Bizarres Wettrennen Ritt auf dem Akkuschrauber

Sie sind aus Carbon, glasfaserverstärktem Kunststoff oder Sperrmüll. Gemein haben sie nur eines: Als Motor dient ein Akkuschrauber. In Hildesheim haben elf Studenten-Teams ihre bizarren Rennmaschinen auf den Parcours geschickt. Die Fahrzeuge sind Kunstwerke der Tüftelei.

Von Antonia Götsch


Die Lokalmatadoren kommen als letzte in die Flugzeughalle, eine halbe Stunde vor Beginn des Rennens. Blitzlichtgewitter. Fernsehkameras umkreisen die drei Studenten. Endlich einmal schaut die Welt auf Hildesheim, Niedersachsens kleinste Großstadt. Der NDR ist da, auch überregionale Privatsender.

"Ich studiere in Hildesheim." - "Wo?" Das bekomme sie immer zu hören, erzählt eine Studentin. Göttingen ist als Uni-Stadt bekannter, Hannover eine richtige Großstadt. Hildesheim ist einfach nur dazwischen. Auch deswegen wollen Gunar, Robert und Tilman heute gewinnen, um Werbung zu machen für die Hildesheimer Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK), die das Rennen mit veranstaltet.

Die Vorraussetzungen scheinen gut, ihr Team "30+" hat Erfahrung. "Jeder von uns hat schon mal bei einem Akkuschrauberrennen den ersten Platz gemacht", sagt Gunar, 29. Aber in diesem Jahr hat die HAWK den Wettbewerb zum ersten Mal in Deutschland und der Schweiz ausgeschrieben. Die Hildesheimer sind gespannt: Was haben die Konkurrenten aus Clausthal, Braunschweig, Karlsruhe, Dresden, Berlin ausgetüftelt?

Auto im Koffer

Das Team aus der Nordschweiz hat auf den ersten Blick nur ein Flipchart und einen mächtigen Rollkoffer am Start. "Joa, nu schauen Sie mal", sagt Stefan, 24, in reizendem Dialekt. Drei Handgriffe, und der Rollkoffer mutiert zu einem Rennauto. Flach wie in einem Bob liegt der Fahrer über dem Betonboden. Stefan legt vor: "Wir mussten eine Handbremse einbauen, weil der Wagen so schnell wird." Die Hildesheimer schielen aus den Augenwinkeln herüber.

"Erst mal die Vorläufe abwarten", heißt es aus ihrer Ecke. Immerhin: "30+" hat mit Tilman den Michael Schumacher der Szene im Sattel - erster Platz 2005, zweiter Platz 2004.

Die "Formel Akkuschrauber" ist vor allem Spaß - aber auch Arbeit: Die elf Rennställe von neun Hochschulen haben intensiv an ihren Rennmaschinen getüftelt und meist vier bis fünf Wochen investiert. Team Hildesheim II mit dem Mannschaftsnamen "Four Spin" hat glasfaserverstärkten Kunststoff, der auch für Rennmotorräder genutzt wird, in eine aerodynamische Form gegossen und auf zwei Räder gepflanzt.

Ein Azubi, zwei Maschinenbauer und zwei Ingenieure der TU Clausthal bringen die wohl teuerste Rennmaschine an den Start. Ein Leichtbau aus Carbon in Airbus-Qualität, allein das Material ist 1500 Euro wert. "Zum Glück hat uns die Uni unterstützt und das Carbon zur Verfügung gestellt", sagt Chefmechaniker Ben. Der Rest kommt vom Sperrmüll: Die Räder eines alten Rollstuhls, ein Fahrradkindersitz, die Nabenschaltung und die Bremsen. "Wir schaffen mindestens 20 Kilometer pro Stunde." Ob das reicht? Team "30+" verrät vor dem Start nur: "Unser Name ist Programm."

Je zwei Fahrer treten in den Vorläufen gegeneinander an. Abstoßen und anschieben sind verboten. Die Strecke ist kniffelig, eine Acht, die zweimal umfahren werden muss, insgesamt 140 Meter. Der Pilot des himmelblauen "Four Spin"-Bikes erläutert seine Strategie: "Wir müssen in der ersten Kurve vorne sein, dann ist man schwer zu überholen."

Aerodynamische Katzenstellung

Sein Kollege von der TU Dresden legt sich vornüber auf seinen fellbezogenen "Rennstier": ein gebogenes Metallgestell auf vier Rädern. Seine aerodynamische Katzenstellung scheint in der Szene allerdings etwas aus der Mode gekommen. Die meisten anderen Teams haben fahrradähnliche Gefährte oder Dreiräder. Die Piloten geben ihr Handzeichen: "Fertig!" Aus den Lautsprecherboxen ertönt das Startsignal.

Das "Four Spin"-Bike gleitet als erstes von der Rampe, die Rechtskurve nimmt Wolfgang mit Schwung. Dann geht ein Raunen durchs Publikum: Das Gefährt bewegt sich plötzlich gar nicht mehr. Die Kette ist herausgesprungen. Auch in den nächsten Duellen dominiert das Prinzip: Stop and go. Bei einigen Teams machen die Akkus schon nach der Hälfte des Parcours schlapp. Ein Wechsel ist erlaubt, raubt aber Zeit und damit nahezu jede Siegchance. "Auf 140 Metern fährt man das nicht mehr heraus", sagt Wolfgang.

Tilman und seine Kollegen schreiten in schwarzen Anzügen und Melonenhüten zur Startrampe. Der Fahrer trägt Knickerbocker, Hosenträger, eine Lederkappe und eine alte Pilotenbrille. Zwanziger-Jahre-Optik passend zum Design. Nicht der Schnellste wird heute gewinnen, sondern das Team, das Tempo und Schönheit am besten verbindet. Eine Jury bewertet Design, technische Umsetzung, Präsentation in Boxengasse und den Gesamtauftritt. Auch die Wertung des Publikums geht mit ein.

Schweißen, was der Geräteschuppen hergibt

Tilman erwischt einen guten Start, elegant zieht er seine Achten. Erster. In den beiden anderen Vorläufen ebenfalls: Erster. Erster. Mit 27 Kilometern pro Stunde schafft er die schnellste Zeit. "Wir fahren akkuschonend", verrät der 30-Jährige. Die Sieben-Gang-Nabenschaltung erlaubt einen Start bei geringem Widerstand. Das spart Strom.

Gute Zeiten hat bisher auch das Team "Flitzekacke" aus Braunschweig herausgefahren. "Wir haben auf stabile Bauweise gesetzt", sagt Daniel. "Bei den anderen fällt ja mal dieses und mal jenes Teil ab." Auf den ersten Blick sieht der "Flitzekacke"-Rennwagen aus wie ein Rasenmäher-Traktor: Die Industriedesign-Studenten haben alles verschweißt, was der Geräteschuppen hergab. Eine Schubkarre wurde zum Fahrgestell, eine Metallkette mit dicken Gliedern zum Lenkrad gebogen, ein Spaten dient als Sitz.

In der Wertung für Design und Präsentation sieht die Jury jedoch die Koffer-Bastler aus der Schweiz ganz vorne. Knapp dahinter: "30+". Nun kommt es auf den Finallauf an.

Das silberglänzende Alu-Bike enttäuscht nicht. Es trägt Tilman noch einmal als ersten ins Ziel. Platz zwei und drei belegen die Offenbacher und Team "Flitzekacke". Tilman stemmt den goldenen Akkuschrauber in die Luft. Wieder klicken die Kameras. Hildesheim hat drei neue Helden.



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