Boombranche Antragsberater Reich mir Hand und Geld, mein Forscher

Professoren schieben den Antragsstress gern an Untergebene ab - auch weil sie selbst kaum noch durchblicken: Hilfe versprechen professionelle Antragsberater, einige wittern ein einträgliches Geschäft. Das Hochschulmagazin "duz" zeigt: Die Wachstumschancen der Branche sind exzellent.

Antragsstress: Damit hier geforscht werden kann, müssen Drittmittel fließen
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Antragsstress: Damit hier geforscht werden kann, müssen Drittmittel fließen

Von Johann Osel


Hannes Lehmann, Dezernent für Forschungsförderung an der Technischen Universität Dresden, kennt die berechtigten Klagen der Wissenschaftler. Das Einwerben von Drittmitteln bindet Personal, kostet Geld und vor allem Zeit.

Bei EU-Förderungen gelten zudem ganz eigene Spielregeln, die sich vom gewohnten Wettbewerb um die nationalen Fördertöpfe unterscheiden. Politischere Forschungsziele kommen ins Spiel, eine andere Antragsrhetorik ist nötig. Ein Wissenschaftler, der ein EU-Projekt in Betracht zieht, so Lehmanns Erfahrung, denke nun einmal nicht in Programmlinien, sondern in den Kategorien seiner Wissenschaft: "Sie oder er muss also in einem ersten Schritt zunächst einmal eingefangen und mit den Chancen und Risiken des Systems vertraut gemacht werden." Dieses "Einfangen" übernimmt in Dresden das European Project Center (EPC).

Ohne Hilfe geht es kaum noch

Wie in Dresden bieten deshalb viele Hochschulen in besonderen EU-Referaten ihren Forschern Unterstützung an: Ohne Hilfe geht es offenbar nicht mehr. Sonst ist im Rennen um den Geldsegen kein Blumentopf zu gewinnen. Beratung bei Anträgen liefern auch die Nationalen Kontaktstellen der Europäischen Union, Einrichtungen wie die Kooperationsstelle EU der Wissenschaftsorganisationen (KoWi) in Brüssel und Bonn oder - speziell für den forschenden unternehmerischen Mittelstand - etwa die Zenit GmbH in Nordrhein-Westfalen. Deren Gesellschafter ist unter anderem das Bundesland.

Daneben entwickelt sich allmählich ein Markt an kommerziellen Dienstleistern. Ein Markt, der noch überschaubar ist: Eine Handvoll professioneller Förderberatungen aus Deutschland hat sich in der Branche einen Namen gemacht. Zudem sind in deren Schatten zahlreiche Freelancer zugange. Wie arbeiten solche Firmen, wie unterscheiden sie sich von den nicht-kommerziellen Stellen? Und: Gibt die Wissenschaft damit nicht das Ruder gewissermaßen aus der Hand?

Ein Besuch bei der Firma GABO:mi in München, unweit vom mondänen Odeonplatz. Der Name steht für "Gesellschaft für Ablauforganisation: milliarium mbH & Co. KG". Brigitte Fuchs und Dieter Schuster, die Geschäftsführer, sitzen in ganz normalen Büroräumen, Fachbibliotheken oder gar Forschungsapparaturen finden sich hier nicht. Denn die Berater, ein gutes Dutzend, müssen nicht vom jeweiligen Fach sein. Schuster ist Diplom-Ingenieur und war viele Jahre in der Industrie tätig, Fuchs ist Wirtschaftsinformatikerin.

Beide wissen, dass Förderanträge Handwerk sind: Man kann keine Ahnung von Herzschrittmachern haben und trotzdem einem solchen Antrag zum Erfolg verhelfen. Die Quote ihrer durchgebrachten Vorhaben liege bei 70 bis 80 Prozent, sagen sie, ansonsten würden es je nach Branche nur 10 bis 15 Prozent schaffen. Fuchs: "Antragsstellung ist ein Vollzeitjob und kann nicht nebenbei erledigt werden." Manche Kunden würden erst einmal alleine mit dem Antrag beginnen und dann feststellen, dass sie an ihre Grenzen stoßen. Die Firma werde dann "als eine Art Feuerwehr" gerufen, um kurz vor Zwölf noch einzugreifen. Etwa 60 Prozent bitten dagegen von Anfang an um Hilfe: "Auch, weil sie sich vielleicht früher schon einmal die Finger verbrannt haben."

Dass es sich bei ihrer Dienstleistung um ein Rundumsorglos-Paket handeln könnte, hören die beiden Geschäftsführer nicht gerne. Im Gegenteil, sagt Schuster: "Es ist eine Art Symbiose. Wir bieten Sicherheit und Koordination, nehmen aber die Forscher in die Pflicht und machen klare Ansagen, was sie für einen Erfolg liefern müssen." In der Regel gibt es ein Erstgespräch, in dem mittels einer Check-Liste der aktuelle Status aufgenommen wird; darauf folgen ein Terminplan und eine Festlegung, wer was bis wann beisteuern muss. Zwischenzeitlich folgen weitere Meetings - auch, wie Fuchs sagt, "um alle einzuschwören auf das Ziel, Fristen anzumahnen und charmant, aber bestimmt auf Linie zu bringen". Nach und nach kommen die Einzelteile zusammen - Projektidee, Umsetzung, Zeitplan, Budget und Kalkulation, mögliche Vermarktung, politische Auswirkungen. Wenn sich im Gesamtantrag Unwuchten oder Lücken finden, muss nachgebessert werden. Fuchs: "Man darf sich keine offenen Flanken leisten, vor allem das Finetuning kann kriegsentscheidend sein."

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insgesamt 9 Beiträge
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Das Auge des Betrachters 26.09.2011
1. Die Politik...
...ist in allen Bereichen der Vorreiter. Sie hat es vorgemacht, wie man sich die Deutungshoheit sichert, durch Einrichtung von Lehrstühlen, für jede Evaluation die man als Argumentationshilfe so braucht. Man schaue sich nur die Schwämme an Islam und Migrationsforschern (da geht es um das gleiche), denen in den letzten Jahren ein Lehrstuhl eingerichtet wurde. Manche Unis, wie Bielefeld oder Berlin haben fast keine andere Aufgabe mehr, als den Parteien oder Bertelsmann als Mietmaul für Scheinevaluationen zu dienen.
+.+ 26.09.2011
2. http://forum.spiegel.de/newreply.php?do=newreply&noquote=1&p=8795924
Toll, um mit der Bürokratie - von der EU-Seite - klar zu kommen wird auf Uni-Seite noch mehr Bürokratie geschaffen, bzw. es werden Bürokratieexperten beauftragt. Das heißt also statt das ein Forscher einfach mit vernünftigen Mitteln ausgestattet wird so dass er das tun kann was er soll, nämlich wissenschaftliche Ergebnisse zu produzieren muss er sich mit diesem Mist rumschlagen oder einen Teil seiner Mittel für die Antragsberater abdrücken. Das ist doch ABM^10 für irgendwelche EU-Bürokraten... (Gegen die Antragsberater sage ich nichts, die machen einen nützlichen Job, der allerdings unnötig wäre wenn der Amtsschimmel nicht laut wiehern würde.)
Emil Kaufmann, 26.09.2011
3. Könnte auch auf OpenPR so stehen
Selten einen so unverhüllten PR-Artikel über eine bestimmte Firma gelesen (die ich hier nicht nochmal nennen will). Und SpOn bringt so etwas auch noch unredigiert und unkommentiert. Darf ich meine Werbe-PR auch bei SpOn so unterbringen?
gemeinwirt 26.09.2011
4. KMU ausgeschlossen
Man stelle sich vor, ohnehin bereits aus Steuergeldern abgesicherte Unibeamte nehmen Beratungsdienste in Anspruch, um KMU die EU-Mittel auch noch wegzunehmen. Mit Erfolg: Deren Anteil beträgt nämlich 14% - inklusive der hier geschilderten, projektleitenden "Antragsberater", die alle selbst als KMU gelten.
Leser161 26.09.2011
5. Allgemeine Entwicklung halt
Prinzipiell ist das ja nichts Neues. - Eine Steuererklärung ist ja eigentlich auch nur ein Antrag, den man wegem der Komplexität lieber nem Profi überlässt. V - Vor Gericht wird man ja schon längst dazu gezwungen, man kann noch so viel Recht haben, man braucht trotzdem einen Profi (Anwalt). Das Problem an alle diesen Entwicklungen ist, dass diejenigen die sie kontrollieren auch davon profitieren.
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