SPON-Umfrage Jungwähler fühlen sich von Parteien ignoriert

Junge Erwachsene interessieren sich nicht für Politik - dieses Klischee hält sich hartnäckig. Aber stimmt es auch? Hier finden Sie die Ergebnisse der repräsentativen Jungwähler-Umfrage von SPIEGEL ONLINE.

Junge Frau in Berlin
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Junge Frau in Berlin

Von und (Grafik)


Seit der vorigen Bundestagswahl 2013 sind drei Millionen Deutsche volljährig geworden - sie dürfen also in diesem Jahr zum ersten Mal wählen. Aber werden sie das auch tun?

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Heft 39/2017
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Bei den vergangenen sieben Bundestagswahlen war die Wahlbeteiligung in der Altersklasse der 60- bis 70-Jährigen am höchsten. 80 Prozent der Wahlberechtigten in diesem Alter gaben 2013 ihre Stimme ab. Von den 18- bis 21-Jährigen waren es nur 64 Prozent, von den 21- bis 25-Jährigen sogar nur 60 Prozent.

Interessieren sich junge Erwachsene einfach nicht für Politik? Oder fühlen sie sich von den Parteien nicht ernst genommen? Und wer oder was beeinflusst ihre Wahlentscheidung? Das wollten wir wissen und starteten eine Umfrage mit unserem Kooperationspartner, dem Online-Meinungsforschungsinstitut Civey. Die Ergebnisse sind repräsentativ - und sie zeigen: Junge Erwachsene interessieren sich durchaus für Politik. Aber sehen Sie selbst:

SPIEGEL ONLINE

Bei der Wahl 2013 schnitt die CDU/CSU bei den 18- bis 24-Jährigen so schlecht ab wie in keiner anderen Altersgruppe, trotzdem lag sie mit 31 Prozent auch bei den jungen Erwachsenen vorn. 24 Prozent der 18- bis 24-Jährigen wählten die SPD, elf Prozent die Grünen, acht Prozent die Linke. Auch die AfD hätte es 2013, wenn nur die 18- bis 24-Jährigen hätten wählen dürfen, in den Bundestag geschafft - mit sechs Prozent. Für die FDP votierten 2013 nur vier Prozent der Jungwähler.

Und wie sieht es jetzt aus? Unser Wahltrend zeigt, welche Parteien aktuell bei 18- bis 29-Jährigen punkten:

Was ist das Besondere an der Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen Verfahren. Zuerst werden alle Umfragen in einem Netzwerk aus mehr als 12.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"). Online kann jeder an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, unter anderem nach den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse nach weiteren Faktoren und Wertehaltungen gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 12.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass viele unterschiedliche Nutzer erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Man kann nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. In unserem Fall heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Sie dienen allein dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden.
Wer steckt hinter Civey?
Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.


insgesamt 23 Beiträge
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Mach999 23.09.2017
1.
"Befassen sich die Parteien ausreichend mit den wichtigen Themen für Deine Generation?" Nette Frage. Interessant wäre aber auch mal die Frage, welches denn diese Themen sind. Ich vermute mal aus meiner persönlichen Entwicklung heraus, dass die Themen gar nicht so unterschiedlich sind wie die Themen meiner Generation. Und grundsätzlich ist ja jeder der Auffassung, dass sich die Politik nicht um seine ganz persönlichen Probleme kümmert.
ketzer2000 23.09.2017
2. Nicht wirklich überraschend
Jungwähler wurden schon öfter ignoriert - m.E. haben lediglich die aufkommenden Grünen einen jungen Anstrich und haben Jungwähler angesprochen. Mittlerweile kann man den Eindruck gewinnen der Wähler allgemein wird ignoriert. Woi sind die Botschaften und wo war die Umsetzung der Programme aus den letzten Wahlen. Lediglich bei der FDP kann man sicher sein, dass ein bestimmtes Klientel profitiert. Insofern zeigt die SPON Sonntagsfrage für Jungwähler lediglich, dass eine "junge erfrischende Optik" eines Herrn Lindner mehr bringt, als inhaltliche Aussagen. Ob Jungwähler allerdings unpolitische sind als früher, dazu lässt sich der Artikel nicht wirklich aus.
petruz 23.09.2017
3.
Junge Leute brauchen meiner Meinung nach nicht die Beachtung der Politik. Machen wir uns doch nix vor: Der Generation YouTube geht es so gut wie keiner anderen Generation je zuvor in Deutschland... sowohl finanziell, Jugendarbeitslosigkeit gibt es faktisch nicht, als auch sozial. Das es der Jugend blendend geht zeigt übrigens auch der Wahltrend bei den jungen Leuten. Parteien, die gerne in die 60er zurückwollen spielen nur eine marginale Rolle...
isar56 23.09.2017
4. Auch auf die Gefahr hin,
dass ich mich wiederhole: kein Geld da für Bildung, Ignoranz AUCH von werdenden Müttern mit Babys (viel zu wenige Hebammen), Lehrer-, Erzieher-, Sozialarbeitermangel, Niedriglöhne, Leiharbeit, Pflegenotstand.... dagegen immer der Wirtschaftslobby die Taschen voll geschaufelt. No zu SPD, no CDU/CSU, no FDP, no Grüne..... Soviel zu sozialer Gerechtigkeit. Vom Klimawandel fange ich gar nicht erst an. Mein Kreuz geht an Wagenknecht.
genugistgenug 23.09.2017
5. Quatsch Jungwähler - alle Wähler/Bürger werden ignoriert!
Und das auch zwischen den Wahlkämpfen. Oder was will man mit Schlagworten wie '(Mehr) Gerechtigkeit, usw.' eigentlich anfangen - denn die Politiker sagen ja nicht mal für WEN (üblicherweise nur für sich selbst und Parteifreunde/Spender). Das Geld für die 'Umfrage' hätte man sich sparen können, viel zu pauschal und wieder mal nach dem Motto 'Allen wohl und niemand wehe' = 'Hauptsache drüber geredet'.
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