Burschenschaften Die ehrenhaften Jungs von der Germania

Burschenschaften sind nichts für Grübler und Individualisten. Die studentischen Verbindungen erwarten Loyalität, Leistung, Liebe zum Deutschtum. Jochen T. ist neues Mitglied der Burschenschaft Germania und übt Fechten für seine erste Mensur - eine Reportage aus Köln.

Von Canan Dogan


Burschenschaftstag (in Eisenach): Kein Zutritt für Frauen und Ausländer
AP

Burschenschaftstag (in Eisenach): Kein Zutritt für Frauen und Ausländer

Im großen Saal hängen, leicht verstaubt, die alten Herren. Entlang der getäfelten Wände schauen sie auf lange Tische, Stühle mit eingeschnitztem Emblem und die schwarz-weiß-rote Fahne über dem Rednerpult. Die Bilder in Holzrahmen gehören zum Inventar der Kölner Burschenschaft Germania. Jochen T. trainiert seit Monaten, damit auch er einen Platz in der Fotoreihe erhält - für ewig.

Oben im Paukraum sitzt der 25-jährige Fuchs auf dem fransigen Sessel, stützt die Arme auf die Lehne und lauscht seinem Mentor Michael. Der Fechtwart der Germania hält den Schläger über seinen Kopf, spreizt die Beine einen halben Meter und steht in Ausgangposition vor dem Phantom, einer hölzernen Übungspuppe. Seit Wochen treffen sich die beiden und üben den Ablauf der Mensur ein.

Burschenschaft Germania: Auf keinen Fall mucken
Martin Both

Burschenschaft Germania: Auf keinen Fall mucken

Burschenschaften haben ihr eigenes Vokabular - von Keilen bis Komment, von Anschiss bis Wichs. Den studentischen Zweikampf mit dem Schwert muss Jochen bestehen, damit er in die Gemeinschaft aufgenommen werden kann. "Wenn es blutet, dann bin ich selbst Schuld", sagt er, presst die Lippen zusammen und verschränkt die Arme vor dem Bauch. Sterben wird Jochen nicht, aber er will auf keinen Fall mucken, also einem Schlag ausweichen oder gar die Mensur verlassen.

Durch die offene Terrassentür dröhnt der Straßenlärm herein, die Straßenbahn zischt am herrschaftlichen Altbau im vornehmen Stadtteil Marienburg vorbei. Immer mehr Burschen stoßen in den Paukraum hinzu. Patrick L., 26, lehnt an der Wand und beobachtet von der Seite, wie Jochen sich die Armstulpe überstreift und sich vor dem Phantom aufstellt. Der Fuchsmajor hat beide Pflichtmensuren bereits hinter sich gebracht, ohne Blessuren und Schmiss.

"Die Mensur ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung, für die Selbstbeherrschung und den Treuebeweis", tönt Patrick und zupft das schwarz-weiß-rote Burschenband an seinem Oberkörper zurecht. Der Jurastudent kennt die Regeln des Burschenlebens. Die Feinheiten hat er von klein auf durch seinen Vater mitbekommen - ein alter Herr der Germania.

"Das Mensurfechten ist reines Hiebfechten, es wird nicht gestochen", fügt Jochen hinzu. Leise atmet er tief durch. Es ist stiller geworden, keiner spricht mehr. Jochen horcht. "Hoch bitte! Mensur!", ruft Patrick. "Fertig!", erwidert Jochen. Und "Los!". Den Schläger fest im Griff schlägt Jochen vier Mal über Kopf aus, ohne sich auch nur einen Zentimeter vom Platz zu bewegen. Eins, zwei, drei, vier.- Halt! Eins, zwei, drei, vier.- Halt!

So und nicht anders wird Jochen an seinem Mensurtag den Schläger seinem Gegenpaukanten aus einer anderen Verbindung entgegenschwingen, 40 Mal mit der gleichen Schlag-Kombination. Sein Kopf wird lediglich durch eine Schutzbrille und Ohrkappen geschützt sein. Er muss dann Stand halten, während seine Brüder im Publikum mitschwitzen.

Außer den Burschen wird keiner dabei sein dürfen, weil Nichtmitgliedern der Zutritt untersagt ist - von Frauen ganz zu schweigen, die seien tabu. "Als sich Anfang des 19. Jahrhunderts Burschenschaften formierten, gab es nun mal keine Frauen an Universitäten, und wir können doch heute nicht alles hinterfragen", findet Patrick. Auch wenn es vereinzelt inzwischen Damenverbindungen gibt: Traditionen werden in der Burschenschaft gelebt und bleiben keine Floskeln.

Burschenschafter (in Eisenach): Image als Säbelrassler
AP

Burschenschafter (in Eisenach): Image als Säbelrassler

"Heutzutage braucht man sich nicht zu sorgen. Bei der Mensur ist immer ein Arzt anwesend. Und der Schläger wird so scharf gemacht, fiele eine Zeitungsseite auf die Klinge, sie würde das Blatt entzweien. Eine Schnittwunde wäre ohne Narbenbildung zu nähen", erklärt Fechtwart Michael routiniert und legt den stumpfen Trainingsschläger zu den übrigen Schwertern auf den alten Unterschrank.

Vor drei Jahren kam Jochen wegen seines Studiums ins Rheinland. "Köln ist für einen Ostfriesen das Nonplusultra", sagt er und lächelt verschämt. Der BWL-Student stieß beim Surfen im Internet auf die Germania. Während der Semesterabschlusskneipe lernte er bei einem Glas Bier die aktiven Mitglieder näher kennen und entschied sich für die Gemeinschaft und ihren Wahlspruch: Ehre, Freiheit, Vaterland.

Bloß keine Blöße geben

"Meine Eltern hatten Vorurteile, aber ich habe ihnen erklärt, dass für uns das Zusammengehörigkeitsgefühl und die lebenslange Freundschaft zählen. Bei der Germania trinkt sich keiner aus dem Leben." Jeder sei willkommen, betonen die Burschen - na ja, fast jeder. Die Aufnahme von Ausländern ("halt von nicht deutschstämmigen Studenten") sei mit ihrem traditionellen Verständnis für ihr Vaterland nicht zu vereinbaren.

Gunda Röstel: "Vorurteile abbauen"
DPA

Gunda Röstel: "Vorurteile abbauen"

Auch Jochen legt den Schläger weg, massiert seinen rechten Arm und erzählt von seiner Aufgabe als Schriftwart in der Germania. "Wir laden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zu Diskussionsabenden ein, die oft sehr spannend werden." Als Referent waren zum Beispiel zu Gast: Rolf Zimmermann, Vorstandsvorsitzender der Ford-Werke AG, SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose oder die grüne Politikerin Gunda Röstel. "Der Abend war sehr offen und sehr interessant. Es hat Spaß gemacht, mögliche vorhandene Vorurteile abzubauen", berichtet Röstel.

Auch Jochen wird seinen Spaß haben und einen Nutzen aus dem noblen Netzwerk ziehen, es sei denn, er muckt und weicht bei der Mensur einem Schlag aus. "Die Blöße könnte ich mir und der Germania nicht geben", sagt er. Die Jungs nicken.

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