Britische Eliteunis Seid umschlungen, Normalos

Die Nobelhochschulen Oxford und Cambridge sind stolz auf ihr elitäres Image. Doch zu wenige Unterschichtler finden den Weg ins Studium. Jetzt hoffen die Unis auf das Trash-Fernsehen - Seifenopern wie "EastEnders" sollen beim Buhlen um die "ungewaschenen Massen" helfen.

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Edel und klassisch: Die Universität in Cambridge
University of Cambridge

Edel und klassisch: Die Universität in Cambridge

Großbritannien ist traditionell sauber geschichtet. Oben steht die intellektuelle Upper Class, die redet wie die Sprecher bei der BBC. Man weiß um den Wert der Bildung und hat das Ziel, Status wie Vermögen zu erhalten und zu mehren. Das sind die Leute, deren Kinder erst Privatschulen und anschließend, neben karrierebewussten Ausländern, die Eliteuniversitäten in Oxford oder Cambridge besuchen.

Am anderen Ende der britischen Nahrungskette leben die Menschen aus den schäbigeren Vororten von London, Manchester, Birmingham. Sie bilden die britische Unterschicht, für die Aufstieg meist ein Fremdwort ist und die nach der staatlichen Schulausbildung vielleicht mal eine Arbeit kriegen. Studieren in "Oxbridge"? Nicht dran zu denken!

Sex, Rache - und eine erstklassige Hochschulbildung

Dieses britische Klassenbewusstsein schlägt sich in Zahlen nieder: Obwohl nur einer von zehn Schülern eine Privatschule besucht, machen diese Schüler später knapp die Hälfte der britischen Studenten an den beiden edelsten Hochschulen aus. Cambridge will zwar 62 Prozent der Studenten von staatlichen Schulen holen, verfehlt dieses Ziel aber Jahr für Jahr. Darum forderte auch schon die Regierung die Universität zum Umdenken auf - was die sich jetzt zu Herzen nimmt.

Damit bei dem Namen der bald 800 Jahre alten University of Cambridge nicht mehr alle sofort an ein unerreichbares und unbezahlbares Ziel denken, will Cambridge jetzt ins Fernsehen. Und zwar am liebsten in eine der ganz großen, beliebten Seifenopern. Sie heißen "EastEnders", "Coronation Street" und "Emmerdale" und kreisen wie jede gute TV-Schmonzette um die Trias aus Rivalitäten, Sex und Rache. Sie spielen in den düsteren Vierteln Londons oder Manchesters, im Fall von "Emmerdale" auf dem platten Land.

Fällt der Name ihrer Hochschule in diesen Massenprogrammen, soll es gelingen, das elitäre öffentliche Bild zu brechen - so hofft die Uni-Leitung in Cambridge. Bislang sei die Wahrnehmung so, dass Cambridge "nichts für junge Leute mit gewöhnlicher Herkunft ist", sagte ein Sprecher der Universität. "Das ist jetzt die Chance zu zeigen, dass wir zeitgenössisch und modern sind."

Auch Oxford hat schon bei der BBC angerufen

Dazu passt gut, dass kürzlich gerade die Serie "EastEnders" in einer Szene die Teenager Tamwar und Libby darüber reden ließ, dass sie später mal in Oxford oder Cambridge studieren wollen - sehr zur Freude der ehrgeizigen Mütter der Jugendlichen. "Das war schon ein sehr glücklicher Zufall", sagte der Sprecher der Uni Cambridge über die unverhoffte Werbung.

Die "EastEnders"-Szene fiel auch an der zweiten weltberühmten Universität des Landes auf: Oxford, der ewige Rivale von Cambridge um die Krone der besten Universität Großbritanniens, hat zwar noch keine eigenen Handlungsstränge vorgeschlagen - zur Sicherheit aber schon mal das Stipendiensystem bei der BBC erklärt.

"Ich habe mit jemandem bei 'EastEnders' gesprochen, falls sich der Erzählstrang fortsetzt", so eine Sprecherin der Uni Oxford. "Wir wollten sicherstellen, dass die Schreiber wissen, welche Art von Unterstützung jemand wie Libby bekommen kann." Ebenso die Konkurrenz: Auch die Marketing-Strategen von Cambridge wollen besonders das Thema Studienfinanzierung prominent in einer TV-Serie plazieren.

Dass die Unis dabei gerade auf die Serie "EastEnders" zielen, ist keine Überraschung. Es ist das Äquivalent zur deutschen "Lindenstraße" und ebenfalls ein echter Dauerläufer: Die Serie wird seit satten 23 Jahren gesendet und erzählt die Geschehnisse in einem fiktiven Londoner Stadtteil.

Seifenoper für die "ungewaschenen Massen"

Anders als die schwächelnde "Lindenstraße" ist "EastEnders" ungebrochen erfolgreich: Auch 2007 war die Seifenoper die erfolgreichste TV-Produktion auf der Insel, an Weihnachten verfolgten gar 14,3 Millionen Zuschauer die kleine und großen Dramen im Londoner Normalo-Alltag am Fernsehschirm. "Wir zielen auf Medien, die die Menschen jeden Tag nutzen. Da kann man sich nicht allein auf Zeitungen verlassen", so der Sprecher der Universität Cambridge.

Verlass ist indes auf den britischen Humor. Die britische Tageszeitung "The Guardian" veröffentlichte in ihrer Wochenendbeilage einen fiktiven "EastEnders"-Dialog, den es so wohl nie geben wird. Fiz und Rita stehen, als Vertreter der unwashed masses, also der ungewaschenen Massen, am Tresen des Pubs und schwadronieren über Studienpläne für zu kurz Gekommene:

Fiz - spielt lustlos mit einem barmcake (wahlweise Brötchen oder Depp) herum: Ich fühle da so ein nebulöses Verlangen nach einer Erfahrung, die ich nicht genau beschreiben kann und die doch nicht in meiner Reichweite liegt. Hast du 'ne Ahnung, was das ist?

Rita: Du solltest dich echt mal nach einer dieser Universitäten umschauen. Die sind ideal für so'ne Art geistiger Anregung, nach der du bislang wortlos suchst. Einige sagen, in Cambridge gebe es sowas.

Fiz (verschluckt sich an ihrem Cider mit Johannisbeersaft): Ich? Nach Cambridge gehen? Da redet die richtige, Rita-Schätzchen. So eine Bastion der geistigen Elite ist nix für mich. Ich mag Pommes.

Rita: Das hat sich geändert, jeder kann da hin. Es gibt jede Menge Stipendien und so. Und die haben jetzt auch bezuschusste Pommesbuden, damit du dich wie zuhause fühlst.

Fiz (setzt ihr Glas heftig auf der Bar ab): Rita, ich kann's kaum erwarten. Ich werde Vorteile genießen, die meinesgleichen Jahrhunderte lang verwehrt waren. Ich werde gehen! Wünsch mir Glück! (Sie trinkt ihr Glas aus und geht)

Der Universität in Cambridge ist solcher Spott egal. Sie verweist auf ihr Stipendienprogramm, das allen Aspiranten unabhängig vom Geld der Eltern einen Besuch am Trinity College ermöglichen soll. Die Botschaft ist klar: "Dass man nicht reich sein muss, um in Cambridge zu studieren", sagte Greg Hayman, Leiter der Kommunikationsabteilung, der "Süddeutschen Zeitung", "wir bieten sehr großzügige Stipendien an, auch für Studenten aus der Mittelschicht."

Damit sei es sogar billiger, in Cambridge zu studieren, als anderswo in Großbritannien. 3000 Pfund (rund 3680 Euro) betragen die Studiengebühren in Cambridge, aber auch an vielen anderen Colleges. Der Beitrag ist vom Gesetzgeber gedeckelt.

Selbst in Großbritannien ist es nicht auszuschließen, dass junge Menschen aus ärmlichen Verhältnissen auf die gute Idee kommen, mehr vom Leben zu wollen, als ein Pint im Pub und Prügeleien. "Wir wollen Barrieren für clevere Kids aus gewöhnlichen Familien aus dem Weg räumen", sagt der Uni-Sprecher. Aber ob das über eine Seifenoper gelingt? So viel Macht hat das Fernsehen wohl nicht einmal bei den "unwashed masses".

Mit Material von AP und reuters

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