Bill Gates in Harvard Lametta für den verlorenen Sohn

Den reichsten Mann der Welt gibt es jetzt als Update - in der Ehrendoktor-Version. Bill Gates hatte einen triumphalen Auftritt bei Absolventen der Nobelhochschule Harvard. Um den Softwarekönig ranken sich Gerüchte: Brach er 1975 wirklich freiwillig das Studium ab?

Von David Goeßmann, Cambridge


An diesem Donnerstag stimmt einfach alles. Das Wetter ist frühlingshaft sonnig, der Harvard-Yard ist überfüllt mit stolzen Absolventen in ihren Roben und mit schwarzen Graduierten-Hüten auf dem Kopf, noch stolzeren Eltern und blendend gelaunten Professoren. Absolventenfeier in Harvard - das bedeutet stets großen Bahnhof für allerlei Prominenz. Dass einen Tag zuvor der ehemalige US-Präsident Bill Clinton hier war, hat man fast schon vergessen.

Heute ist ein anderer Bill an der Reihe. Der König des Silicon Valley. Harvards verlorener Sohn. Der reichste Mann der Welt kehrt zurück an die reichste Universität der Welt.

Die Universitätszeitung "The Crimson" nannte ihn "Harvards erfolgreichsten Studienabbrecher". 1975 verließ der 19-jährige Bill Gates die Elitehochschule ohne Abschluss. Jetzt überreichte Harvard dem Microsoft-Mitgründer den Ehrendoktor. "Ich warte seit mehr als 30 Jahre darauf zu sagen: 'Dad, ich habe dir immer gesagt, dass ich wieder komme und meinen Abschluss hole'", beginnt Gates seine Rede. Sein Dad (ebenfalls Bill), der im Publikum sitzt, vernimmt's mit väterlicher Genugtuung. Das Publikum bricht in Gelächter aus.

Wie beliebt Bill Gates auf dem Campus ist, zeigen die Schwarzmarktpreise für die Veranstaltung. Tickets, die Studenten zur Graduiertenfeier für ihre Angehörigen erhielten, wurden für bis zu hundert Dollar im Internet verkauft. Die Unileitung schickte Rundmails und drohte mit Disziplinarmaßnahmen. "Diesen Schwarzmarkt gibt es jedes Jahr", betont der Harvard-Sprecher, "aber mit den beiden Bills ist es diesmal sehr ungewöhnlich."

Legende vom Leben der akademischen Boheme

Die strahlende Popfigur des Kapitalismus, der 51-jährige Bill Gates, der es auch ohne Harvard-Diplom zum Gipfel des Erfolgs gebracht hat, fühlt sich sichtlich wohl in seiner Rolle als "drop out". Er witzelt in Richtung der frisch Graduierten, die im weiten Rund des Campus zwischen Hauptbibliothek und Uni-Kirche unter Tausenden Besuchern sitzen. "Wenn ich bereits bei eurer Aufnahmefeier gesprochen hätte, dann wären möglicherweise heute weniger von euch hier."

Und dann zeichnet er das Bild eines Bonvivant, der das Leben im elitären Radcliff-Wohnheim genießt, die Nächte hindurch diskutiert und morgens lange schläft und eher an Mädchen und am Abhängen mit Kumpeln interessiert ist, als an der Harvard-Gesellschaft. Tagsüber setzt er sich dann in allerlei Seminare, für die er sich gar nicht eingeschrieben hat. Und am Ende macht er lieber seine eigenen Geschäfte, als die Unibank zu drücken.

Dahinter steckt natürlich Understatement. Auch wenn Gates nicht gerade durch physische Präsenz in den Seminarräumen glänzte, wird seine Brillanz von wenigen angezweifelt. Er ging in Graduierten-Kurse und fühlte sich als Jüngster dort alles andere als eingeschüchtert.

Ging er, wurde er gegangen?

Henry H. Leitner, damals Student für Angewandte Wissenschaften, erinnert sich noch daran, wie Gates im Frühjahr 1975 in einem Seminar für angewandte Mathematik auftauchte: "Er suchte die Herausforderung. Er wählte immer die am schwersten lösbaren Probleme. Das war schon frustrierend für mich zu sehen, wie er so nebenbei die Sachen in den Griff bekam. Ich war beeindruckt von seiner Intelligenz und Fähigkeit, mit theoretischen Konstruktionen zu arbeiten."

William Henry Gates III., so sein kompletter Name, war tatsächlich hyperambitioniert - und als Sohn eines sehr erfolgreichen Rechtsanwalts in Seattle eine kuriose Mischung aus Computerfreak und "bad boy". Die klassische amerikanische Auf-Reichtum-kommt-noch-mehr-Reichtum-Geschichte. Gates wollte nicht nur der Beste sein. Schnell erkannten der junge Mann, der keinen Tag älter als 16 aussah, und sein Jugendfreund Paul Allen, mit dem er später Microsoft gründete, dass es auch ein Leben jenseits von Harvard gibt.

Gates sah die Zukunft, die im Schreiben und Verkaufen von Software lag. Ein früher PC, der Altair, beendete dann seine Unilaufbahn. Zusammen mit Allen verkaufte Gates den Altair-Leuten eine Version der Programmiersprache Basic. Harvard erhob daraufhin gegen ihn Disziplinaranschuldigungen, da er Geschäfte vom Campus aus betrieben habe. Gates kehrte Harvard den Rücken - freiwillig, wie er betont. Oder war es doch ein Rausschmiss? Die Gerüchte halten sich hartnäckig.

In seiner Harvard-Rede spricht Gates nicht über Microsoft, sondern über sein philanthropische Berufung: wie geschockt er war zu hören, dass jährlich Millionen von Kindern an Krankheiten wie Masern, Malaria oder Gelbfieber sterben und man sie retten könnte. Im Jahr 2000 zog sich Gates als Geschäftsführer von Microsoft zurück. Er gründete gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls an der Absolventenfeier teilnimmt, die "Bill und Melinda Gates Foundation". Mit 33 Milliarden Dollar Kapital ist es die größte wohltätige Stiftung weltweit.

Für Harvard ist der Multimilliardär ein Glücksfall

Klein - das gibt es nicht bei Gates. Er ist nun der mächtigste nicht gewählte Akteur auf der globalen Bühne. Statt "software engineering" heißt es jetzt die "solving inequity", die Ungleichheit in der Welt lösen. Also sprach der Philanthrop Gates: "Wir können es schaffen, die Marktkräfte besser für die Armen arbeiten zu lassen, wenn wir einen kreativeren Kapitalismus entwickeln, wenn wir die Reichweite der Marktkräfte erweitern, so dass mehr Menschen Profit machen können oder zumindest ihren Lebensunterhalt bestreiten können und Menschen geholfen wird, die unter den schlimmsten Ungleichheiten leiden. Wir können auch Regierungen weltweit unter Druck setzen, Steuergelder besser im Interesse der Steuerzahler einzusetzen."

Zum Quell für die jetzige Wohltätigkeit von Gates äußert sich Noam Chomsky, Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und einer der einflussreichsten Linksintellekturellen der Vereinigten Staaten, skeptisch. "Microsoft ist ohne die technologischen Entwicklungen, bezahlt vom Pentagon, vom US-Militär, nicht denkbar", sagte Chomsky SPIEGEL ONLINE. "Nur hat niemand die US-Steuerzahler in den fünfziger Jahren gefragt, ob sie für Dinge bezahlen wollen, die später Software-Entwickler wie Bill Gates zu enormem Reichtum verhelfen."

Für Harvard ist Gates ein einziger Glücksfall. Die Uni rechnet ihn stolz zur "Class of 1977", obwohl er schon lange vorher das Studium sausen ließ. 1996 spendete Gates 25 Millionen Dollar für den Bau des IT-Gebäudes, vier Jahre später gab die Gates-Stiftung 45 Millionen Dollar an die Harvard Medical School. Und wenn einem so viel Gutes widerfährt, ist das allemal einen schmucken Doktorhut wert.



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