München Wehrbeauftragter will Suizide an Bundeswehr-Uni untersuchen

Was steckt hinter den Selbstmorden an der Bundeswehr-Uni in München? Der Wehrbeauftragte des Bundestags will sich Anfang Februar selbst ein Bild verschaffen. Die Uni selbst weitet ihre psychologische Betreuung aus.

Von , München

Bundeswehr-Universität München: Hoher Leistungsdruck, wenig Freizeit
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Bundeswehr-Universität München: Hoher Leistungsdruck, wenig Freizeit


Die Todesfälle häuften sich plötzlich 2015. Ein Student wurde am Campus der Bundeswehr-Hochschule München in Neubiberg tot aufgefunden. Es gab keinen Zweifel, dass er Suizid begangen hatte. Zwei weitere junge Männer, ebenfalls Studierende an der Universität, nahmen sich in kurzem zeitlichen Abstand ganz in der Nähe des weitläufigen Geländes das Leben. Die Motive: unbekannt.

Gibt es noch mehr Suizide? Ein Student starb bei einem Motorradunfall, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter der Fakultät Bau offenbar bei Unfällen. Auch bei diesen Unglücksfällen wurde lange gerätselt, ob die Universitätsangehörigen ihrem Leben ein Ende setzen wollten. Beweise gab es nicht.

Die Fahnen auf dem Campus wehten im vergangenen Jahr auffällig oft auf Halbmast.

Die rätselhafte Serie ist nun Anlass für den Wehrbeauftragten des Bundestags, Hans-Peter Bartels, in den kommenden Tagen die Münchner Hochschule zu besuchen.

"Ich möchte nicht darüber spekulieren, was hinter den Selbstmorden steckt", sagte Bartels SPIEGEL ONLINE. "Ich werde zunächst mit den Leuten an der Uni reden und mir sagen lassen, was man inzwischen zu den Hintergründen weiß."

Hoher Druck an der Hochschule

Ein besorgter Vater aus Nordbayern hatte sich in einem Brief an Bartels gewandt und ihn aufgefordert, den Todesfällen "auf den Grund zu gehen". Der Vater sieht die Ursache der Selbsttötungen in dem hohen Druck, der durch das Intensivstudium an Bundeswehr-Hochschulen auf den jungen Studierenden laste.

Tatsächlich bleiben bei dem in Trimester unterteilten Bachelor- und Masterstudiengang kaum freie Tage. Die Gesamtdauer des Studiums beträgt nur vier Jahre, weniger Lernzeit also für den gleichen Stoff, der an Landeshochschulen vermittelt wird. Dafür muss sich niemand Sorgen um sein Auskommen und seine Unterkunft machen: Die Verpflichtung zur Offizierslaufbahn sichert den Studenten ein Monatsgehalt und eine Wohnung auf dem Campus.

Ganz offensichtlich aber sind die Anforderungen des Intensivstudiums ziemlich hoch, die Durchfallquote bei einzelnen Klausuren wird auch von einigen Dozenten an der Bundeswehr-Uni als überdurchschnittlich angesehen. Studenten zufolge bestehen manchmal 80 bis 90 Prozent nicht. Wer eine Prüfung nach der zweiten Wiederholung nicht schafft, muss das Studium abbrechen.

Das bedeutet für die jungen Frauen und Männer, dass ihre Karriere bei der Bundeswehr beendet ist. Ihre Verpflichtung auf 13 Jahre ist nicht mehr möglich. Zwar bekommen sie noch für eine Übergangszeit von einigen Monaten das Gehalt weiter gezahlt und können an Umschulungsmaßnahmen teilnehmen. Doch der Berufswunsch "militärische Laufbahn" lässt sich nicht erfüllen.

Dem großem Druck, der dadurch auf den Studierenden lastet, begegnet die Universität seit Längerem mit einem engmaschigen Beratungsangebot. Neben der katholischen und evangelischen Seelsorge gibt es eine psychologische Beratung, Sozialdienste und Gleichstellungsbeauftragte für militärische und zivile Bundeswehrangehörige.

Jetzt sollen laut der evangelischen Militärdekanin Barbara Hepp auch Studenten in sogenannten Peergruppen ausgesucht werden, an die sich Kommilitonen wenden können. "Damit gibt es deutlich mehr Unterstützung als an anderen Hochschulen."

Die drei jungen Männer, die sich Ende 2015 das Leben nahmen, hatten jedoch keines der Beratungsangebote in Anspruch genommen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, zwei Studenten der Fakultät Bau seien ums Leben gekommen. Bei den Verstorbenen handelt es sich jedoch um wissenschaftliche Mitarbeiter. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten diesen zu entschuldigen.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.



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