Brasilien Riesiger Markt für gekaufte Examensarbeiten

Wozu selbst schreiben, wenn man die Diplom- oder Doktorarbeit aus dem Web zusammenräubern oder kaufen kann? In Brasilien hat sich eine kleine Industrie auf das profitable Produkt spezialisiert - und verhökert Studenten, was sie für ihren Abschluss brauchen.


São Paulo - Brasilien ist nicht nur das größte Land Lateinamerikas, sondern gemäß neuesten Studien auch das korrupteste - eine Heimsuchung auch für die Hochschulen. Ein Großteil der Studenten fertigt akademische Arbeiten, sogar Dissertationen, nicht selbst an, sondern kauft sie skrupellos bei einer regelrechten speziellen Industrie ein. Das Problem ist sehr heikel und betrifft sogar Brasiliens größte und angesehenste Universität in der Megacity São Paulo.

Studenten (in Brasilia): 70 Prozent studieren an privaten Hochschulen
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Studenten (in Brasilia): 70 Prozent studieren an privaten Hochschulen

Der zuständige Ethikrat lehnt gegenüber dem ausländischen Journalisten dazu Interviews ab. Professor Ruy Braga gibt indessen bereitwillig Auskunft: "Ein heißes Eisen, ohne Zweifel - und wir haben es in der Tat mit einer regelrechten Industrie zu tun, zu der Profis aller Fachgebiete gehören", sagt der Wissenschaftler von der philosophischen Fakultät. "Diese Industrie, dieser Markt boomt und ist Teil unserer ökonomischen, politischen und moralischen Krise. Die Branche bietet ihre Dienste im Internet an oder hängt sogar Werbeanzeigen direkt in den Universitäten aus."

In Brasilien besuchen nur 30 Prozent der Studenten öffentliche Universitäten und Hochschulen, doch 70 Prozent studieren an privaten Hochschulen. Mehr als vier Millionen sind derzeit immatrikuliert. Es dominiert Massenbetrieb. "Der Anteil der Studenten, die betrügen, sich Arbeiten anfertigen lassen, ist erschreckend hoch - am höchsten an den Privatunis. Dort sind es mit Sicherheit über 50 Prozent aller Studierenden", so Braga. "Die Professoren müssten das verhindern. Doch damit würden sie sich unbeliebt machen und die Studenten deren Entlassung durchsetzen. Die Studenten haben ja bezahlt, wollen rasch ihre Abschlüsse. Und die Privatunis sind nur an Gewinn, nicht an Qualität interessiert. Alles sehr schlecht für die Qualifikation der brasilianischen Arbeitskräfte, für die akademische Ausbildung. Sie ist ein Gigant auf tönernen Füßen."

Professoren werden zu Detektiven

Professor Braga und andere Dozenten der Bundesuniversität bekämpfen den Betrug: mehr schriftliche Prüfungen, begrenzte, vorgegebene Bibliographien, Verwarnung der Studenten. Werbeanzeigen der Betrugsindustrie werden systematisch entfernt. "An der philosophischen Fakultät ist das Problem jetzt viel geringer - wir Lehrkräfte haben inzwischen mehr Erfahrung, sehen eher Indizien. Andererseits haben wir viel mehr Studenten als früher. Das erschwert es, jeden Verdachtsfall minutiös zu prüfen", so Braga.

Danilo Frei und Eduardo Moreto studieren an der Bundesuniversität, wissen, wie es läuft. "Am meisten wird an den Fakultäten für Wirtschaft, Administration und Rechtswissenschaften betrogen - viel weniger bei den Philosophen, denn die Profs dort merken es einfach", erzählen sie. "Einmal kam heraus, dass eine Dissertation nichts weiter als die Übersetzung einer Doktorarbeit aus Spanien war."

An der Katholischen Uni von São Paulo zählt Professorin Anna Cintra zum Direktorium und wurde notgedrungen zur Detektivin. "Natürlich fahnde ich auch per Google im Internet, entdecke kopierte Abschnitte, kopierte Arbeiten", erzählt sie. "Noch unlängst kamen Sonderbusse mit Studenten von Hochschulen des Hinterlandes, die in unserer Bibliothek massenhaft Abschlussarbeiten ausliehen, sofort kopierten und dann unter eigenem Namen einreichten. Wir - und auch die Bundesuniversität - geben deshalb solche Arbeiten nicht mehr heraus."

Auch Professorin Cintra sieht das Hauptproblem bei den gewinnorientierten Privatuniversitäten. Unqualifizierte Absolventen, die sich ihre Abschlüsse kauften, nennt sie gar eine "große Gefahr für die Entwicklung der Nation".

Von Klaus Hart, "Campus & Karriere" / Deutschlandfunk



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