Burschenschafter Kai Ming Au "Ich war fassungslos"

Nicht deutsch genug? Der Dachverband Deutsche Burschenschaft diskutierte darüber, die Verbindung von Kai Ming Au auszuschließen, weil sie den chinesischstämmigen Studenten aufgenommen hat. Nach dem Eklat spricht er im Interview über seine Empörung - und erklärt, warum er immer noch gern Burschenschafter ist.

dapd

SPIEGEL ONLINE: Herr Au, wir sind überrascht, Sie hier auf dem Burschentag auf der Wartburg in Eisenach zu treffen.

Au: Wieso? Meine Verbindung Hansea Mannheim ist doch weiterhin Mitglied der Deutschen Burschenschaft (DB).

SPIEGEL ONLINE: Aber fast hätte die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn Sie aufgrund Ihrer Abstammung aus der DB geworfen. Hatten Sie keine Angst herzukommen?

Au: Ich wollte die Stimmung auf dem Burschentag am eigenen Leib spüren. Ich kenne die Mitglieder der Raczeks nicht persönlich. Bis jetzt habe ich auch noch keinen getroffen. Es sind Verbandsbrüder. Sie lassen mich in Ruhe, also lasse ich sie auch in Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie von dem geplanten Rauswurf erfahren?

Au: Erst durch die Unterlagen für den Burschentag, die einige Monate vorher verschickt wurden. Wir haben sofort in meiner Verbindung diskutiert, was wir tun können. Als Erstes haben wir alle 123 Bünde der Deutschen Burschenschaft angeschrieben und sie gebeten, diesem Antrag keine Beachtung zu schenken.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die reagiert?

Au: Viele haben angerufen, Briefe oder E-Mails gesandt und uns ihre Unterstützung zugesagt. Wie viele der Burschenschaften in der DB am Ende hinter uns standen, kann ich aber nur schwer einschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn auch geantwortet?

Au: Sie haben uns wohlwollend und sachlich geantwortet, ohne uns zu beleidigen oder meine Person anzugreifen.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie nicht verletzt, dass Ihre Burschenschaft aus dem Dachverband gedrängt werden sollte, weil Sie dort Mitglied sind?

Au: Der Antrag zum Ausschluss der Hansea Mannheim war ja nicht gegen meine Person gerichtet, sondern gegen meinen Bund. Aber der Ausschluss wurde damit begründet, dass die Burschenschaft Hansea einen chinesischstämmigen Mann aufgenommen hat. Als ich das erfahren habe, war ich sauer, verärgert, fassungs- und sprachlos.

SPIEGEL ONLINE: Ein Argument gegen Sie war, dass Sie als Angehöriger einer "außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung" nicht von der deutschen "geschichtlichen Schicksalsgemeinschaft" abstammen.

Au: Wenn Abstammung durch gleiches geschichtliches Schicksal gekennzeichnet ist, dann teile ich die gleichen geschichtlichen Erfahrungen all meiner jungen Verbandsbrüder. In unserer Generation war das ja vor allem die Wiedervereinigung. Damals war ich fünf Jahre alt, die habe ich also genauso miterlebt. Außerdem lebe ich die gleichen deutschen Tugenden Fleiß, Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Ich lebe das Brauchtum und wahre auch die deutsche Sprachkultur. Deutschland hat meinen Charakter so sehr geformt. Wenn darum jemand zu mir sagt, ich sei kein Deutscher, könnte ich mich sehr darüber aufregen.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie denn viele Burschenschafter mit sichtbarem Migrationshintergrund?

Au: Nicht wirklich. Nur indirekt kenne ich einen Verbandsbruder aus Stuttgart mit afrikanischen Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Die Raczeks haben kurz vor der Abstimmung sowohl den Antrag auf Ihren Ausschluss zurückgezogen als auch den zweiten Antrag, dass die deutsche Abstammung Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Deutschen Burschenschaft werden soll. Gab es danach eine Aussprache?

Au: Wenn die nicht zu mir kommen, dann lasse ich sie auch in Ruhe. In einem Verband mit über 11.000 Akademikern gibt es unterschiedliche Meinungen. Ich kann damit leben, dass mich einige Verbandsbrüder nicht akzeptieren. Hintenrum bekomme ich natürlich diese Beleidigungen mit. Mein Gott, dann ist es eben so. Aber Mitglieder mit dieser Haltung sind in der absoluten Minderheit.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nach so einem Angriff aus dem eigenen Verband noch gern Burschenschafter?

Au: Mein Bund, die Hansea, steht für mich ganz weit vorn. Erst danach kommt der Dachverband. In die DB bin ich nach und nach nur so reingerutscht, weil meine Burschenschaft Mitglied ist. Zu beiden stehe ich und engagiere mich für sie. Ich bin stolz, Teil dieser Gemeinschaft zu sein, ich bin stolz, als Wehrdienstleistender meinem Vaterland gedient zu haben, und ich bin stolz, Deutscher zu sein. Wenn ich mich hier nicht wohlfühlen würde, dann wäre ich gar nicht hergekommen. Im nächsten Jahr würde ich sogar gern als Verbandsobmann kandidieren - also für die Führungsebene des Dachverbands.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten als Konsequenz auch aus der Deutschen Burschenschaft austreten können.

Au: Wenn jetzt die liberalen Bünde austreten, dann räumen wir wortlos das Feld und vergeben die Chance auf eine liberale Zukunft der Deutschen Burschenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie so daran, Burschenschafter zu sein?

Au: Die Gemeinschaft. Als Bursche gehst du einen Lebensbund ein: Von Anfang an habe ich mich wohlgefühlt bei meinen Bundesbrüdern, als ich neu auf dem Haus war, haben sie mich sofort als einen von sich aufgenommen. Da habe ich mich gleich geborgen gefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie finden Ihre chinesischen Eltern Ihre Mitgliedschaft in dem Männerbund?

Au: Es ist manchmal schwer, Ihnen das Burschenschaftsmetier auf Chinesisch zu vermitteln. Sie wissen nicht genau, was eine deutsche Burschenschaft ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie überhaupt zu der Verbindung gekommen?

Au: Ich suchte in Mannheim kurz vor Studienbeginn dringend ein Zimmer. Über wg-gesucht.de bin ich auf das Haus der Hansea gekommen. Ein Verbindungsbruder hat mich rumgeführt, und danach habe ich zugesagt.

SPIEGEL ONLINE: Wussten Sie, was Sie erwartet?

Au: Nachdem ich wieder zu Hause war, habe ich gegoogelt, was eine Burschenschaft ist. Da habe ich natürlich etwas Angst bekommen. Meine Sorge war, dass ich in so etwas wie Scientology reinrutsche. Diese Sorge war unbegründet. Ich bin trotzdem erstmal nur für sechs Wochen unverbindlich bei der Burschenschaft eingezogen...

SPIEGEL ONLINE: …und geblieben. Hat Sie die Pflichtmensur nicht abgeschreckt?

Au: Das habe ich eher als Mutprobe im Studium gesehen. Und wenn man viel übt, sind die zwei Pflichtpartien eigentlich kein Problem.

Das Interview führte Christian Fuchs

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 179 Beiträge
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Seite 1
joey55 18.06.2011
1.
Zitat von sysopDer Dachverband Deutsche Burschenschaft wollte die Verbindung von Kai Ming Au ausschließen, weil sie den chinesischstämmigen Studenten aufgenommen hat: Er sei nicht deutsch genug. Nach dem Eklat spricht er*im Interview über seine Empörung - und erklärt, warum er immer noch gern Burschenschafter ist. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,769149,00.html
Sehr gutes Interview. Guter Mann!
nochmehrunsinn 18.06.2011
2. Respekt !!!
Burschenschafter Kai Ming Au: "Ich war*sauer und*fassungslos" Zu recht
Trivalent 18.06.2011
3. Eine
ziemliche Besorgtheit ist mir, ob des Artikels, genommen. Richtig so! Zu einer Sache stehen, Kante zeigen, rassistischen Geistern die rote Karte. Es gibt auch Positives in DE. Weiterhin viel Erfolg, Kai.
cyranodemadrid 18.06.2011
4. Burschenschafter Kai Ming Au: "Ich war*sauer und*fassungslos"
Darûber wusste ich schon einige Dinge, aber ich kann auch nicht fassen, dass es so etwas noch gibt. Der Student ist auch entweder sehr ehrgeizig und oder Ignorant, selbst schuld, wenn er sich mit solchen Faschisten und Rassisten umgibt. Karriere kann man auch ohne solche MacDonalds-Neonazis in der globalisierten Welt, besonder wenn man inteligent und mehrsprachig ist.
Achim 18.06.2011
5. Wei O Wei
Also ein Klub, der sich nach einer in Polen liegenden Stadt benennt, äußert sich über Deutschtum. Vielleicht sollte man diese Herren zum Arzt schicken - ach nee, geht nicht, wir haben ja als Gesundheitsminister einen Vietnamesen ...
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