Britische Unis Anti-Terror-Zentren und Gefahrenherd zugleich

Im Umgang mit der Terrorgefahr haben Universitäten in Großbritannien eine heikle Doppelrolle: Ihre Forscher entwickeln Schutzmaßnahmen gegen Anschläge. Gleichwohl können die Knotenpunkte des Wissens schnell selbst zum Sicherheitsrisiko werden.

Von Benedikt Mandl


"Es gibt einen enormen Mangel an Briten unter 45 Jahren, die fähig sind, vernünftig über den Nahen Osten zu schreiben!", beklagte Fred Halliday unmittelbar nach den Anschlägen auf das World Trade Center im September 2001. Damals prangerte der Professor der angesehenen London School of Economics gegenüber der Tageszeitung "Guardian" grimmig an, wie miserabel Großbritannien auf den Umgang mit dem arabischen Kulturkreis vorbereitet sei - auch und vor allem auf akademischem Niveau.

Denn von staatlicher Seite, so Halliday, sei die Forschung über soziale und wirtschaftliche Entwicklungen im arabischen Raum jahrelang vernachlässigt worden. Wer sich für das Studium der Orientalistik interessiere, der sei sofort mit einer Reihe von Problemen konfrontiert: "Es gibt keine Zeit mehr dafür, die nötigen Sprachen zu erlernen, oder Geschichte, und es wird kaum auf abstrakte Fähigkeiten Wert gelegt. Das ist unangebracht bei einer Ausbildung für eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts."

Seither hat sich allerdings einiges geändert, die Universitäten in Großbritannien beschäftigen sich viel bewusster mit terroristischen Gefahren. Die Hochschulen nehmen die arabische Sprache und Kultur stärker wahr. Orientalisten gelten nicht mehr als abgehobene Bewohner eines Elfenbeinturms, sondern als wichtige Fachleute im Umgang mit einer alltäglichen Bedrohung.

Schlecht gesicherte Labors

Zugleich bemerken Ökonomen, Politik- und Sozialwissenschaftler bei Studenten ein stark gestiegenes Interesse am Nahen Osten. Und mehrere britische Hochschulen unterhalten Forschungszentren für Nahost-Studien: Durham, Birmingham, Cambridge, Oxford, Edinburgh, Manchester und St. Andrews sind nur einige davon.

Cerwyn Moore von der Nottingham Trent University beispielsweise hat die Bedeutung von Selbstmordattentäterinnen in Tschetschenien untersucht. Ihre Analysen sollen helfen, die Logistik hinter solchen Anschlägen zu verstehen. Die staatliche Behörde "Engineering and Physical Sciences Research Council" finanziert Studien, die den Effekt von Explosionen auf umliegende Häuser beschreiben, etwa wie unterschiedliche Materialen und Baustrukturen Druckwellen umleiten können. Und eine Forschungsgruppe der Northumbria University arbeitet an der Entwicklung neuartiger Mikrowellendetektoren zum effizienteren Durchleuchten von Gepäck, berichtet der "Guardian".

Es gibt etliche weitere Beispiele: An der University of Manchester wird emsig an Programmen zur automatisierten Gesichtserkennung geforscht, Ingenieure in Cambridge schreiben intelligente Software zur Spracherkennung und -analyse. Dennoch kann gerade von den Universitäten auch Terrorgefahr ausgehen, wie britische Sicherheitsexperten schon seit Jahren krisieren. Wie real das Risiko ist, dass Hochschulen zu einer Drehtür für destruktive Elemente werden, verdeutlichte der Fall Rihab Taba. Der frühere Kopf des irakischen Biowaffenprogramms studierte Anfang der achtziger Jahre an der University of East Anglia.

Zudem waren zahlreiche Labors an britischen Universitäten und Forschungseinrichtungen offenbar jahrelang nur unzureichend gesichert. Der Mikrobiologe Joseph Selkon von der Universität Oxford berichtete der BBC von der nach seiner Auffassung gängigen Praxis irakischer Wissenschaftler, sich mit Forschungsmitteln aus ihrem Heimatland Stellen an britischen Universitäten und medizinischen Einrichtungen zu verschaffen, um die Institute so infiltrieren zu können. Bis zu zehn irakische Wissenschaftler hätten sich so Zugang zu mikrobiologischen Sicherheitslabors verschafft, sagte Selkon. In der Folge wurden die Schutzmaßnahmen verschärft, und heute sind Universitäten regelmäßig Gegenstand strenger Kontrollen.

Staatliche Kontrollen verschärft

Die Forschungs- und Bildungszentren in Großbrinannien befinden sich in einer schwierigen Lage: Einerseits ist ihre Arbeit ein dringend erwünschter Beitrag zur Terrorbekämpfung - andererseits sind Knotenpunkte des Wissens stets auch besonders gefährdet.

Um die Universitäten und ihr sensibles Wissen zu schützen, regulierte die britische Regierung im Sommer letzten Jahres die Veröffentlichung kritischer Informationen durch den "Export Control Act". Interessensvertreter der Wissenschaft bemühten sich redlich, die gesetzliche Einschränkung von Forschungskommunikation möglichst locker zu halten. Dennoch wurden die staatlichen Kontrollen deutlich verschärft.

Kein Grund zu übertriebener Aufregung, findet Nick Winterton vom "Medical Research Council". Die Regulierung füge der Forschung keinen merklichen Schaden zu, und auch internationale Kooperationen seien derzeit noch nicht gefährdet, betonte er gegenüber dem "Guardian". Aber Terrorakte dieser Größenordnung hatte die britische Hauptstadt seit Kriegsende noch nicht erlebt. In welcher Form das die Universitäten auf den britischen Inseln betreffen wird, ob auch künftig der Austausch ihrer Labors mit ausländischen Institutionen so großzügig erlaubt wird wie bisher - das ist noch offen.



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