Studentin, 32, ohne Abi Flirten auf der Ersti-Party

Seit 2007 hat sich die Zahl der Studenten ohne Abitur auf gut 45.000 verdreifacht. Christel Lang ist eine von ihnen. Die 32-jährige Bürokauffrau über ihre Rolle als Sonderling - und Flirts auf Erstsemester-Partys.

Studieren ohne Abi: Man braucht eine dicke Haut
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Studieren ohne Abi: Man braucht eine dicke Haut


Zur Person
  • Malte Schneevogt
    Christel Lang, 32, erwarb sich aufgrund ihrer langjährigen Berufserfahrung als Bürokauffrau das Recht auf ein Wirtschaftsstudium. Als Studentin ohne Abitur hat sie nun mit Mathe schwer zu kämpfen - findet aber: Es lohnt sich.
"Mein Studium des Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Clausthal ging gleich gut los. In der Einführungswoche 2012 fragte uns ein Dozent: 'Sind hier auch Leute ohne Abi?' Als Einzige hob ich die Hand. 'Dann kommen Sie nachher bitte mal nach vorn, ich will Ihnen noch ein paar Tipps mit auf den Weg geben', sagte der Professor. Na toll, dachte ich: kaum da - und schon ein Sonderling.

Wer wie ich mit Ende zwanzig ein Bachelorstudium beginnt, wird immer auffallen. Ich habe mehrere Jahre als Bürokauffrau in einem Handwerksbetrieb gearbeitet - und es war eine gehörige Umstellung für mich, nicht mehr im Büro, sondern im Seminarraum zwischen lauter Grünschnäbeln zu sitzen.

Doch ich merkte schnell, dass das Alter unter uns Studenten zweitrangig ist. Ich bin die Älteste des Semesters, meine beste Freundin ist die Jüngste: Sie war 17, als wir uns kennenlernten. Und auf der Ersti-Party wurde ich von den betrunkenen Jungs genauso angeflirtet wie die jüngeren Mädels.

Schwerer als mit den Kommilitonen war es in Mathe, daran wäre ich fast gescheitert. Mein Realschulabschluss liegt über 15 Jahre zurück und anfangs bereitete mir sogar einfache Bruchrechnung schon Probleme. Dass es so etwas wie Integrale gibt, hatte ich nicht einmal geahnt. Ich musste ganz schön büffeln, um das aufzuholen.

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Ich bin nun im sechsten Semester und merke, dass einem das Lernen mit Anfang 30 schwerer fällt als früher. Ich muss Texte viel öfter lesen als meine Kommilitonen, um die wichtigsten Infos zu behalten. Heute bietet meine Uni Nachhilfe in Mathe an, aber ich war damals auf mich allein gestellt.

Im ersten Semester habe ich deshalb punktemäßig nicht gerade abgeräumt, und es war klar, dass ich mein Studium nicht in der Regelzeit schaffen würde. Darauf muss man sich einstellen, wenn man ohne Abi studiert: Man braucht eine dicke Haut und darf sich von Startschwierigkeiten und schlechten Noten nicht einschüchtern lassen. Bevor man ohne Abi ein Studium beginnt, würde ich allen empfehlen, gut in sich reinzuhorchen. Wer Rückschläge einstecken kann, sollte es auf jeden Fall probieren.

Ich komme von einem landwirtschaftlichen Betrieb, niemand in meiner Familie hat studiert. In einem Jahr dürfte ich die Erste sein, die einen Bachelor hat. Das macht mich stolz. Zurzeit bewerbe ich mich bei Unternehmen. Die Aussicht auf spannende Jobs ist ein toller Lohn für die harte Arbeit.

Und was viele nicht wissen: Studenten mit Ausbildung haben fast immer Anspruch auf Bafög, unabhängig vom Einkommen der Eltern - das könnte einigen die Entscheidung noch erleichtern. Beruhigend ist auch, dass einen die meisten an der Uni auch unterstützen wollen. Der Professor aus der Einführungswoche sagte am Ende der Vorlesung zu mir: Ich würde Ihnen empfehlen, die mathematisch anspruchsvollen Kurse nach hinten zu verschieben. Wenn Sie möchten, helfe ich Ihnen bei der Umplanung.

Das war ein netter Tipp."



insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
freespeech1 08.06.2015
1.
Hier werden zwei Dinge vermischt. Wer mit 32 Jahren ein Studium beginnt, hätte auch Probleme mit Mathe, wenn er Abi gemacht hätte. Die Nachteile durch fehlendes Abi-Wissen dürften Leute mit abgeschlossener qualifizierter Berufsausbildung und gleicher Intelligenz kompensieren durch Lebenserfahrung und größere Reife, praktische Berufserfahrungen (wenn die Berufsausbildung zum Studienfach gehört), bessere Zielstrebigkeit und Organisation ... Letztlich zählt die im Studium erbrachte Leistung, nicht Alter oder Vorbildung.
felisconcolor 08.06.2015
2. Respekt
vor Menschen die sich nochmal entscheiden wieder die Schul/Unibank zu drücken. Ich hab mit 27 noch meinen staatl. gepr. Techniker gemacht. Vollzeit. Ich habe die Kommilitonen bewundert die das ganze in Abendschule und dann über die doppelte Zeit gemacht haben. Hut ab. Das mit den betrunkenen männlichen Studenten überlese ich mal generös, es gibt auch genügend weibliche Studentinnen die auf solchen Parties kein Ende finden können ;-)
großwolke 08.06.2015
3.
Netter Artikel, zeigt mal wieder recht eindrucksvoll, wie durchlässig unser tolles Bildungssystem wirklich ist. Man kommt (vermutlich nicht in allen Berufen, aber immerhin) sogar ohne Abi an die Uni, wenn man es nur will. Bisher wusste ich nur, dass es die Möglichkeit für FH-Zulassungen gibt, wenn ein paar Jahre Job-Erfahrung im richtigen Beruf da sind. Ich hoffe, das SPON-Team liest die eigenen Erzeugnisse aufmerksam mit und behält die Info gut im Gedächtnis, wenn uns mal wieder eine OECD-Statistik einreden will, dass man als Arbeiterkind in Deutschland dazu verdammt ist, ohne höhere Bildung zu existieren. Die Möglichkeiten sind da, und sie sind auch nicht teuer. Aber natürlich ist es anstrengend, sie zu nutzen. Statt weiter Geld zu verdienen, hat Frau Lang die letzten drei Jahre Ausbildungsschulden aufgehäuft und sich das Hirn zermartert. Ich wünsche ihr, dass sich ihre Erwartungen an das Leben mit dem Abschluss erfüllen.
hansfrans79 08.06.2015
4.
Zitat von großwolkeNetter Artikel, zeigt mal wieder recht eindrucksvoll, wie durchlässig unser tolles Bildungssystem wirklich ist. Man kommt (vermutlich nicht in allen Berufen, aber immerhin) sogar ohne Abi an die Uni, wenn man es nur will. Bisher wusste ich nur, dass es die Möglichkeit für FH-Zulassungen gibt, wenn ein paar Jahre Job-Erfahrung im richtigen Beruf da sind. Ich hoffe, das SPON-Team liest die eigenen Erzeugnisse aufmerksam mit und behält die Info gut im Gedächtnis, wenn uns mal wieder eine OECD-Statistik einreden will, dass man als Arbeiterkind in Deutschland dazu verdammt ist, ohne höhere Bildung zu existieren. Die Möglichkeiten sind da, und sie sind auch nicht teuer. Aber natürlich ist es anstrengend, sie zu nutzen. Statt weiter Geld zu verdienen, hat Frau Lang die letzten drei Jahre Ausbildungsschulden aufgehäuft und sich das Hirn zermartert. Ich wünsche ihr, dass sich ihre Erwartungen an das Leben mit dem Abschluss erfüllen.
"Netter" arbeiterfeindlicher Kommentar. Klar, die dummen Arbeiter müssten sich nur mal anstrengen. Als ob es nur ums Geld ginge. Für die meisten ArbeiterInnen und deren Kinder ist der Weg zur Uni kulturell, finanziell und vor allem temporär nicht möglich. Das ist kein ausgedachter Missstand, sondern Realität.
big t 08.06.2015
5.
Toller Artikel, der wirklich zeigt, 3-gliedrigkeit ist keine Auslese sondern sinnvolle Selektion. Mit 16 wäre Frau Lang eventuell gar nicht bereit gewesen für eine weitere schulische Laufbahn. Und wer wirklich will, kann jederzeit und immer. Was die Lernschwierigkeiten betrifft, halte ich persönlich den Mythos des jungen Gehirns als des leistungsfähigeren für überholt, es ist einfach eine Übungssache. Ein 60-jähriger der anfängt ein Instrument zu lernen, kann in 5 Jahren die gleichen Erfolge erzielen wie ein 8-10 Jähriger. Nur hat man mit 60 meist genug andere Dinge zu tun, übt weniger und ist deswegen schlechter. Der neurowisssenschaftliche Beweis dafür wird kommen, wenn sich mal jemand dafür interessiert. Die jungen Komilitonen sind das Lernen einfach noch gewohnt, in Übung, deswegen lernen sie schneller. Nach 2-3 Semestern solllte das Lernen wieder so internalisiert sein, dass es keinen unterschied mehr gibt.
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