Akademiker im Ausstand Britische Uni-Dozenten streiken

Für bis zu eine Million Studenten in Großbritannien fallen Kurse aus: An 57 Hochschulen verweigert das Lehrpersonal die Arbeit - es geht um die Rente. Ohne Einigung sind die Prüfungen gefährdet.

Studenten der SOAS University of London demonstrieren gemeinsam mit ihren Dozenten und Professoren und blockieren den Eingang ihrer Universität
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Studenten der SOAS University of London demonstrieren gemeinsam mit ihren Dozenten und Professoren und blockieren den Eingang ihrer Universität


Demonstrationen statt Vorlesungen, Transparente statt Arbeitsblätter - an 57 Hochschulen in Großbritannien hat an diesem Donnerstag ein großer Streik begonnen. Auslöser ist eine Rentenreform, bei der die Altersvorsorge von Professoren und Dozenten künftig komplett am Finanzmarkt angelegt werden soll. Rente in garantierter Höhe kann es dann für das akademische Personal nicht mehr geben, die Renten unterliegen dann den üblichen Börsenschwankungen.

Deshalb haben Hunderte von Lehrenden in Großbritannien die Arbeit niedergelegt. Sollte keine Einigung zustande kommen, droht die Gewerkschaft UCU (University and College Union) den zweitägigen Streik auf bis zu 14 Tage bis Mitte März auszuweiten. Und wenn das nicht reicht, können neue Streiktermine im April, Mai und Juni hinzukommen. Dann könnte es auch Prüfungstermine und Abschlussfeiern treffen.

Betroffen sind davon laut Gewerkschaft bis zu eine Million Studenten, unter anderem an den berühmten Universitäten Oxford und Cambridge. An anderen Hochschulen, etwa der London School of Economics (LSE) wurde unter den Lehrenden das Quorum zur Teilnahme nicht erreicht.

Sollten die Renten künftig tatsächlich den Kursschwankungen der Finanzmärkte unterliegen, könnten jedem einzelnen Hochschullehrer laut Gewerkschaft rund 10.000 Pfund verlorengehen - pro Rentenjahr. Mit der Maßnahme will der Universitätsverband Universities UK (UUK) ein Loch von etwa 6,1 Milliarden Pfund in seiner Rentenkasse stopfen.

Wobei es, je nach Berechnungsweise, zunächst nur rund eine Milliarde Pfund bräuchte, um den Fortbestand des jetzigen Systems fürs Erste zu sichern. Doch dazu sind die Universitäten nicht bereit. Sie argumentieren, dass sie nach der Reform immer noch doppelt so viel zu den Rentenbeiträgen zuzahlen würden wie in der Privatwirtschaft üblich, nämlich 18 Prozent der Gehaltshöhe.

Viele Studenten streiken mit

Der Streit um die Renten zieht sich schon monatelang hin. "Bis vor ein paar Jahren konnte ein Uni-Lehrender noch sehr sicher abschätzen, wie viel Rente er bekommt", erklärt Tom Armstrong, Präsident des Gewerkschaftsablegers an der SOAS University of London. "Vor einigen Jahren wurde das System dann so verändert, dass bis zu einem Jahresgehalt von 55.500 Pfund normal eingezahlt wird und darüber hinaus unsere Rentenbeiträge an der Börse gehandelt werden."

Nach Gewerkschaftsangaben handelt es sich um den größten Akademikerausstand, der jemals in Großbritannien stattgefunden hat. Wie im öffentlichen Sektor sinken die Löhne für Hochschullehrer seit der Finanzmarktkrise vor acht Jahren. Die Gewerkschaft UCU beziffert die Reallohnverluste mit 15 bis 20 Prozent. Dabei ist ein mögliches Minus in der Rente nicht berücksichtigt.

Viele Studenten erklären sich solidarisch, auch an Instituten, die nicht bestreikt werden. Sie fürchten, dass gute Dozenten das Land verlassen, wenn sich die Bedingungen weiter verschlechtern. So wollen Studenten der University of Edinburgh der Unileitung Hunderte E-Mails schicken, um das Anliegen der Dozenten zu unterstützen - in dieser Woche ist dort ohnehin vorlesungsfrei.

Prof im Streik - Geld zurück?

Andere Aktionen der Studenten zielen darauf, einen Teil der Studiengebühren zurückerstattet zu bekommen. "Ich finde es nicht in Ordnung, wenn das auf dem Rücken der Studenten ausgetragen wird", sagt zum Beispiel Merve Kania. Die Berlinerin ist für ihren Master nach England gezogen und studiert Politik an der SOAS University of London.

Sie selbst bekommt ihr Studium durch Stipendien finanziert, doch viele ihrer Kommilitonen zahlen aus eigener Tasche: 9000 bis 11.000 Pfund müssen britische und EU-Studenten für einen Ein-Jahres-Master berappen, Nicht-EU-Ausländer mindestens 18.000 Pfund. "Ich kann verstehen, wenn jetzt viele ihr Geld zurück wollen", sagt Kania. Sie hat eine von vielen Petitionen unterschrieben, in denen Studenten Teile ihrer Studiengebühren zurückfordern.

mamk/ala/dpa



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