Bürokratie-Posse Hessen stößt Doktoranden vor den Kopf

Darf ein Uni-Mitarbeiter gleichzeitig als Doktorand eingeschrieben sein? In Hessen war das bisher kein Problem, Hunderte finanzierten so ihre Promotion. Damit soll jetzt Schluss sein. Verschwurbelte Vorschriften zwingen den akademischen Nachwuchs zur Entscheidung: Job oder Titel?

Goethe-Uni Frankfurt: Schwere Zeiten für Doktoranden
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Goethe-Uni Frankfurt: Schwere Zeiten für Doktoranden

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Ein Formbrief, drei kurze Absätze, bedroht die Karrierepläne von Andrea, die gerade an der Uni in Frankfurt am Main ihre Doktorarbeit schreibt und als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet. Ihren richtigen Namen will sie nicht veröffentlicht sehen, auch das Fach nicht, in dem sie promoviert. Sie hätte in die Wirtschaft gehen können mit gutem Gehalt, sagt sie. Aber für die Promotion, für die zwei Buchstaben vor dem Namen, verschob sie ihre Karriere. Sie blieb an der Uni, korrigiert für ihren Doktorvater Klausuren, bereitet Lehrveranstaltungen vor. Und daneben schreibt sie, so gut es geht, an ihrer Dissertation.

Die Arbeit ist okay, sagt Andrea, aber nicht besonders spannend. Sie entschied sich trotzdem für den Job, weil ihr Professor sie im Gegenzug als Doktorandin akzeptierte. Es ist ein übliches Modell an vielen deutschen Universitäten, auch in Frankfurt war es bislang der Normalfall: Mitarbeit am Lehrstuhl, Promotion nebenbei. Doch damit könnte schon im Herbst Schluss sein, befürchtet Andrea.

Vergangene Woche erreichte sie ein Brief ihrer Uni mit dem Betreff "Promotionsstudium / Änderung Rechtsvorschriften": Darin heißt es, sie dürfe nicht mehr zeitgleich als Doktorandin eingeschrieben sein und für die Uni arbeiten. Für die Rückmeldung sollte sie einen Vordruck unterschreiben und erklären, weder an der Uni beschäftigt zu sein noch eine Beschäftigung aufzunehmen. Job oder akademischer Grad, so verstand Andrea den Brief - und mit ihr viele andere der 2495 Frankfurter Doktoranden.

"Man entzieht uns die Grundlage"

Das Problem: Wer den Job kündigt oder nicht antritt, wird es schwer haben, einen Doktorvater zu finden. Wer sich andererseits nicht für ein Doktorandenstudium einschreibt, der darf nicht promovieren - das schreiben einige Pomotionsordnungen so vor. "Wir wurden eingestellt mit dem Versprechen, auch promovieren zu können", sagt Andrea. "Nun entzieht man uns diese Grundlage."

In Hessen ist zu beobachten, wie verschiedene Verwaltungsvorschriften und Gesetze so ineinander greifen, dass sie das Gegenteil von dem erreichen, was sie sollten. Eine Bürokratie-Posse, von der alle Beteiligten mittlerweile genervt sind, die Studenten ebenso wie die Unis.

Denn die Uni Frankfurt bezieht sich auf einen Paragrafen im Hessischen Hochschulgesetz, das im vergangenen Dezember geändert wurde, und auf die neue Fassung der hessischen Immatrikulations-Verordnung vom Februar. Darin heißt es: "Bewerber, die nicht an der Hochschule beschäftigt sind, können als Doktoranden immatrikuliert werden." Jetzt entbrennt eine Diskussion darum, wie diese Vorschrift zu interpretieren ist. Heißt das im Umkehrschluss, dass Mitarbeiter nicht mehr als Doktoranden eingeschrieben sein dürfen? So sieht es die Uni Frankfurt. Das wiederum hieße, dass Mitarbeiter überhaupt nicht mehr promovieren dürften, jedenfalls in Fächern wie Wirtschaftswissenschaften. Dort verlangt die Promotionsordnung die Teilnahme am Doktorandenstudium.

Die Tücken der Juristensprache

Doktorandin Andrea und ihre Kommilitonen verstehen Gesetz und Verordnung dann auch ganz anders. Nämlich so: Die Vorschriften erlaubten lediglich externen Doktoranden die Immatrikulation. Über sogenannte interne Doktoranden, also Uni-Mitarbeiter, träfen die Paragrafen überhaupt keine Aussage.

Uni-Sprecher Olaf Kaltenborn sagte SPIEGEL ONLINE, die Hochschule sei mit der Regelung genauso unglücklich wie die Betroffenen: "Wir sehen das mit großer Skepsis." Man wolle den wissenschaftlichen Nachwuchs ja nicht verlieren. Aber die neuen Vorschriften hätten der Uni keine andere Wahl gelassen, sie seien eindeutig so zu interpretieren. Zumal es in einem späteren Verordnungs-Absatz heißt: "Studierende können immatrikuliert bleiben, wenn sie ein Promotionsstudium aufnehmen wollen und nicht an der Hochschule beschäftigt sind."

Früh habe man Bedenken beim Wissenschaftsministerium angemeldet, um die Regelung zu stoppen, so Kaltenborn. Leider seien die Einwände nicht berücksichtigt worden. Die Uni sei gezwungen, die Verordnung umzusetzen. Jetzt berate sie mit anderen hessischen Hochschulen, wie dagegen vorzugehen sei. Am Mittwoch treffen sich die hessischen Uni-Leitungen.

Weniger dramatisch sieht es an den anderen hessischen Hochschulen aus - auch wenn sie dieselbe Rechtsauffassung vertreten wie die Frankfurter. Die TU Darmstadt interpretiert die Vorschriften zwar ähnlich (Uni-Mitarbeiter dürfen sich nicht mehr einschreiben), wartet aber erstmal ab, bevor sie ihre Doktoranden vor die Wahl stellt. Die Uni Gießen sei noch zu keiner abschließenden Bewertung gekommen, sagte eine Sprecherin.

Auf der Suche nach Sparpotential

Im Wissenschaftsministerium ist man um Beruhigung bemüht. Sprecher Ulrich Adolphs sagte: "Es geht nicht darum, jemandem das Recht zur Promotion zu entziehen." Ziel der Vorschrift sei es, den Status der Doktoranden zu klären: Mitarbeiter oder eingeschriebener Promotionsstudent? Beides gleichzeitig - das soll nicht mehr möglich sein. Man arbeite an einem Verfahren, das für alle gangbar ist.

Wenn es beim Gesetz bleibt und die Regelung tatsächlich keine Einschreibung für Uni-Mitarbeiter zulässt, müssen wahrscheinlich etliche Promotionsordnungen geändert werden. Auch wenn es niemand so offen sagen will: Ziemlich offensichtlich geht es bei der Statusfrage ums Sparen. Hessens Noch-Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hatte gefordert, die Bildung nicht von Kürzungen auszunehmen; seine zuständige Ministerin Eva Kühne-Hörmann vollstreckt das bereits.

Mit 30 Millionen Euro weniger pro Jahr müssen die Hessischen Hochschulen auskommen. Und bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern, die zugleich eingeschrieben sind, hat die Politik offensichtlich Streichpotential entdeckt: Wer immatrikuliert ist, bekommt Vergünstigungen bei Nahverkehrstickets, Mensa-Essen, Museen. Ein normaler Mitarbeiter nicht.

Eines allerdings betonen alle Beteiligten: Die Doktoranden loswerden wolle niemand. Andrea hat derzeit eher einen anderen Eindruck.



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