Bremer Privatuni Studium aus der Kaffeekasse

Die ambitionierte International University Bremen zwickten lange Geldsorgen. Ihr neuer Präsident löste das Problem mit einem Paukenschlag und präsentierte überraschend einen Großsponsor: Die Jacobs-Stiftung ist künftig Finanzier und Namensgeber der Hochschule.

Von Gordon Bolduan


David Lubango hat sein Tablett mit den Resten vom Mittagessen beiseitegeschoben. "Ich hatte mich für ein Studium an der International University Bremen entschieden, nicht für Deutschland", erklärt er nüchtern auf Englisch.

Der 24-jährige Kenianer trägt dunkle Jeans und ein Poloshirt, in seinem rechten Ohrläppchen glänzt ein Ohrstecker. Entspannt sitzt er im Neubau, der drei Soldaten-Unterkünfte der ehemaligen Roland-Kaserne der Bundeswehr verbindet. Seinen Bachelor im Fach "Biochemical Engineering" wird Lubango nicht an der International, sondern an der Jacobs University Bremen machen. Aber der Grund dafür ist kein Uni-Wechsel: Die Hochschule selbst ändert ihren Namen.

Angetreten war die IUB im Jahr 1999 mit dem Ziel, als erste deutsche Privatuniversität ein umfassendes Fächerspektrum inklusive teurer Naturwissenschaften wie Physik und Chemie zu bieten – und mit handverlesenen Studenten aus aller Welt sowohl für Exklusivität als auch für Internationalität zu sorgen.

Das Land Bremen unterstützte die Bildungs-GmbH mit einer Anschubfinanzierung von rund 110 Millionen Euro und den Grundstücks- und Gebäudeflächen der alten Kaserne im Stadtteil Grohn. Anfangs lief alles prima – die Spenden sprudelten, Professoren wurden eingestellt, gemeinsam mit den ersten Studenten bauten sie die Labore für die natur- und ingenieurswissenschaftlichen Fächer auf.

"Das Schiff hatte kein Leck"

Der Lehrbetrieb startete im September 2001 mit 130 Studenten. Unterrichtssprache ist Englisch, die meisten Studenten leben bis zu ihrem Abschluss in Wohnheimen auf dem Campus. Gemäß dem amerikanischen Modell durchlaufen sie standardisierte Auswahlverfahren, gemäß dem sogenannten "need blind"-Verfahren wird dabei erst nur auf ihre Qualifikation geschaut und nicht auf die Geldbörse der Eltern.

Heute studieren 1000 junge Menschen aus 86 Nationen an der neuen Privat-Uni. Die Personalausstattung ist mit 102 Professoren und 104 wissenschaftlichen Mitarbeitern beinahe paradiesisch: Die Technische Universität München etwa, einer der drei Gewinner in der ersten Runde der deutschen Exzellenzinitiative, hinkt in dieser Hinsicht weit hinterher.

Was angesichts der großzügigen Auslegung jedoch schnell knapp wurde, war das Geld: Geplant war laut dem Gründungspräsidenten und früheren Bildungsstaatssekretär Fritz Schaumann, einen Kapitalstock von 250 Millionen Euro aufzubauen und das Budget zum Großteil aus dessen Erträgen zu decken.

Doch schon bald wurden die Spenden spärlicher, und Anfang 2002 bezweifelte der Bremer Wissenschaftsrat, dass sich die Universität dauerhaft selbst tragen könne. "Das abgelaufene Jahr war finanziell nicht erfolgreich", musste Schaumann Anfang 2003 einräumen. "Wasser bis zum Hals" lautete gar die Überschrift eines Artikels im "Manager Magazin" von September 2006. Von "munterem Dahinwurschteln ohne Finanz- und Businessplan" war darin die Rede.

Noch heute regt sich Joachim Treusch über diesen Artikel auf: "Es herrschte scharfer Wind und flaches Gewässer, aber das Schiff hatte kein Leck. Es musste nur ordentlich gesteuert werden und brauchte Treibstoff", berichtigt er. Dass sich der nötige Sprit durchaus noch besorgen ließ, demonstrierte der 66-jährige Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ex-Chef des Forschungszentrums Jülich wenig später eindrucksvoll: Am 31. Oktober, dem Tag von Treuschs feierlicher Amtseinführung als neuer Präsident, trat Klaus J. Jacobs ans Rednerpult, Gründer der Jacobs Foundation, in der das Vermögen aus dem Verkauf des Familienkonzerns Jacobs Suchard liegt.

Stürmischer Applaus für den Sponsor

Bereits 2003 hatte die Stiftung der Universität rund sechs Millionen Euro spendiert. An diesem Abend aber sorgte Jacobs für Aufsehen: Völlig überraschend kündigte er in seiner Festrede an, bis zu 200 Millionen Euro in das havariegefährdete Schiff zu investieren – ab sofort jeweils 15 Millionen Euro pro Jahr und im Jahr 2011 volle 125 Millionen Euro für den Kapitalstock.

Die anwesenden Gäste begriffen die Bedeutung dieser Worte nur langsam, berichtet einer von ihnen: Während Jacobs weiter über Erfolgschancen und Wissenschaftsförderung sprach, gingen sie zunehmend dazu über, jede kleine Redepause zu stürmischem Applaus zu nutzen. Eine gelungene Inszenierung. Vorangegangen waren ihr laut Treusch hauptsächlich zwei zweistündige Gespräche zwischen ihm und Jacobs – beide Männer waren dem Projekt IUB schon zuvor als Mitglieder des Aufsichtsrates verbunden: "Wir haben sehr schnell festgestellt, dass wir bei unseren Ideen einig sind, wie die Ausbildung junger Menschen verbessert werden kann."

An der Politik seines Vorgängers hat Treusch nach eigenem Bekunden aber nichts auszusetzen: Wenn die IUB von Anfang an auf Sparkurs gegangen wäre, "dann hätte sie nie den Glanz, der jetzt die Studenten aus aller Welt herzieht, sie hätte nicht die Professoren, die sie hat, sie hätte nicht die Labors, die sie hat. Und ich bin mir ziemlich sicher, sie hätte keinen Sponsor dieser Welt überzeugt, in sie zu investieren."

Jetzt jedenfalls hat die Privatuniversität vorerst alles, was sie braucht: die Studenten, die Professoren, die Labore – und Geld. Um es zu bekommen, hat Treusch als Forschungsschwerpunkte fünf Problemfelder definiert, "vor denen die Welt im 21. Jahrhundert als globale Herausforderung steht und zu deren Lösung die Wissenschaft entscheidend beitragen kann". Sie reichen von der Gestaltung komplexer Systeme in der Informatik bis zu den Perspektiven für Asien und Europa.

Harvard und Stanford als große Vorbilder

"Wir haben schnell herausgefunden, dass uns die gleichen Themenbereiche als Herausforderung an die Wissenschaft unter den Nägeln brennen", verriet Jacobs in seiner Rede.

Damit im Jahr 2011 wirklich der größte Batzen des Jacobs-Geldes kommt, hat sich Treusch gegenüber der Stiftung zudem auf konkrete Ziele für die Einnahmen aus Studiengebühren und das Einwerben von Zuschüssen für spezielle Projekte verpflichtet: Der Anteil der zahlenden Studenten soll von derzeit 50 auf 60 Prozent steigen, die Projekteinnahmen sollen sich auf zwölf Millionen Euro verdoppeln.

Bernd Ebersold, Chef der Jacobs Foundation, macht bezogen auf diese Drittmittel klar, dass die Stiftung trotz aller grundsätzlichen Einigkeit auch Ergebnisse sehen will: "Das ist für uns ein Indiz, wo man erkennen kann: finanzielle Verbesserung durch nachweislich akademische Leistungsperformance."

Bleibt die Sache mit dem Namen. Laut Ebersold hat die IUB selbst um die Umbenennung gebeten – weil sie der Rekordspende angemessen sei, aber auch weil der alte Name im internationalen Wettbewerb nicht unbedingt helfe: "Viele Stimmen vermuten, dass es sich dabei um die internationale Abteilung der staatlichen Universität handelt."

Treusch sekundiert: In einem Interview mit der "New York Times" wies er darauf hin, dass schließlich auch die US-Universitäten Harvard und Stanford die Namen ihrer Gönner tragen.

© Technology Review , Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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