Büroschlummer für Fortgeschrittene "Der Motor zwischen den Ohren braucht einen Tankstopp"

Manche Menschen ratzen, büseln, pennen einfach mit dem Kopf auf dem Schreibtisch, andere legen auch beim schnellen Nickerchen zwischendurch Wert auf Stil. Stuttgarter Studenten bauten elegante Schlafkapseln fürs Büro. Im Interview preisen die Projektbetreuer Stefanie Eberding und Siegfried Irion das "Power-Napping".


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Power-Napping und Schlafmöbel im Büro sind schon länger im Gespräch. Was ist neu an Ihren Nickerchen-Kapseln?

Schlafes Schwestern: Power-Napping in der Einzel- oder Doppelkoje
Universität Stuttgart / IWE

Schlafes Schwestern: Power-Napping in der Einzel- oder Doppelkoje

Siegfried Irion: Bisher wurden meist normale Büromöbel angeboten, die auch eine Schlafmöglichkeit bieten - zum Beispiel durch Nackenstützen. Die haben aber einen großen Nachteil: Wenn man da drin liegt und schläft, sieht das jeder. Deshalb funktioniert das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das ungern gesehen wird, wer braucht dann Ihre Prototypen?

Irion: Unsere Studenten haben Leute befragt. Die meisten würden, wenn möglich, das Nickerchen zwischendurch sofort praktizieren. Auch Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Emnid haben ergeben, dass viele es wünschen und teils auch praktizieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie und wo schlafen die denn?

Irion: Wenn in großen Chefbüros eine Couch herumsteht, ist das ein getarnter Schlafplatz. Der normale Mitarbeiter dagegen hat meist das Nachsehen. Die Unternehmenslenker haben Angst, Power-Napping könne institutionalisiert und dann von den Gewerkschaften gefordert werden. Dabei wären ihre Angestellten dadurch nachweislich leistungsfähiger und gesünder.

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Büroschlummer für Fortgeschrittene: Nur ein Viertelstündchen

SPIEGEL ONLINE: Und wie schützen Ihre Schlafkokons vor sozialer Kontrolle?

Stefanie Eberding: Beim "Schlafgras" beispielsweise kann man sich abgrenzen und dort hinlegen, wo man nicht gesehen wird. Auch das "Kugelbad", die "Napmosphere" mit den ergotherapeutischen Bällen, ist von außen blickdicht, aber von innen kann man rausgucken. Unsere Studenten haben mit neuen Materialien experimentiert, die das ermöglichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie vorgegangen - gab es zunächst ausgiebige Schlaftests?

Irion: Die Studenten haben neben den Umfragen und umfangreichen Materialtests auch ihren Schlaf in den Nap-Kapseln untersucht: etwa durch einen Stressmanager, mit dem die Stresssituation vor und nach dem Schlaf oder bei Störung elektronisch überprüft werden konnte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch Erkenntnisse der Schlafforschung genutzt?

Irion: Kurz gefasst kam dabei Folgendes heraus: Jeder Mensch hat einen Hochleistungsmotor zwischen den Ohren, das Gehirn - und das braucht irgendwann einen Tankstopp. Ein Nickerchen von 30, besser 20 Minuten steigert laut einer Nasa-Studie die Reaktionsschnelligkeit um 16 Prozent und die Konzentrationsfähigkeit um 35 Prozent. Auch eine Untersuchung der Harvard-Universität aus dem letzten Jahr hat gezeigt, dass ein Kurzschlaf Gedächtnisleistung und Lernerfolg steigert.

SPIEGEL ONLINE: Die Schlafkokons haben Stuttgarter Architekturstudenten entwickelt. In diesem Studiengang erwartet man eher andere Projekte...

Eberding: Unser Projekt war außergewöhnlich und experimentell. Damit haben wir uns erstmals in Grenzbereichen bewegt - zwischen Architektur und Produktdesign. Doch gerade in der heutigen Arbeitsmarktsituation für Architekten muss man diese Grenzbereiche ausloten, um marktfähig zu bleiben. Unser Ziel war, einen einzelnen Prototyp zu bauen, am Ende waren es vier. Die Studenten sind weitaus motivierter als sonst zu Werke gegangen. Einen Entwurf im Originalmaßstab professionell umzusetzen und Sponsoren oder Auftraggeber dafür zu finden, das lernt man sonst erst später im Büroalltag.

SPIEGEL ONLINE: Was werden die Nap-Kapseln kosten?

Eberding: "Nappak" beispielsweise, die Luftmatratzen-Koje im transportablem Caddie, dürfte um die 200 Euro kosten, die klimatisierte Luxusvariante von Napshell mit Flügeltüren 15.000 bis 20.000 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Wird das, abgesehen von ein paar Jetsettern, jemand kaufen?

Eberding: Wir sind fest davon überzeugt. Es gab auf der Orgatec, einer Fachmesse für Büromöbel, reges Interesse an unseren Objekten. Wir hätten gleich Bestellungen entgegennehmen können. Eine Anwaltskanzlei aus Los Angeles zum Beispiel wollte gleich 20 Stück der "Napmosphere" ordern. Auch die Swisscom wollte unsere Prototypen haben - für eine Sonderschau in ihrer Zentrale.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst ein Vorbild fürs Nickerchen zwischendurch?

Eberding: Ich wohne gegenüber vom Büro und kann regelmäßig mittags schlafen gehen, zehn bis dreißig Minuten. Das ist bei mir ein Ritual.

Irion: Ich mache das auch. Mein Tief liegt zwischen 16 und 17 Uhr, da leg' ich mich hin. In meinem Büro stehen mehrere Sessel in einer Reihe und sind damit ideal geeignet. Das sieht nicht nach Schlaf aus, ist also perfekt getarnt.

Das Interview führte Jürgen Schulz



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