL ONLINE.

An vielen Orten wurde auch aus lokalen Gründen demonstriert. So sprachen sich Hamburger Demonstranten gegen die Universitätspräsidentin Monika Auweter-Kurtz aus. Auf Pappschildern forderten sie Autofahrer im Uni-Viertel auf, gegen die stark umstrittene Präsidentin mit einem Hupkonzert zu protestieren. Die Aktion "Hupen gegen Moni" sei ein großer Erfolg gewesen, besonders der "Rückhalt in der Gesellschaft" gegen den Führungsstil der Präsidentin und den geplanten Umzug der Universität in das Neubaugebiet Hafencity, so die Veranstalter. In Berlin liefen auch Lehrer bei der Demo mit und demonstrierten für mehr Gehalt in den laufenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst.

"Gestrig? Das ist doch Quatsch"

Der Mittwoch ist der Höhepunkt der Streik- und Protestwoche. Am Donnerstag soll bei Aktionen unter dem Titel "Banküberfall" in und vor Bankfilialen gegen Milliardenhilfen für die ins Straucheln geratenen Geldinstitute und für mehr Geld in der Bildung demonstriert werden. Für Freitag planen einige Aktivisten, die Sitzung der Kultusministerkonferenz in Berlin zu stören.

Ganz am Ende des Hamburger Demonstrationszuges geht Joachim Frisch, Lehrer an einer Fachschule für Sozialpädagogik. Er ist mit seiner Klasse hier, "wir machen ein Projekt daraus, sie sollen von der Demonstration berichten". So kann er auch mitlaufen. Dass Bildungsministerin Schavan die Proteste "gestrig" nennt, regt ihn auf - das sei doch Quatsch. "Die Studenten denken sehr differenziert, die haben ein Recht, gehört zu werden." So ein Kommentar einer Ministerin sei einfach nur unangemessen. "Die Universitäten werden nach Kriterien umorganisiert, die von Unternehmensberatungen stammen und nicht der Idee von Bildung folgen", sagt er.

Derweil sitzen sechs Männer in Anzug und Krawatte an einer Straßenecke zu Tisch, es ist Mittagszeit, schweigend beobachten sie aus einiger Entfernung die vorbeiziehenden Demonstranten. Sie arbeiten für eine Unternehmensberatung, ihren und den Firmennamen wollen sie nicht nennen. "Das ist doch gut, wenn junge Leute Protestwillen haben", sagt einer. "Und wenn die Ausbildung dadurch besser wird, kommt das doch gerade uns zu gute", sagt ein anderer.

Mit Material von ddp/dpa/AFP/AP



Forum - Was bringt der Bildungsstreik 2009?
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Seite 1
beebeekaa 16.06.2009
1.
Zitat von sysopLangsamer Start für den Bildungsstreik 2009, bislang sind die Teilnehmerzahlen der deutschlandweiten Protestaktionen eher niedrig. Was kann der Bildunsstreik bewirken?
Ich hoffe, sehr viel für eine Bildungspolitik, die wieder auf Bildung setzt und nicht auf weiteres PISA-Geschwafel.
panda 16.06.2009
2.
Zitat von beebeekaaIch hoffe, sehr viel für eine Bildungspolitik, die wieder auf Bildung setzt und nicht auf weiteres PISA-Geschwafel.
Der eine verspricht sich das allein seligmachende Heil von PISA, der andere verteufelt es und bezeichnet es als leeres Geschwafel. Das eine ist genauso schlimm wie das andere. Sie stehen ja leider nicht alleine mit solch sinniger Schwarzweißmalerei. Dies ist eine der tieferen Ursachen warum das Bildungssystem heute so ist wie es ist.
Piri 16.06.2009
3.
Zitat von beebeekaaIch hoffe, sehr viel für eine Bildungspolitik, die wieder auf Bildung setzt und nicht auf weiteres PISA-Geschwafel.
Jein. Mein Leistungskurs war heute vollzählig. Niemand streikt, obwohl einige sehr politisch interessierte und auch aktive Schüler dabei sind. Übereinstimmende Aussage: man möchte sich nicht von Gruppierungen vor den Karren spannen lassen, denen es in Wahrheit nicht um die Verbesserung unserer Bildung geht. Linke Radikalinskis, die die Einheitsschule wollen, die die noch weitere Öffnung der Unis auf ihrer Forderungsliste haben und notfalls auch gewaltbereit sind, leisteten der Sache keinen guten Dienst. Ich sehe es auch so. Die Bilder vom Frühjahr habe ich nicht vergessen. Ein Jammer, dass es so ist, denn gute Forderungen werden -fast als eine Art Köder- an solche gekoppelt, die unser Bildungssystem ebenfalls nicht stärken. Weniger Einfluss der Wirtschaft, mehr Einfluss der Einheitsschulfraktion.
beebeekaa 16.06.2009
4.
Zitat von PiriJein. Mein Leistungskurs war heute vollzählig. Niemand streikt, obwohl einige sehr politisch interessierte und auch aktive Schüler dabei sind. Übereinstimmende Aussage: man möchte sich nicht von Gruppierungen vor den Karren spannen lassen, denen es in Wahrheit nicht um die Verbesserung unserer Bildung geht. Linke Radikalinskis, die die Einheitsschule wollen, die die noch weitere Öffnung der Unis auf ihrer Forderungsliste haben und notfalls auch gewaltbereit sind, leisteten der Sache keinen guten Dienst. Ich sehe es auch so. Die Bilder vom Frühjahr habe ich nicht vergessen. Ein Jammer, dass es so ist, denn gute Forderungen werden -fast als eine Art Köder- an solche gekoppelt, die unser Bildungssystem ebenfalls nicht stärken. Weniger Einfluss der Wirtschaft, mehr Einfluss der Einheitsschulfraktion.
Tja Piri, Ihre Einlassung passt nur zu gut zu dem anderen Thema hier bezüglich der übergroßen Angepasstheit der Jugend. Wann soll man denn auch mal irren dürfen, wenn nicht in diesen Jahren? Dieses Abwägen und Lavieren und Vorschieben vermeintlich rationaler Argumente Ihrer Schüler zeigt eigentlich nur eines: Angst, die eigene Karriere zu vermasseln. Und sei's auf Kosten einer möglicherweise besseren Bildungspolitik :-(.
Anjin-san 16.06.2009
5. Streik?
Tja, auch bei uns an der Uni Karlsruhe wurde zum "Bildungsstreik" aufgerufen. Warum ich mich nicht daran beteilige, obwohl ich die Bildungspolitik in Deutschland für katastrophal halte? 1. Der Clou an einem Streik ist normalerweise, dass er dem, auf den man Druck ausüben möchte, wehtut. Ein Student, der ohnehin unter großem Leistungsdruck steht, tut sich vor allem selbst weh. Man kann es sich nicht so ohne weiteres erlauben, Lehrveranstaltungen sausen zu lassen. Das mag bei den Diplomern oder Philosophiestudenten möglich sein, aber nicht hier. 2. Die Organisatoren verfolgen unter anderem Ziele, die ich nicht unterstütze. Ich bin dagegen, dass jeder auf Staatskosten 30 Semester lang studieren darf, was ihm gefällt. Das ist ineffizient und sozial ungerecht. 3. Die in meinen Augen wichtigste Maßnahe wurde nicht einmal erwähnt: Die Abschaffung des Bildungsföderalismus. Bildung sollte zum Kompetenzbereich der Bundesregierung gehören, erst dann kann man die wirklich dringend notwendigen Reformen planen und durchführen. Das wäre allemal besser als dieses ewige Experimentieren auf Landesebene auf Kosten der Kinder. Ich bin mit Sicherheit nicht der einzige, der so denkt. In den Zeitungen wird aber nachher stehen: "Wenige Teilnehmer beim Bildungsstreik, offenbar ist es doch nicht so schlimm." Es wird Zeit dafür, dass die gesellschaftliche Debatte über Bildung ausgeweitet und bis zum letzten Argument geführt wird. Anjin-San
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