Offener Brief aus Bochum Medizinstudenten wollen wieder Leichen

Medizinstudenten in Bochum haben sich in einem offenen Brief an die Landesregierung beschwert: Sie ärgern sich, weil sie nicht mehr an echten Leichen lernen dürfen.

Medizinstudenten beim Sezieren einer Leiche (Symbolbild)
DPA

Medizinstudenten beim Sezieren einer Leiche (Symbolbild)


Medizinstudenten der Ruhr-Universität Bochum machten ihrem Ärger in einem offenen Brief an die nordrhein-westfälische Landesregierung Luft. Sie beklagen "ein großes Problem" in ihrer medizinischen Ausbildung, weil in Bochum seit Monaten keine Anatomie-Kurse mehr zum Präparieren von Leichen angeboten werden.

Die Leichen sind in der Regel mit Formaldehyd konserviert, und da liegt das Problem. Anfang 2016 wurden die Richtwerte für die Konzentration an Formaldehyd in der Raumluft von Anatomie-Präparier-Sälen bundesweit verschärft. Denn der Stoff gilt als krebserregend.

In den Räumen der Uni Bochum können die neuen Schadstoff-Grenzwerte bisher nicht eingehalten werden. Das hätten Messungen ergeben, die bereits im vergangenen Sommer durchgeführt wurden, heißt es in dem Brief der Studenten. Deshalb wurden die Präp-Kurse zunächst abgesagt.

Die Studenten kritisieren, dass an ihrer Uni - anders als an anderen Hochschulen - nicht schon längst die nötigen Umbaumaßnahmen ergriffen wurden, damit die Kurse weiterhin stattfinden können.

"Wir sind der Meinung, dass das Lehren und Lernen am menschlichen Körper im Fach Anatomie essenziell für unsere medizinische Ausbildung ist", schreiben die angehenden Mediziner.

"Die beste Lehrbuchabbildung kann das nicht ersetzen"

"Als Grundlage für die Ausbildung zu einem kompetenten Arzt stellt der Präparier-Kurs eine unverzichtbare Bedingung dar, um den Körper des Menschen in seiner Topografie, Individualität und Beschaffenheit hinsichtlich Haptik und Optik kennenzulernen. Auch die beste Lehrbuchabbildung kann diese reale Erfahrung nicht ersetzen."

Die Studenten fordern dringend, sowohl kurz- als auch langfristig eine Lösung des Problems. Für Montag haben sie zu einer Kundgebung an der Uni mit "Präparieren geht über Studieren"-Plakaten aufgerufen. Dabei wollen sie auch weitere Unterschriften für den offenen Brief sammeln. Bei Facebook wird der Protest unter der Überschrift "Bring back The Präp" geplant.

Die Universität bestätigte die Angaben. "Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung", sagte ein Sprecher. Man sei in engen Gesprächen mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb als Eigentümer der Räumlichkeiten." Die Abschlüsse der Studenten seien durch die fehlenden Anatomiekurse nicht gefährdet.

Das Wissenschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen teilte mit, die Kurse sollten "schnellstmöglich" wieder angeboten werden. Die Uni müsse eine Lösung im Sinne der Studenten finden. "Niemandem darf, schon gar nicht in prüfungsrechtlicher Hinsicht, ein Nachteil entstehen."

Ganz neu ist das Problem nicht. Wegen zu hoher Schadstoffwerte wurden die Präparier-Kurse in der Vergangenheit auch an anderen Hochschulen ausgesetzt, zumindest vorübergehend. Betroffen waren zum Beispiel Medizinstudenten in Frankfurt.

fok



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
kasam 24.06.2016
1. Zurück zu den Wurzeln, wo angehende Mediziner
bei Nacht und Nebel sich die Lehrstücke geheim besorgt haben.... das gehört ins vorletzte Jahrhundert oder noch weiter zurück, hat aber mit dem 21. ten Jahrhundert mit Bildung und Wissenschaft nichts zu tun, genau so diese halb verlotterte Ausbildung jener jungen Ärzte, die nachher bei Operationen weder den Tumor vom Dickdarm noch weitere tumorige Stellen mit der Hand ertasten oder definieren können . Als Chirurg lernt nicht nur der Kopf des Studenten, sondern auch der Tastsinn.... So kann man keine gute Ausbildung der kommenden Jungärzte erreichen..
mrotz 24.06.2016
2.
Mal wieder übertriebene Umweltgesetze. Die Arbeitsplatzrichtlinien gelten für dauerhaftes Arbeiten über Jahre hinweg. Wie lange sind die Medizinstudenten im Kurs? Das Stammpersonal kann ja übergangsweise Masken tragen.... nja. oder man bedenkt, daß der Istzustand vielleicht doch nicht so schlimm ist. Aber das geht ja nicht. Das wäre Ketzerei. mfg
vlado13 24.06.2016
3. Die Reaktionen...
von Unileitung und Landesregierung sind vielsagend: die Abschlüsse sind nicht gefährdet, niemandem wird in der Prüfung ein Nachteil erwachsen. Darum geht es den Studierenden nur nicht. Es geht ihnen um eine praxisnahe Ausbildung.
vlado13 24.06.2016
4. Falsch!
Zitat von mrotzMal wieder übertriebene Umweltgesetze. Die Arbeitsplatzrichtlinien gelten für dauerhaftes Arbeiten über Jahre hinweg. Wie lange sind die Medizinstudenten im Kurs? Das Stammpersonal kann ja übergangsweise Masken tragen.... nja. oder man bedenkt, daß der Istzustand vielleicht doch nicht so schlimm ist. Aber das geht ja nicht. Das wäre Ketzerei. mfg
Es ist ja nicht so, dass das Problem nicht durch Baumaßnahmen in den Griff zu bekommen wäre. Andere Hochschulen haben es ja gelöst. Nur in Bochum wird noch geredet...
Grorm 24.06.2016
5.
Zitat von kasambei Nacht und Nebel sich die Lehrstücke geheim besorgt haben.... das gehört ins vorletzte Jahrhundert oder noch weiter zurück, hat aber mit dem 21. ten Jahrhundert mit Bildung und Wissenschaft nichts zu tun, genau so diese halb verlotterte Ausbildung jener jungen Ärzte, die nachher bei Operationen weder den Tumor vom Dickdarm noch weitere tumorige Stellen mit der Hand ertasten oder definieren können . Als Chirurg lernt nicht nur der Kopf des Studenten, sondern auch der Tastsinn.... So kann man keine gute Ausbildung der kommenden Jungärzte erreichen..
Ihnen ist aber schon bewusst, dass sich eine ein Jahr lang in Formalin und Alkohol "gebadete" Leiche *wesentlich* anders anfühlt als ein lebendiger Mensch? Oder?
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