Bücherdiebstahl Uni verklagt Professor auf 272.000 Euro

Weil er wertvolle alte Bücher klaute, versteigerte und die Polizei mit falschen Quittungen foppte, kassierte ein Literaturprofessor bereits eine Bewährungsstrafe. Jetzt verlangt die Bonner Uni-Bibliothek über eine Viertelmillion Schadenersatz von dem Germanisten.


Bonn - Die Rechnung ist hoch: 272.000 Euro soll der 51-jährige Wissenschaftler an die Bibliothek der Universität Bonn zahlen. Ein Sprecher des Bonner-Landgerichts bestätigte die Schadensersatz-Forderung am Freitag. Es geht um 105 wertvolle Werke, die bis zum Jahr 2003 aus den Bibliotheksregalen verschwanden. Dem Germanistikprofessor wird vorgeworfen, die Bücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert gestohlen, an den Eigentumsnachweisen manipuliert und die Antiquitäten zum größten Teil in einem Auktionshaus versteigert zu haben.

Der Professor, der in Bonn habilitierte und in Rostock lehrt, war 25 Jahre lang Nutzer der Bonner Bibliothek und zeitweise wissenschaftlicher Mitarbeiter. Der Fall ist skurril und beschäftigte bereits zwei Bonner Gerichte. Im ersten Prozess hatte der Germanist lange geleugnet und erst kurz vor Prozessende gestanden. Im zweiten Verfahren vor dem Landgericht schwieg er indes und wurde vor zwei Wochen dennoch zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren wegen Betrugs und Urkundenfälschung verurteilt.

Wenn das Urteil rechtskräftig wird, würde es ihn Professur und Beamtenstatus kosten. Die Verteidigung ging jedoch in Berufung. Den Prozessen ging ein jahrelanges Verwirrspiel voraus: Den Erkenntnissen von Polizei und Staatsanwaltschaft zufolge hatte der Professor die Bücher zunächst regulär ausgeliehen, anstelle der Originale aber alte Bücher vom Flohmarkt als Platzhalter zurückgebracht. Der Verdacht fiel auf ihn, als Bibliothekare die "Placebos" entdeckten und der Wissenschaftler im Oktober 2002 wiederholt Bücher bei einem Auktionshaus im hessischen Königstein versteigern lassen wollte.

Die "Kölnische Rundschau" berichtete damals, der Akademiker habe die Polizei sogar mit gefälschten Kaufbelegen getäuscht, als Beamte bei einer Hausdurchsuchung unter anderem eine Originalausgabe von Immanuel Kant aus dem Jahre 1775 bei ihm fanden. In der Verhandlung Anfang Januar wurden zahlreiche Gutachten vorgelegt. Experten des Bundeskriminalamtes war es gelungen, manipulierte Stempel in den Büchern wieder sichtbar zu machen.

Im Strafrechts-Prozess ging es lediglich um acht der vermissten Bücher, aber die Liste der Bibliothek ist erheblich länger. Zum Teil wurde das Fehlen der antiquarischen Schätze erst nach vielen Jahren entdeckt. Nun geht die Bibliothek den zivilrechtlichen Weg und will den Schaden von über einer Viertelmillion Euro ersetzt bekommen.

jol/dpa

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