Bürgermeister mit 23 Schwuso-Student regiert bayerisches Dorf

Im tiefsten Bayerischen Wald ist Michael Adam eine personifizierte Randgruppe: junger Sozialdemokrat, Politikstudent, evangelisch und obendrein offen homosexuell. Trotzdem wählten die sonst sturzkonservativen Leute aus Bodenmais den 23-Jährigen in ihr rosa Rathaus.

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Hier also soll er zu finden sein: der neue Hoffnungsträger der so lange gebeutelten bayerischen Sozialdemokratie. "Bodenmais" steht auf dem kleinen Bahnhofsschild. Ein Traktor knattert die Straße entlang, in der Ferne kann man den Silberberg sehen. Bodenmais ist ein beschaulicher großer Kurort mit 3400 Einwohnern im Bayerischen Wald. Vor der Bäckerei weiß eine Kundin sofort Bescheid: "Sie sind wegen unserem Adam da."

Gemeint ist ein Nachwuchspolitiker, der nach den bayerischen Kommunalwahlen Anfang März schlagartig bundesweit bekannt wurde: Michael Adam. Er ist schwul, Sozialdemokrat, Student, evangelisch und erst 23 Jahre alt. Mit 56 Prozent wählten ihn die Bodenmaisner kürzlich zu ihrem Bürgermeister - und das, obwohl der katholische Ort in Niederbayern liegt, einer Region, in der die CSU bei den letzten Landtagswahlen 65 Prozent der Stimmen errang.

Vor dem rosafarbenen Rathaus begrüßt der jüngste Bürgermeister im Freistaat seinen Gast. Er trägt einen schicken Businessanzug, mit roter Streifenkrawatte, die Haare sorgfältig zur Igel-Frisur gegelt. Den "Wowereit vom bayerischen Wald" nannte ihn unlängst eine Zeitung. Das mochte er gar nicht. Klaus Wowereit "gefällt sich zu sehr in seiner Rolle", sagt er im Sitzungsaal. Der Raum ist schlicht, an der Wand hängt ein altes Keramik-Kreuz. Wenn Adam schon früher Bürgermeister gewesen wäre, wäre es dort nicht angebracht. "Ich bin überzeugter Christ. Aber der Glaube ist jedermanns Privatsache", sagt er.

Dass er homosexuell ist, durfte jeder wissen

Und das in einem Bundesland, in dem vor noch gar nicht allzu langer Zeit Zehntausende auf die Straße gingen, nur weil Richter im fernen Karlsruhe beschlossen hatten, dass keine Kruzifixe mehr im Klassenzimmer hängen sollten. Ein solches Statement hätte ihn die Wahl kosten können. Doch noch ist Adam kein Berufspolitiker, kein PR-Mann sitzt schützend daneben und warnt ihn, wenn es brenzlig wird.

Der Wahlkampf war hart. 18 Jahre war sein CSU-Vorgänger im Amt. Und im Ort wurde viel getuschelt, es soll versteckte Anfeindungen gegeben haben. Bei der eigentlich streng konservativen Bevölkerung kamen solche Diffamierungsversuche aber nicht gut an. Ohnehin machte der Student nie einen Hehl aus seiner Homosexualität. Jeder konnte auf seiner Internetseite lesen, dass er Mitglied im Landesvorstand der Schwusos, einer Arbeitsgruppe homosexueller SPD-Mitglieder, ist.

Adam gewann die Stichwahl gegen den Amtsinhaber. Da sitzt er nun auf dem, mit rotem Stoff bezogenem Bürgermeistersessel und resümiert: "Sachthemen siegten". Der Politik- und Volkswirtschaftsstudent will zuallererst das Tourismuskonzept der Gemeinde verändern - weg vom klassischen Fremdenverkehr, hin zum Wellness-Kurort.

Adam ist sichtlich entspannt. Wochenlanges Klinkenputzen liegt hinter ihm. Auch samstagabends, wenn die meisten seiner Altersgenossen feiern gehen, plakatierte er oder saß zu Hause und entwarf politische Konzepte. Doch der Student ist kein Theoretiker. Er ist "einer von uns", wie eine junge Frau später am Bahnhof sagen wird.

Gute Chancen auf größere Politikkarriere

Adam engagiert sich im Vereinsleben: etwa bei den Schützen, der Waldvereinssektion, der freiwilligen Feuerwehr und der Gewerkschaft. Beim örtlichen Ableger der Lokalpatrioten "Weiß-Blau Königstreu" ist er Kassierer. Und so geriet sein dortiger Auftritt in Lederhosen im örtlichen Wirtshaus zum Triumph. Auch jetzt kritisiert er scharf, dass die CSU die ländliche Region vernachlässige und nur "großspurige Projekte wie den Transrapid" im Auge habe. Er ist ein guter Redner, reißt die Menschen mit.

Adams Weg nach oben war hart. Der Vater ist Schweißer, die Mutter Hausfrau. Als eines der wenigen Arbeiterkinder aus dem Ort schaffte er das Abitur. "Meine Eltern haben auf viel verzichtet, schließlich hat der Papa ja nur tausend Euro im Monat verdient", sagt er. 20 Stunden pro Woche investierte er bereits vor dem Wahlkampf in die Parteiarbeit. Adam ist auch SPD-Chef des Ortsvereins und Juso-Bezirksvorsitzender. "Politik muss einem Spaß machen", sagt er. Anders stehe man das auch nicht durch. Für ihn ist klar: "Ich will Berufspolitiker werden, auch wenn man eine solche Karriere nicht planen kann."

Seine Chancen, im nächsten Jahrzehnt auf Bundesebene ein Mandat zu erhaschen, stehen gut. Schließlich ist Bayern zumindest auf dem flachen Land noch immer sozialdemokratische Diaspora, und für höhere Würden geeigneter SPD-Nachwuchs wird im Freistaat beinahe so selten gesichtet wie Braunbären. Adam versichert dennoch: "Ich habe es den Menschen versprochen, mindestens die nächsten sechs Jahre für sie zu arbeiten." Dabei hämmert er mit der flachen Hand auf den Tisch, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. In solchen Momenten wirkt er abgebrüht, wie jemand, der schon Jahrzehnte und nicht erst einige Jahre im politischen Geschäft ist.

Partynächte, das ist nicht seine Welt

Sein Politikstudium habe ihm bei seinem bisherigen politischen Weg nicht geholfen. Er weiß: Die Praxis sieht anders aus. Nur der Tschechisch-Unterricht dürfte sich bald bei der Suche nach einer Partnergemeinde bezahlt machen.

Das Handy klingelt. Er stellt es ab. Dutzende Reporter wollen derzeit ein Interview von ihm. Auch bei Johannes B. Kerner war Adam schon. Das anschließende Blitzlichtgewitter hat ihm nichts ausgemacht. Aber es gibt zwei Michaels: den für die Öffentlichkeit und den privaten Menschen Michael Adam. Die glitzernde Welt der urbanen Partynächte ist nicht seine: "Ich fühle mich eher am Stammtisch oder beim Stadlfest wohl als beim monatlichen GayDay in der Disco."

Das liege auch daran, dass er privat "eher schüchtern" sei. "Wenn ich vor Hunderten Leuten spreche, ist das kein Problem, aber vor anderen auf der Box tanzen - das kann ich nicht", sagt er. Die meisten in seinem Freundeskreis sind zwei Jahrzehnte älter als er. Adam ist überzeugt: "Viele in meinem Alter denken, weil ich mich so viel engagiere, habe ich keinen Spaß im Leben." Derzeit ist er Single und glaubt: "Mein politisches Engagement erschwert die Partnerwahl."

Hinzu kommt, dass er viel unterwegs ist. Zwei Zugstunden entfernt ist seine Uni in Regensburg. Adam legt die Strecke meist mit seinem alten Opel zurück. Und auch zu den Parteigremien sind die Wege weit: Am Wochenende fährt er noch nach Nürnberg. Die Schwusos treffen sich. Adam wird dabei sein. Denn er weiß: Politik heißt auch Präsenz zeigen.

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