Studentenführer in Chile Comandante Camila will ins Parlament

Chiles Studentenführer haben mit ihrem Protest das Land wachgerüttelt. Jetzt streben sie in die Politik, allen voran die Kommunistin Camila Vallejo. Einen Erfolg können sie und ihre Mitstreiter bereits verbuchen.

Von , Santiago de Chile

Klaus Ehringfeld

Die Kandidatin lässt nicht auf sich warten. Begleitet von Trommlern und Trompetern betritt Camila Vallejo, 25, pünktlich um 18.15 Uhr die Bühne. Es ist der Tag der Abschlusskundgebung in La Florida, einem Untere-Mittelklasse-Vorort im Süden Santiago de Chiles - geduckte Einfamilienhäuser und eckige, beigefarbene Apartmentblocks, im Hintergrund die Anden vor der untergehenden Sonne.

In La Florida ist es ein Heimspiel für Vallejo. Hier ist sie groß geworden, hier kandidiert sie für einen Sitz im Parlament. Hier hat sie die Wahl so gut wie gewonnen, denn sie ist bekannt, beliebt und tritt für die Kommunistische Partei an, die erstmals bei einer Wahl unter den Mantel der großen Mitte-Links-Koalition "Nueva Mayoria" um Präsidentschaftskandidatin Michelle Bachelet geschlüpft ist.

Camila Vallejo greift zum Mikrofon, in der grauen Jeans steckt der Spickzettel. Aber sie sagt wenig Überraschendes. Sie bedankt sich für die Unterstützung im Wahlkampf und zählt auf, was sie für ihren Stadtteil tun will, wenn sie am Sonntag gewählt wird. "Die Gesundheitsversorgung muss besser werden, und wir müssen die Schulden der Menschen reduzieren." Ihre Anhänger klatschen brav. Aber der Funke springt nicht über. Vallejos Rede wirkt routiniert, irgendwie gezähmt.

Noch vor zwei Jahren war das anders. Damals im chilenischen Frühling 2011 war sie das bekannteste Gesicht der Studentenproteste - und das schönste dazu. Jede ihrer Reden war eine Kampfansage, sie geißelte "Staatsterrorismus" und "Folter", sie prangerte die "Unterdrückung der sozialen Bewegungen" an.

Wie eine junge Kommunistin weltweit berühmt wurde

Vallejo war die junge Kommunistin, die Führerin der Studentenvereinigung der Universität von Chile, der wichtigsten Hochschule des Landes. Mit ihrem Madonnen-Gesicht und ihren 23 Jahren hatte sie Präsident Sebastián Piñera herausgefordert und das ganze politische System ihres Landes in Frage gestellt. Sie reiste um die Welt und erklärte, was da gerade in Chile passierte. Vallejo war ein Star der Politik.

Monatelang besetzten die Studenten damals Straßen und Unis. Vallejo und ein Dutzend Compañeros an anderen Unis führten die Proteste gegen das System an, wetterten, Bildung würde zum wirtschaftlichen Gut degradiert. Rund 400 Euro gibt eine chilenische Familie monatlich für das Studium eines Kindes aus. Wer fünf Jahre studiert, hat nachher 20 Jahre Schulden.

Es ist vermutlich der größte Triumph der Studentenbewegung, dass die Forderungen von damals jetzt den Wahlkampf bestimmen. Sieben der neun Präsidentschaftskandidaten haben die Themen der Jungen zu ihren gemacht: kostenfreie Bildung, eine Steuerreform, um das zu finanzieren, und eine Verfassungsänderung, um das Erbe der Pinochet-Diktatur loszuwerden.

Warum wurde die wilde Vallejo so zahm?

Jetzt aber sagt Vallejo zahme Sätze: "Wir müssen am Sonntag alle früh aufstehen und wählen gehen." Zehn Minuten dauert ihre Rede. Sie verlässt rasch die Bühne, jemand reicht ihr die kleine Tochter, gerade ein paar Wochen alt. Sie zieht sich zum Stillen zurück. Anwohner halten Plakate mit Vallejos Bild hoch, bitten um eine Autogramm: "Mi diputada", kreischt jemand in der Menge. "Meine Abgeordnete". Dann warten Reporter aus Frankreich, Brasilien und Deutschland auf Interviews.

Ist es nicht widersprüchlich, jetzt Teil des Systems zu sein, das sie früher bekämpft hat? "Ich war ja immer Teil des Systems", entgegnet Vallejo. "Aber wir haben uns klargemacht, dass wir von draußen nicht so viel verändern können. Wir müssen in das System, um es zu verändern." Der Kampf müsse aus "verschiedenen Schützengräben" geführt werden, fordert sie, und für einen Moment kommt noch einmal das Kämpferische zum Vorschein.

Der Soziologe Alberto Mayol von der Universität von Santiago sieht das ähnlich. Der Schritt in die große Politik sei logisch, sagt er. "Auf der Straße wurde die Protestkultur geboren, und dort begann der Wettstreit der Ideen." Aber die Umsetzung könne nur in der institutionalisierten Politik gelingen, sagt Mayol.

Chile steht vor einem historischen Moment

Tatsächlich sind die Chancen auf Veränderungen in Chile jetzt so gut wie nie seit der Rückkehr zur Demokratie 1990. Experten sprechen von einem "historischen Moment", um wieder fortschrittliche Positionen durchzusetzen. Vieles, was in anderen Ländern selbstverständlich ist, gilt in dem südamerikanischen Land noch immer als linksradikal und verdächtig. Ein regulierender Staat zum Beispiel, die Begrenzung des wilden Kapitalismus, Arbeitnehmerrechte, würdige Löhne und Gehälter oder eben ein Bildungs- und Gesundheitssystem, das bezahlbar ist.

An dem Wirtschafts- und Sozialmodell, das die 17 Jahre währende Diktatur von Augusto Pinochet hinterlassen hat, haben die demokratischen Regierungen in mehr als 20 Jahren wenig verändert. 85 Prozent der Chilenen, so ergab jüngst eine Umfrage, halten die krasse Ungleichverteilung von Einkommen und Reichtum in ihrem Land für eines der wichtigsten Themen.

Außer Camila Vallejo drängen noch sechs ehemals prominente Studentenführer ins Parlament. Drei von ihnen, die Unabhängigen Giorgio Jackson und Gabriel Boric sowie die Kommunistin Karol Cariola, haben gute Chancen, gewählt zu werden.

Auch Francisco Figueroa, der frühere Vize von Camila Vallejo in der Studentenvertretung, tritt als Unabhängiger an. Aber er hat es in Santiagos bürgerlichem Stadtteil Ñuñoa/Providencia ungleich schwerer, sich gegen die Kandidaten der Parteienbündnisse durchzusetzen.

Figueroa ist ein kluger nachdenklicher Mann von 27 Jahren, der druckreif formuliert. Sein Wahlkampf: zu Fuß und mit Freunden, Handzettel verteilen, an Türen klopfen. Ihm fehlt der mächtige Parteiapparat im Rücken.

Aber wie sehr kann man im Parlament etwas bewirken, ohne seine Ideale zu verraten, Herr Figueroa? "Es wird schwer, womöglich passiert beides." Auf die "Brücken zu den Parteien" könnten die unabhängigen Kandidaten nicht verzichten. "Aber mancher von uns wird dabei zu weit gehen. Und dann kann es ja auch passieren, dass wir einfach versagen."

Und wenn es am Sonntag nicht klappt mit dem Sprung ins Parlament? "Ich bin 27, ich habe keine Eile. Irgendwann klappt das schon."

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Camila Vallejo: Linken-Idol mit Nasenring

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kone 17.11.2013
1. Interessant ...!
Es ist das Privileg der Jugend - nicht nur in Chile - , sich die Voraussetzungen für ein Leben mit Perspektive und in Gerechtigkeit selbst zu erstreiten. "Volkstribunen" können dabei sehr hilfreich sein. Man wird sehen ob die junge Frau und ihre Mitstreiter die Gratwanderung hinbekommen, und die gewünschten und legitimen Ziele der Protestbewegung erreicht werden können ... oder ob sie an den Mühlsteinen des "Systems" scheitert. Man wünscht ihnen von herzen Erfolg ... in Südamerika, wie auch anderswo!
spon-facebook-10000283853 17.11.2013
2.
Zitat von sysopKlaus EhringfeldChiles Studentenführer haben mit ihrem Protest das Land wachgerüttelt. Jetzt streben sie in die Politik, allen voran die Kommunistin Camila Vallejo. Einen Erfolg können sie und ihre Mitstreiter bereits verbuchen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/camila-vallejo-chiles-studentenfuehrer-streben-ins-parlament-a-933749.html
Dabei war die Umstellung auf die freie Marktwirtschaft nicht nur der Grund für den Wohlstand in Chile, sondern die Ursache für Pinochets Fall.
my_lay 17.11.2013
3. Chicago Boys
Zitat von sysopKlaus EhringfeldChiles Studentenführer haben mit ihrem Protest das Land wachgerüttelt. Jetzt streben sie in die Politik, allen voran die Kommunistin Camila Vallejo. Einen Erfolg können sie und ihre Mitstreiter bereits verbuchen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/camila-vallejo-chiles-studentenfuehrer-streben-ins-parlament-a-933749.html
Die "Chicago Boys" werden schone dafuer sorgen das alles seine Richtigkeit hat. Wie sagte H. Kissinger damals nach dem Sturz der demokratisch gewaehlten Regierung und der Installierung des brutalen Diktators: " Our Boys did it"
dieteroffergeld 17.11.2013
4. So sieht es aus!
Zitat von my_layDie "Chicago Boys" werden schone dafuer sorgen das alles seine Richtigkeit hat. Wie sagte H. Kissinger damals nach dem Sturz der demokratisch gewaehlten Regierung und der Installierung des brutalen Diktators: " Our Boys did it"
Und heute dank NSA und MI5 und den vielen anderen sogenannten Diensten wirds im Fall Cile laufen. Wir echauffieren uns über China, Nordkorea, Russland ... und die vielen anderen autokratischen oder autoritären Staaten. Und hier? "Lupenreine Demokratien" werden Wege finden, dass dort unten wieder sehr rasch Grabesruhe herrschen dürfte. Was veranlasst Regierungen ihnen nicht genehme Regime(demokratisch gewählt) zu zerstören? Profitgier, Machtsstreben oder sind da einfach nur Soziopathen der schlimmsten Art im Business unterwegs? usin
waton 17.11.2013
5. Ist doch klar,
warum Camila ploetzlich so "harmlos" ist. Vor knapp zwei Jahren hat sie noch oeffentlich beteuert, dass sie nie und nimmer fuer Bachelet stimmen wuerde, dann aber hat die Kommunistische Partei, die sehr gut und straff organisiert ist, dann Anweisungen von oben an Camila gegeben und nun MUSS sie ob sie will oder nicht Bachelet unterstuetzen.
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