60 Jahre "Bravo" "Kann ich vom Petting schwanger werden?"

Bin ich normal? Ist mein Penis zu klein? Wie spreche ich ihn an? Seit 60 Jahren beantwortet die "Bravo" die großen Fragen der Pubertät. Ein Bilder-Rückblick auf Starschnitte, Foto-Lovestorys und Dr. Sommer.

Bauer Media Group/ BRAVO

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1969 schreibt die 14-jährige Karin einen verzweifelten Brief an die "Bravo": "Zum ersten Mal bin ich richtig verliebt. Ich bin 14, und mein Freund ist 21. Meine Eltern erlauben, dass wir spazieren gehen, weil er anständig ist und weiß, wie weit er bei mir gehen darf."

Das Mädchen beschreibt, wie sich das Paar aus Angst, gesehen zu werden, immer heimlich trifft - bis der Freund den Vorschlag macht, zu warten bis Karin 16 ist. "Ich will aber bei ihm bleiben", sagt Karin.

Knapp 50 Jahre später fragt Verena auf Facebook: "Was macht man, wenn man einen Schwarm hat und der einen hasst?" Dr. Sommer antwortet - damals wie heute - sachlich, beruhigend und zukunftsweisend: Das sei alles ganz normal. Das sei alles eine Phase, für die man sich nicht schämen muss. Und das vergehe auch alles wieder. Manchmal steht heute auch ein Smiley dabei, 2016 eben.

Im prüden Deutschland der Sechzigerjahre war es in den meisten Familien verpönt, offen über Sex zu sprechen. Viele heutige Erwachsene verdanken ihr Wissen über Sexualität, Beziehungen und Liebe daher zu einem Großteil Dr. Sommer. Doch auch nach sechs Jahrzehnten sind die Aufklärungsseiten noch immer eine der wichtigsten Rubriken in der Jugendzeitschrift "Bravo", die am Freitag ihr 60. Jubiläum feiert.

Längst halten YouTube-Stars ihre nackten Brüste in die Laptop-Kamera, in der Schule wird an Holzpenissen geübt, wie man Kondome überstülpt, und diverse Blogs geben Flirttipps. Oder warnen vor Flirtfehlern. Oder geben eine Top Ten der Einstiegsfragen, mit denen man auf Tinder seinen Traumboy auf jeden Fall überzeugt. Es gibt YouPorn und Google.

Brauchen Jugendliche da wirklich noch die "Bravo", um zu wissen, was Petting ist? Der Bedarf sei in den letzten Jahren sogar eher gestiegen, denn "der Wunsch nach Orientierung ist eines der stärksten Bedürfnisse junger Erwachsener", sagt Sabine Kadolph, die ihren Erzieherberuf aufgab und nun seit 25 Jahren im Dr.-Sommer-Team der "Bravo" Fragen beantwortet. YouTube-Videos allein könnten diese Beratungstiefe und -qualität gar nicht bieten.

Was jedoch früher ein ganzes Team an Sozialpädagogen und Psychologen beantwortet hat, wird bereits vor einigen Jahren laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" nur noch von Kadolph, freien Mitarbeitern und Volontären erledigt. Der Bauer-Verlag teilt dazu nur mit: Das Dr.-Sommer-Team bestehe aktuell aus vier Experten.

"Jeder Jugendliche stellt sich in der Pubertät dieselben Fragen", sagt Kadolph. Und die hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert: Bin ich normal? Kann ich vom Petting schwanger werden? Ist mein Penis zu klein? Sind meine Brüste zu groß? Wie spreche ich ihn an?

Was sich natürlich ändert, ist das Vokabular: Was 1969 noch als "körperliche Vereinigung" bezeichnet wurde, wurde ziemlich schnell zu "Sex". Aus "Backfischen" und "Halbstarken" wurden "Girls" und "Boys". Die "Mutter" heißt jetzt "Mom", und es gibt auch ganz neue Wörter wie "Nacktselfies" und "Sexting".

Die "Bravo"-Aufklärungsseiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten sogar noch ausgebaut, ein Sonderheft richtet sich erstmals auch an die Eltern. Die meisten von ihnen dürften die "Bravo" noch aus der eigenen Jugend kennen, fast jeder heutige Erwachsene hatte das Jugendmagazin irgendwann einmal in der Hand. Nicht nur wegen Dr. Sommer.

Ein weiterer Grund, die "Bravo" zu kaufen waren die Exklusiv-Geschichten aus Hollywood, die Nähe zu den Promis und natürlich: die Starschnitte. "Ihr absolutes Hoch hatte die Zeitschrift nach der Wende, Anfang der Neunzigerjahre", sagt Alex Gernandt. Der Münchner Journalist arbeitete 25 Jahre lang bei der "Bravo", als Redakteur, Reporter, zuletzt von 2012 bis 2013 als Chefredakteur. "Früher war der 'Bravo'-Reporter das Bindeglied zwischen Stars und Fans", sagt Gernandt. "Was es über die Stars zu wissen gab, erfuhren die Fans bei uns."

"BRAVO"-Titel 1962
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"BRAVO"-Titel 1962

Heute verbreiten die Künstler ihre Infos selbst über Twitter und Facebook. Und auch die Teenies sind fast nur noch digital unterwegs. Beides schadet der gedruckten "Bravo": Erschien die Zeitschrift in den Neunzigerjahren noch wöchentlich mit einer Auflage von mehr als 1,5 Millionen Heften, waren es 2015 selbst bei einer zweiwöchigen Erscheinungsweise nur noch rund 214.000 Exemplare pro Ausgabe.

Auf dem "Bravo"-Titel prangen nun häufig YouTube-Stars wie Die Lochis, und die Boybands lächeln mit babyglatter Haut, zerrissenen T-Shirts und blondierten Haaren vom Cover. Aber es gibt sie immer noch: die Starschnitte, die Foto-Lovestorys und natürlich Dr. Sommer.

Liebe, Sex und Stars: Sehen Sie hier 60 Jahre "Bravo" in Bildern.

Mitarbeit: Lisa Kutteruf

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