Bürgermeister an Studenten Arbeitet doch bei uns die Gebühren ab

Der Bürgermeister eines beschaulichen Städtchens in Baden-Württemberg will Hochschüler von der Campusmaut entlasten. In Eppelheim können klamme Studenten künftig jobben, zum Beispiel als Jugend- oder Hausaufgabenbetreuer, so das Angebot von Dieter Mörlein.

Von Frank van Bebber


Jobben statt zahlen: Im baden-württembergischen Eppelheim können Studenten künftig ihre Studiengebühren abarbeiten. Bürgermeister Dieter Mörlein (parteilos) will die 500 Euro je Semester übernehmen, wenn die Hochschüler dafür Alte, Jugendliche oder Kinder betreuen. Seit das Angebot in der Lokalzeitung stand, läuft das E-Mail-Fach des Chefs der 15.000-Einwohner-Stadt mit Bewerbungen voll.

Bürgermeister Mörlein: Studentenjobs sind Chefsache

Bürgermeister Mörlein: Studentenjobs sind Chefsache

Über 30 Studenten haben sich sofort gemeldet, noch immer wenden sich Interessierte an das Eppelheimer Rathaus. Dort hat der rührige Bürgermeister erste Vorstellungstermine vereinbart. "Wenn die nicht schon mit Schulden starten sollen, warum sollen die Kommunen dann nicht einspringen", sagt Mörlein und spricht von einer Fürsorgepflicht der Gemeinden.

Sein Neffe hatte ihm zuvor von den geringen Einstiegsgehältern der Assistenzärzte berichtet. Mörlein selbst studierte einst an einer Fachhochschule für Verwaltung. "Meine Mutter hat sich mein Studium damals vom Mund abgespart", erinnert sich der 58-Jährige.

Drei bis fünf Studenten will er zunächst beschäftigen. Bei Erfolg könnte der Gemeinderat weitere Stellen bewilligen. Die Studenten sollen für die 500 Euro 60 Stunden arbeiten, was einem Stundenlohn von 8,33 Euro entspricht. Arbeit gebe es genug, sagt Mörlein. In der Gemeinde im Rhein-Neckar-Kreis fehlen Betreuer für Kinder, Jugendgruppen oder Senioren. Auch will Mörlein mit Hilfe der Studenten in der Schule eine Hausaufgaben-Betreuung einrichten, um benachteiligten Kindern der Gemeinde einen guten Start zu ermöglichen.

Reichlich Studenten in der Nachbarschaft

Und so profitierten auch die Stadt und ihre Bürger von der Idee, die Mörlein "einen guten Zweck" nennt. "Ich hoffe, dass das auf fruchtbaren Boden fällt", sagt der Bürgermeister und ruft Kollegen auf, seinem Beispiel zu folgen. Wenn große Städte wie Heidelberg oder Mannheim mitmachten, seien rasch hunderte Studenten von Schuldenangst befreit. Noch allerdings haben sich keine Nachahmer gemeldet.

Gebührenpflichtige Hochschüler leben genügend in der Region, die Universitäten Heidelberg und Mannheim liegen in der Nachbarschaft. Von Heidelberg fährt sogar die Straßenbahn in die Gemeinde Eppelheim, die für sich als "lebendige Stadt im Herzen der Kurpfalz" wirbt. Dabei hat Eppelheim nicht das Image einer Akademikergemeinde. Weil hier Anfang des vergangenen Jahrhunderts über 400 Maurer lebten, nennt man sie auch Maurerstadt.

Die Idee, Studenten die Gebühren abarbeiten zu lassen, ist nicht brandneu. Darauf kam in Bayern auch schon die Caritas: An der Fachhochschule Amberg-Weiden sollen Studenten zum Beispiel für ältere Menschen und Behinderte einkaufen oder Behördengänge erledigen. Die Landtags-CSU schwärmte vom Modellprojekt und empfahl es gleich allen anderen Hochschulen. Bayerns Grüne dagegen zürnten über die "soziale Tarnkappe für Gebührenabzocke" - es handele sich um normale Jobs, nur mit Bezahlung unter Tarif. Die Studenten sollen nämlich einen Stundensatz von lediglich sieben Euro erhalten.

"Das haben wir im Haushalt"

Um ein ähnliches Modell gibt es auch in Österreich reichlich Ärger: Dort hatten die Sozialdemokraten für den Fall eines Wahlsiegs die Abschaffung der Studiengebühren versprochen, vergaßen das aber schnell wieder, als sie in einer Großen Koalition den Kanzler stellen durften. Der heißt Alfred Gusenbauer und pries schnell einen Studenten-"Sozialdienst" als "Beitrag zu einer solidarischen Gemeinschaft": Ebenfalls 60 Stunden pro Semester sollen Studenten die Gebühren abarbeiten, macht unter dem Strich aber nur einen Stundenlohn von mickrigen sechs Euro - was sowohl Studentenvertreter als auch Sozialverbände "Lohndumping" nannten.

In Eppelheim ist der Satz mit 8,33 Euro etwas höher, und die Studenten sollen auch echte zusätzliche Arbeiten übernehmen, statt die Jobs regulär Beschäftigter zu gefährden. Dieter Mörlein präsentierte seinen Vorschlag arglos und glaubt, dass es allen nützt. In seinen 13 Jahren als Bürgermeister erfreute er die Gemeinde schon mit anderen Ideen: Einst schaffte er das Halteverbot in der Hauptstraße ab und erlaubte eine Viertelstunde Parken ohne Strafzettel - das sei sehr gut angekommen, sagt Mörlein.

Auch die Idee mit den jobbenden Studenten ist Chefsache. In der Zeitung stand nicht irgendeine E-Mail-Adresse der Verwaltung, sondern seine. Mörlein liest alle Mails selbst. Angst, jobbende Studenten könnten die Gemeindekasse belasten, hat er nicht. Rechnen können sie hier. "Das haben wir im Haushalt", sagt er mit dem ganzen Stolz eines Bürgermeisters. Die Stadt schreibt schwarze Zahlen.

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