Erben der Apartheid "Wie kann man in Südafrika leben und nichts tun?"

Aus Kapstadt berichten und

3. Teil: Julia Taylor, 24 - "Mir wurde bewusst: Ich bin die Minderheit"


Julia Jaroschewski

Julia Taylor, 24, ist aus dem goldenen Käfig ausgebrochen. Hohe Mauern, elektrische Zäune ums Haus und ein Wachposten am Eingang der Straße: Als Teenager lebte sie mit ihrer Familie in Sandhurst, einem Nobelvorort von Johannesburg. Jeden Morgen wurde sie zum Kingsmead Girls College gefahren, eine der teuersten Schulen Südafrikas.

Sie hatte während ihrer gesamten Schulzeit nur drei Mitschüler, die nicht weiß waren. "Und ich habe nicht einmal gemerkt, dass die Situation unnormal ist", sagt sie. Apartheid war für sie eher abstrakt - ein Thema, das jedes Jahr in der Schule durchgenommen wurde. Im Alltag berührte es sie nicht. "Man spricht normalerweise auch nicht darüber, weil es irgendwie ein heikles Thema ist."

Das Studium, ein Schock

Als Julia für ihr Studium nach Kapstadt zog und sich auf einem Campus wiederfand, auf dem sich Hautfarben und soziale Milieus mischten, war das ein Schock: "Mir wurde plötzlich bewusst: Ich bin die Minderheit."

Im Stadtbild von Kapstadt sind die Spuren der Apartheid noch sichtbar: "Viele Bewohner der Innenstadt seien weiß", sagt sie. "Aber wenn dich jemand auf der Straße anbettelt, ist das meist ein Schwarzer." Johannesburg sei gemischter, integrierter, findet sie. "Es geht dort mehr um neue Talente als um alteingesessene Familien."

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Junge Südafrikaner: Wir leben mit dem Erbe der Apartheid
Julia Taylor entschloss sich, neben ihrem Bachelorstudium der Politikwissenschaften, Philosophie und Wirtschaft als Freiwillige zu arbeiten - auch, um die Schuld der Elterngeneration abzutragen. Bis heute wühlt es sie auf, dass ihre Eltern an derselben Universität wie viele Anti-Apartheid-Aktivisten studierten - aber einfach nichts unternahmen. "Wie kann man in Südafrika leben und nichts tun?"

"Es gibt so viel, was getan werden muss"

Julia fuhr in die größte Township Kapstadts, Kayelitsha, und unterrichtete dort Englisch, betrieb Fundraising für soziale Projekte. Inzwischen arbeitet sie vor allem für Greenpop, ein Kapstädter Start-up mit sozialer Mission. Die Freiwilligen forsten Wälder auf und pflanzen Bäume in Townships, auch zusammen mit Township-Kindern.

Von einer "Born Free"-Generation würde die Studentin nicht sprechen: "Wir haben vielleicht politische Freiheit, eine Stimme, aber von wirtschaftlicher, räumlicher und struktureller Freiheit sind wir noch weit entfernt", sagt sie. Auch Rassismus gebe es noch in ihrer Generation: "Ich hatte rassistische Freunde auf meiner Schule, die gesagt haben, es gebe keine netten schwarzen Menschen." Doch die hätten höchstens Kontakt mit schwarzen Kindermädchen gehabt.

Schwarz und weiß, benachteiligt und privilegiert, arm und reich: Inzwischen weiß Julia um die extremen Gegensätze in Südafrika. Ihre Zukunft sieht sie trotzdem hier. Sie sagt, sie sei "patriotisch" und liebe das Land. Inzwischen studiert sie "Nachhaltige Entwicklung" und könnte sich vorstellen, danach ein sozial ausgerichtetes Start-up zu gründen. "Es gibt so viel, was getan werden muss."



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testthewest 02.10.2012
1.
Zitat von sysopSonja PeteranderlEigentlich sollte die Hautfarbe keine Rolle mehr spielen - trotzdem spüren sie, wie ihr Land noch heute mit den Folgen der Apartheid kämpft. Drei junge Südafrikaner erzählen vom Aufwachsen in der Township, von ihrem Aufstiegswillen und der Ignoranz in Nobelvierteln. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/born-free-generation-junge-afrikaner-sprechen-ueber-apartheid-a-857003.html
Wieso schreibt der Spiegel nur schlecht über die weissen Südafrikaner? Sie haben ohne Revolution ihre Sonderrecht abgegeben. Es herrscht Meinungsfreiheit und Demokratie. Der Staat funktioniert besser als jeder andere in Afrika - weil es eben noch ein paar Weisse gibt. Doch deren Zahl sinkt rasch. Dann wird man sehen was aus Südafrika wird. Es gibt schon genug Anzeichen, dass es kein gutes Ende nehmen wird. Der ANC ist schon viel zu lange an der macht, manch ein Funktionär glaubt bereits es sei eine Monarchie. Der Wahlkampf wird durch Stammeszugehörigkeit entschieden, die Kriminalität ist hoch, die AIDS-Rate auch - was kaum verwundert, wenn der Staatspräsident meint, gegen HIV helfe nach dem Verkehr einmal gut duschen. Auch so Kommentare wie: "Die Schwarzen sind immernoch arm" sind ziemlich reisserisch. Wie sollen denn Millionen Schwarze von einer kleinen weissen Minderheit alle reich gemacht werden? Woher soll der Wohlstand kommen, wenn nicht durch eigenen Fleiss? Eine Mehrheit mag einer Minderheit helfen, aber eine 9% Minderheit, kann nicht eine 79% Mehrheit plötzlich in fleissige, ausgebildete Arbeitnehmer und Arbeitgeber verwandeln. Das geht erst Recht nicht, wenn auch noch aus dem ganzen südlichen Afrika immer mehr ungelernte Menschen kommen. Die Weissen sind das intelektuelle und wirtschaftliche Herzstück Südafrikas, sein Standortvorteil auf einem Kontinent der ansonsten der zurückgeblibenste ist.
donnacappuccina 02.10.2012
2. achja..
@testthewest .. die tollen Weißen mal wieder. Deine Aussage ist ja wohl, dass Reichtum an die Hautfarbe gebunden ist. Das ist Nonsens meiner Ansicht nach. Die Weißen haben u.a. Bildung und Strukturen mitgebracht und davon profitiert Südafrika nun, unabhängig von der Hautfarbe. Können diese Strukturen erhalten bleiben, egal durch wen, führt das auch zu mehr Wohlstand. Es wäre jedoch Nonsens, zu behaupten, andere "Rassen" hätten nicht die Disziplin, demokratische Werte zu erhalten..
testthewest 02.10.2012
3.
Zitat von donnacappuccina@testthewest .. die tollen Weißen mal wieder. Deine Aussage ist ja wohl, dass Reichtum an die Hautfarbe gebunden ist. Das ist Nonsens meiner Ansicht nach. Die Weißen haben u.a. Bildung und Strukturen mitgebracht und davon profitiert Südafrika nun, unabhängig von der Hautfarbe. Können diese Strukturen erhalten bleiben, egal durch wen, führt das auch zu mehr Wohlstand. Es wäre jedoch Nonsens, zu behaupten, andere "Rassen" hätten nicht die Disziplin, demokratische Werte zu erhalten..
Ja, die tollen Weissen! Sie haben Bildung und Struktur gebracht, also alles was ein Entwicklungsland von einem Industrieland unterscheidet, alles was Wohlstand von Elend trennt. Das ist in Afrika ziemlich viel. Der Rest ist eben Text von jemand, der nie selber dort gelebt hat und die Menschen dort nicht kennt. Schauen sie doch an, was aus den Strukturen wird, wenn die "Weissen" weg sind. Simbabwe ist da ein Beispiel unter vielen. Die meisten afrikansichen Länder sind nach dem Weggang der Kolonialherren eher schlechter geworden als besser. Die Strukturen bleiben nicht erhalten. Sie verfallen und es werden Elendsgebiete daraus. Und dann frage ich sie: Warum wird nicht berichtet über arme Weisse in Südafrika, denn die gibts da auch zu Hauf. Denen wird auch nicht geholfen. Und warum wird kein Wort darüber verloren, dass eine ganze Bevölkerungsschicht auswandert, weil ihr keine Perspektive im eigenen Land geboten wird. Der Rassismus wurde dort teilweise nicht besiegt, sondern nur die Vorzeichen geändert. Aber bitte: An der Armut der Schwarzen sind alle Schuld, nur sie selber nicht!
jocheno.b. 02.10.2012
4. Reichtum ist Folge von schmutzigen Tricks
Unfaires Verhalten, Ausbeutung, Brutalität, Rechthaberei waren und sind die Mittel mit denen sich die 'Buren' ihren Reichtum verschafft haben. Das Erbe der Apartheitszeit sind diese Strukturen, die teilweise von der neuen schwarzen Oberschicht kopiert werden. Diese 'dog eats dog' Mentalität macht es schwer eine faire Gesellschaft und demokratische Verhältnisse zu etablieren. Die Buren haben ihre Privilegien nicht freiwillig aufgegeben und tun das heute auch nur in den seltensten Fällen.
testthewest 02.10.2012
5.
Zitat von jocheno.b.Unfaires Verhalten, Ausbeutung, Brutalität, Rechthaberei waren und sind die Mittel mit denen sich die 'Buren' ihren Reichtum verschafft haben. Das Erbe der Apartheitszeit sind diese Strukturen, die teilweise von der neuen schwarzen Oberschicht kopiert werden. Diese 'dog eats dog' Mentalität macht es schwer eine faire Gesellschaft und demokratische Verhältnisse zu etablieren. Die Buren haben ihre Privilegien nicht freiwillig aufgegeben und tun das heute auch nur in den seltensten Fällen.
Doch, es gab eine Wahl, in der man für das Ende der Apartheid gestimmt hat. Stimmberechtigt waren nur Weisse. Der ganze Rest ist der typische Schmutz den sie werfen, weil sie die Geschichte nicht verstehen. Ausbeutung war zu diesen Zeiten überall auf der Welt üblich, auch in Deutschland, erst Recht in den USA. Zuletzt sollte man mal bemerken, dass die Buren nur ein Teil der Weissen ausmachen und die Schwarzen sicher nicht die Buren "kopieren", sondern sich eben so verhalten, wie sonst auch überall in Afrika.
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