Blogger im Geheimdienst-Knast Die Augen verbunden, vier Tage lang

Ständige Verhöre, die immer gleichen Fragen, Augenbinde und Handschellen: Nach seiner Freilassung schildert der deutsch-ägyptische Student Philip Rizk, 27, die vier furchtbarsten Tage seines Lebens.

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Das Essen war gut, sagt Philip Rizk, wenigstens das. Morgens und abends gab es Brot mit Käse oder Marmelade, mittags Reis mit Gehacktem oder Huhn, dazu eine Orange am Tag. Wenn sie zufrieden waren mit ihm, nahmen sie ihm die Handschellen ab, für die Verhöre.

Aber zufrieden waren sie meist nicht.

Rizk, der deutsch-ägyptische Student, wusste vier Tage lang nicht, wo er war, und er ahnte nur, warum sie ihn gefangen hielten. Sicherheitsbehörden hatten ihn vergangenen Freitag nach einer Demonstration festgenommen, vieles deutet darauf hin, dass es Agenten des Inlandsgeheimdienstes waren.

Jetzt ist er wieder frei und feiert an diesem Donnerstag seinen 27. Geburtstag, zusammen mit seiner Familie. Was er SPIEGEL ONLINE berichtet von der Gefangenschaft, zeigt, wie schnell man in einem Land wie Ägypten zum Staatsfeind wird. Es reicht schon, einen Blog zu betreiben und Schilder hochzuhalten, auf denen das Falsche steht.

Rizk veröffentlichte in seinem Blog "tabulagaza", der mittlerweile gesperrt ist, Berichte über das Leid und Leben der Menschen im Gaza-Streifen. Bei einem Protestmarsch Ende vergangener Woche trug er ein Schild: "Wir haben genug. Öffnet den Grenzübergang Rafah." Das ist offene Kritik an der Nahost-Politik Ägyptens, eines Landes, das die Grenzen zum Gaza-Streifen nur öffnet, wenn Israel einverstanden ist.

"Wir holen alles aus dir heraus", drohen sie ihm

Auf dem Weg zurück nach Kairo stoppen Polizisten ihn und seine Freunde, Sicherheitskräfte bringen Rizk in einem Minivan ohne Nummernschilder weg. Für das, was dann geschieht, gibt es keine Zeugen, nur Rizk spricht darüber.

Vor der Festnahme: Rizk protestiert für die Menschen im Gaza-Streifen
AP

Vor der Festnahme: Rizk protestiert für die Menschen im Gaza-Streifen

Dass alles tatsächlich so stattgefunden hat, wie er es schildert, dafür sprechen die Einschätzungen von Organisationen wie Amnesty International. Dafür sprechen auch die Berichte zahlreicher inoffizieller Quellen, die nicht genannt werden wollen aus Angst um ihre Familien oder ihren Job. Und dafür spricht, dass Rizk selbst kein religiöser oder politischer Eiferer ist, sondern ein ruhig sprechender, besonnener Mann.

Rizk zufolge geschieht Folgendes: Die Sicherheitskräfte verbinden ihm die Augen und legen ihm Handschellen an. Sie nehmen ihm sein Bargeld weg, 53 Pfund, seine Zigaretten, seinen Schlüsselbund und sein Mobiltelefon. Er weiß nicht, wo er festgehalten wird. Aber es sind immer die selben zwei Männer, die ihn auf Arabisch befragen. Sie nennen sich Melek und Nour. Er sieht sie nicht, erkennt sie nur an den Stimmen. "Ganz am Anfang klopfte mir einer auf den Kopf und sagte: Wir holen alles raus, was da drin ist", sagt Rizk.

Erst fragen sie ihn gar nicht nach seinem Blog, berichtet Rizk, nicht nach der Demonstration, nicht nach dem Dokumentarfilm, den er über den Gaza-Streifen gedreht hat. "Sie wollten alles über mein Leben wissen", sagt Rizk. Sie fragen nach seinem Studium in Deutschland, den USA und in Kairo. Wen kennt er? Mit wem hat er gesprochen? Erst später geht es auch um seine politische Arbeit. Mal dauern die Verhöre Stunden, mal nur wenige Minuten. Die Augenbinde nehmen sie ihm nicht ab, die Handschellen selten. Aber wenn er nicht so antwortet, wie sie es sich vorstellen, dann fesseln sie ihn wieder und erlauben nicht, dass er sich hinsetzt. "Ich glaube, sie wollten mich bestrafen", sagt Rizk. Wofür, das weiß er nicht, das sagen sie ihm auch nicht.

Sie foltern ihn nicht, aber sie lassen ihn auch kaum schlafen

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International gibt am dritten Tag der Gefangenschaft eine Erklärung heraus, ein Alarmwort steht in der Überschrift: Folter. "Gefangene des Sicherheitsdienstes sind besonders gefährdet, gefoltert zu werden, besonders wenn sie an einem unbekannten Ort festgehalten werden", heißt es im Text.

Gefoltert wird Rizk jedoch nicht. "Sie haben mir körperlich nichts getan", sagt er. Doch immer wieder holen sie ihn zu Verhören, erlauben ihm kaum Schlaf. Rizk verliert das Zeitgefühl. "Ich kannte den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht mehr." Einmal nehmen sie ihn mit zu seiner Wohnung, die sie in seiner Gegenwart durchsuchen; einer der seltenen Momente ohne Augenbinde. "Es war das einzige Mal, dass ich eine Uhr sah", sagt Philip, "es war vier Uhr nachts." Seinen Computer nehmen sie mit, zwei Festplatten, seinen iPod, seine Recherche-Unterlagen zu seinen Film.

Zur selben Zeit durchsuchen fünf Mann in Zivil und zwei Sicherheitskräfte in Kampfanzügen, mit Maschinenpistolen bewaffnet, auch das Haus von Rizks Familie. Ein Anwalt, der auch für Amnesty International arbeitet, verhindert, dass der Vater ebenfalls mitgenommen wird. Rizks ältere Schwester Jeannette wird es am nächsten Tag bei Facebook posten und der internationalen Presse berichten. Sie und ihre Familie haben eine weltweite Unterstützerkampagne organisiert.

Es gibt zu diesem Zeitpunkt weder eine Anklage noch einen offiziellen Vorwurf gegen Philip. Die Familie hat lediglich über Umwege erfahren, dass er tatsächlich festgenommen wurde. Jemand von der Amerikanischen Universität in Kairo, an der Philip studiert, hat aus Sicherheitskreisen eine inoffizielle Bestätigung bekommen. Über ähnliche Kanäle hört die Familie, dass Philip in einem Gefangenenlager am Rand Kairos festgehalten werden soll.

"Wir wissen alles über Dich"

Etwa am dritten Tag, so genau weiß Philip Rizk das nicht mehr, halten sie ihm einen Telefonhörer ans Ohr. Eine neue Stimme fragt, wie man seinen Namen in lateinischen Buchstaben schreibe. Immer wieder sagt man ihm: "Wir wissen alles über Dich." Jetzt werfen sie ihm abwechselnd vor, für Israel zu spionieren oder als Waffenhändler für die Hamas zu arbeiten.

Am vierten Tag stellen sie ihn vor die Wahl, sagt Rizk: Entweder in einer Stunde gehen, frei sein, oder für den Rest seines Lebens hinter Gittern sitzen. Er brauche nur zuzugeben, Papiere für fremde Regierungen verfasst zu haben. Das wüssten sie schon. Aber er solle es sagen. "Ich kann ihnen nichts anderes sagen als die Wahrheit", das hat er geantwortet, berichtet Rizk, "ich schreibe nur für die Uni, für ein paar Zeitungen und für meinen Blog."

Wenig später nehmen sie ihm die Augenbinde ab, geben ihm Zigaretten, Schlüssel, Geld und Telefon zurück. Er quittiert. Noch einmal verbinden sie ihm die Augen und fahren ihn nach Hause. "Ich wusste nicht, warum sie mich so plötzlich freigelassen haben", sagt er.

Viel spricht dafür, dass die internationale Aufmerksamkeit und der stille Druck der deutschen Botschaft dazu beigetragen haben. Die Familie hatte sich kurz nach der Festnahme an den deutschen Botschafter gewandt, der sich "um Klärung" und konsularischen Zugang bemühte, wie eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin sagt. Philip Rizk hat zwei Pässe, den ägyptischen und den deutschen.

Wer in Ägypten die Regierung kritisiert und es so öffentlich tut wie Rizk, riskiert, dass hart gegen ihn vorgegangen wird. Von verhafteten Bloggern berichtete schon mehrfach die Organisation "Reporter ohne Grenzen", die auch einen "Pressefreiheitsindex" veröffentlicht. Auf dieser Staaten-Rangliste rangiert Ägypten weit hinten: auf Platz 146 von 173.

Die Organisation fordert jetzt von der ägyptischen Regierung, auch den Blogger Dia al-Din Gad freizulassen, der am selben Tag wie Rizk festgenommen wurde. Er kritisiert seit Januar 2009 in seinem Blog "Eine Stimme der Wut" die ägyptische Nahost-Politik. Aus Sicherheitskreisen ist die Festnahme laut Agenturberichtet bestätigt worden.

Philip Rizk will sich weiter engagieren für die Menschen im Gaza-Streifen, in dem er selbst zwei Jahre lang gelebt hat. "Meine Gefangenschaft sollte nicht von dem Leid der Menschen dort ablenken", sagt er. Jedoch hätten die ägyptischen Behörden seinen Blog gesperrt, ebenso seine E-Mail-Postfächer. Doch Wegziehen will er nicht. "Nur ein paar Tage Ruhe wünsche ich mir, zusammen mit meiner Familie." Doch vorher plant er für Donnerstagnachmittag noch eine Pressekonferenz.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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newright 12.02.2009
1. So ein Unsinn
Das ist offene Kritik an der Nahost-Politik Ägyptens, einem Land, das die Grenzen zum Gaza-Streifen nur öffnet, wenn Israel einverstanden ist. Diese Unterstellung sollte der Reporter bitte belegen. Hier werden eindeutig Meinungen vertreten die von einer Israelfeindschaft zeugen. Es ist schon äußerst dreist die Verantwortung für Ägypten Israel zu weisen zu wollen. Ägypten ist ein souveräner Staat. Aber scheinbar ist der Reporter der Meinung, das Israel für alles im nahen Osten zuständig ist.
smokeonit 12.02.2009
2. titel
Zitat von newrightDas ist offene Kritik an der Nahost-Politik Ägyptens, einem Land, das die Grenzen zum Gaza-Streifen nur öffnet, wenn Israel einverstanden ist. Diese Unterstellung sollte der Reporter bitte belegen. Hier werden eindeutig Meinungen vertreten die von einer Israelfeindschaft zeugen. Es ist schon äußerst dreist die Verantwortung für Ägypten Israel zu weisen zu wollen. Ägypten ist ein souveräner Staat. Aber scheinbar ist der Reporter der Meinung, das Israel für alles im nahen Osten zuständig ist.
wenn, dann israelfreundschaft... LOL... oder warum sollten "ägypten die grenzen öffnen wenn israel einverstanden ist"??? feindschaft ist in so einem fall eher nicht zu erwarten...
smokeonit 12.02.2009
3. es war doch zu erwarten...
es war doch zu erwarten das er irgenwann festgenommen wird... gewundert hat es ihn bestimmt nicht, und wenn er so weiter macht und im land bleibt wird er 100% "verschwinden"...!
wolfi55 12.02.2009
4. er wusste was er tat
Wer in Ägypten demonstriert sollte wissen, dass es sich hier nicht um einen Staat handelt, in dem er die gleichen Maßstäbe wie in Deutschland anlegen kann. Und wer in der Nähe einer kritischen Staatsgrenze das tut, der sollte sich schon im klaren sein, dass das kaum hingenommen wird. Meiner Meinung ist der selbst schuld. Wenn er ein "richtiger" Deutscher namens Müller, Meier oder Schulze gewesen wäre, wäre dem nicht viel passiert. Aber da das ein halber Ägypter ist, der auch arabisch kann, hatte er halt Pech. Er hat vermutlich noch Glück, dass er nicht vor einem Militärgericht landet und mal locker zu 20 Jahren Steinbruch verurteilt wird.
Betonia, 12.02.2009
5. Deutscher Pass
Zitat von sysopStändige Verhöre, die immer gleichen Fragen, Augenbinde und Handschellen: Nach seiner Freilassung schildert der deutsch-ägyptische Student Philip Rizk, 27, die vier furchtbarsten Tage seines Lebens. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,607150,00.html
Philip Rizk ist etwas naiv, würde ich sagen. Deutsche Maßstäbe zählen in Ägypten nicht. Und er kann froh sein, wenn die Bundesregierung sich tatsächlich für ihn eingesetzt hat. In Ägypten ist er mit einem ägyptischen Pass in erster Linie Ägypter, nicht Deutscher. PS: Wenn Israel über die Öffnung der Grenzen von Ägypten nach Gaza bestimmen könnte, wären die wahrscheinlich ständig geöffnet.
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