Mensa in Göttingen Studentenwerk hängt anzügliche Bilder ab

Nackte Brüste und Albert Einstein mit Schweineohren? In Göttingen hat das Studentenwerk eine Ausstellung beendet, die Kritiker sexistisch und antisemitisch nannten.

Horst Reinert vom Studentenwerk Göttingen mit einer Zeichnung der Ausstellung
DPA/Christina Hinzmann/Göttinger Tageblatt

Horst Reinert vom Studentenwerk Göttingen mit einer Zeichnung der Ausstellung


In Göttingen ist ein Streit darüber entbrannt, wie weit Kunst gehen darf. Seit mehr als zwei Wochen hingen in der Zentralmensa der Studentenstadt Bilder, auf denen nackte Brüste zu sehen waren, ein Po und Albert Einstein mit Schweineohren. Die Ausstellung mit dem Titel "Geschmackssache" der Künstlergruppe KomiTee mit 45 Bildern waren eigentlich als Satire gedacht - doch so kam sie offenbar bei den wenigsten an.

Kritiker monierten, die Bilder seien sexistisch. Auf einer Zeichnung ist beispielsweise eine Frau zu sehen, die gerade ihr Oberteil auszieht. Ihre Brüste sind unter dem Shirt deutlich zu erkennen. Unterschrieben ist das Bild mit "Höhe Punkte".

Die jüdische Gemeinde kritisiert zudem das Titelbild der Ausstellung, das Einstein mit Schweineohren zeigt, als antisemitisch. Es entstehe das Bild einer "Judensau", heißt es in einem Brief der jüdischen Gemeinde an die Universität. Nun hat sich das Studentenwerk dazu entschieden, die Werke abzuhängen.

Um den Streit zu entschärfen, hatte das Kulturbüro zuvor eine Stellungnahme der Künstlerin Marion Vina neben den Werken angebracht. Von ihr sind die Werke mit den nackten Körperteilen. Vina selbst bezeichnet ihre Bilder als nicht sexistisch, sondern als Versuch nach der "MeToo-Debatte" wieder "zurück zu einer normalen Sexualität und Erotik zu kommen".

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) moniert dagegen: "Wir haben uns gleich zu Beginn der Forderung der Gleichstellungsbeauftragten angeschlossen, die Bilder abnehmen zu lassen." Man sei enttäuscht davon, dass das Studentenwerk die Bilder als nicht-sexistisch bezeichnete.

In einem offenen Brief kritisiert auch die Studentengruppe Wohnrauminitiative das Studentenwerk. Die Ausstellung sei von vielen als sexistisch wahrgenommen worden, so die Studierenden. Die Beteuerung, die Bilder seien weder sexistisch noch antisemitisch gemeint, bedeute nicht, dass dies auch zutreffe. Die Studierenden werfen dem Studentenwerk Selbstgefälligkeit vor.

Bei der Gleichstellungsbeauftragten gingen weitere Beschwerden ein. Diese forderte schließlich, die Ausstellung zu beenden.

kha/dpa



insgesamt 86 Beiträge
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grandpa_wolf 07.11.2017
1. Uuh, ooh, Nippel ...
... das muß wohl sexistisch sein. #weia Der Mensch ist ein sexuelles Wesen und das ist auch gut so - alles andere hätten wir schlicht nicht überlebt. Die fast schon hysterischen Reaktionen auf Nippel, Achsel- und Beinbehaarung oder wie hier, auf gemalte Bilder einer Künstlerin haben aus meiner Sicht mehr mit einem fragwürdigen Weltbild als mit allem anderen zu tun. Noch dazu werden auf diese Art tatsächlich bedenkliche, sexistische Verhaltensweisen doch arg relativiert.
gula19 07.11.2017
2. Zensur
Die künstlerische Freiheit in Deutschland wird von selbsternannten Zensoren und politisch Korrekten gefährdet. Traurig dass wir soweit gekommen sind.
SirSpamALot 07.11.2017
3.
Unter dem Deckmantel der Opression ziehen die Ikonoklasten zu Felde. Schade, dass der Horizont vieler Menschen sich nicht dahin erstreckt, ein Kunstobjekt über seine bildliche physische Darstellung hinaus wahrzunehmen, seine Implikationen, Denkanstöße und das Beziehen auch extremer Positionen wahrzunehmen. Das hineinversetzen in Gedankenmuster, welche dem eigenen entgegen stehen ist eine doch leider vernachlässigte Notwendigkeit einer jeden sozialen Gesellschaft.
niska 07.11.2017
4.
Von Frauen (im übrigen sehr ästhetisch) gemalte Frauenbrüste sind also "sexistisch"? AStA ist also immer noch eine weitestgehend sinnlose Veranstaltung. Manches ändert sich scheinbar nie. Gesehen hätten das Bild eh nur wenige (Streisand-Effekt). Gab es nicht mal sowas wie künstlerische Freiheit in freiheitlichen demokratischen Gesellschaften? Dass gerade der Zentralrat jetzt definiert, was angeblich "entartete Kunst" ist, entbehrt nicht einer sehr sehr traurigen Ironie der Geschichte. So ein Vorgehen schwächt, gerade in Zeiten der aufkommenden neuen Rechten, den wichtigen Auftrag und die eigene Reputation völlig unnötig. Traurig und unverständlich.
spon-facebook-10000239462 07.11.2017
5. Sind wir schon wieder soweit?
Traurig, dass in Deutschland solche Bilder nicht mehr gezeigt werden dürfen. Es gab mal eine Zeit, in der vorgeschrieben war, was als Kunst gelten durfte und was als "Entartet" der Öffentlichkeit vorenthalten werden musste. Ich finde diese Entwicklung höchst bedenklich.
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