Campusradios Ost Von wegen Tal der Ahnungslosen

Sie mögen schräge Themen, hassen Fahrstuhlpop und sind Talentschmieden für Moderatoren: Sieben ostdeutsche Campusradios stemmen sich gegen den Trend zum Dudelfunk. Mephisto 97,6 in Leipzig zum Beispiel funkt seit genau zehn Jahren - als erstes deutsches Lizenzradio, das allein von Studenten gemacht wird.

Von Christian Fuchs


Chefredakteur und Morgenmoderator: Benedict Rehbein bei der Arbeit
Christian Fuchs

Chefredakteur und Morgenmoderator: Benedict Rehbein bei der Arbeit

"Die O-Töne vom Wave- und Gothik-Treffen sind alle scheiße", schimpft Ulrike Thiele. Über ihr flimmert ein Fernseher mit Videotext, auf ihrem Computerbildschirm kommen minütlich neue dpa-Tickermeldungen an, in einer Sprecherkabine spricht eine junge Frau einen Beitrag ein. Es ist 9 Uhr früh, bei Mephisto 97,6 wuseln seit drei Stunden schon 15 Leute durch die Gänge. Ein ganz normales Lokalradio eben. Mit einer Ausnahme: Beim Leipziger Sender arbeiten vom Chefredakteur über Techniker bis zum Hörspielautor ausschließlich Studenten.

So wie Ulrike, die Redakteurin vom Dienst für heute. Eben war sie noch sauer, nun mampft sie einen Berliner, und ihre Miene verzieht sich schlagartig, als Georg zur Tür hineinkommt. Den hat sie eben aus dem Bett geklingelt. Georg muss das ausbaden, was ein Kollege versaubeutelt hat: Raus auf die Straße, die letzten Gothics finden und fragen, wie es so war auf dem bedeutendsten Treffen der schwarzen Szene in Europa. "Eigentlich wäre ich heute sonst etwas später gekommen", murrt Reporter Georg. Noch nicht ganz munter zieht er ab.

In der Nachrichtenredaktion nebenan müssen bis zum Sendestart um 10 Uhr noch sieben Nachrichten getextet werden, einige Statements fehlen. Fast wie im richtigen Radioleben eben, mit einem kleinen Unterschied: "Wir sind die einzige Station in Leipzig, die so viel Zeit hat für die Nachrichtenproduktion", sagt Nachrichtensprecherin Franka Zaumseil.

Lokalradio statt Mensafunk

Klar, dass bei so hintergründiger Recherche auch schon ein paar exklusive Geschichten entstanden sind. Nicht ohne Stolz hängt ein Ausschnitt der "Leipziger Volkszeitung" in den Gängen an der Pinnwand, in dem Mephisto zitiert wurde. Auch das Mephisto-Wahlstudio zur Oberbürgermeisterwahl in Leipzig vor wenigen Wochen sorgte für Aufsehen. Die Teuflischen waren das einzige Medium, dass so dick im Rathaus aufgefahren hatte.

Marco Stahn, Christin Wannagat von UNiCC (in Chemnitz): Studio in der Ex-Mensa
Susanne Domaratius

Marco Stahn, Christin Wannagat von UNiCC (in Chemnitz): Studio in der Ex-Mensa

Dabei arbeitet die gesamte Redaktion im alten Seminargebäude der Uni ehrenamtlich und neben dem Studium. Doch ihre Verantwortung ist groß. Schließlich müssen sie jeden Tag vier Stunden "lokales Vollprogramm" füllen - wie es die Lizenz der Landesmedienanstalt verlangt. Darum ist Mephisto auch kein echtes Campusradio: Mensapläne und Professorenklatsch sind weniger wichtig als die Straßenschlachten am 1. Mai oder schräge Objektkunst vor dem Gewandhaus. Die Redaktion sendet für fast eine Million mögliche Zuhörer in Leipzig und Umgebung.

Davon können die Kollegen von Radio UNiCC in Chemnitz ein paar Kilometer weiter östlich nur träumen. Sie haben keine eigene Stadtfrequenz und dürfen nur eine Stunde täglich auf UKW funken. Aber sie sind erfinderisch. Insgesamt sechs Stunden senden sie ihr Programm täglich aus dem Studio in der ehemaligen Mensa übers Internet in die Studenten-WGs und Wohnheime. Nur das Radio der Hochschule Mittweida sendet mehr Liveprogramm im Netz (aber auch rund um die Uhr auf einer eigenen UKW-Frequenz).

Promikritzeleien an der Wand

Und die Chemnitzer Radiomacher haben eine Mission: "Wir wollen eine Brücke zwischen Universität und Stadt schlagen" sagt Programmleiterin Christin Wannagat. Ihr Masterplan soll nicht nur mit Blues und Filmsendungen erfüllt werden, sondern auch lautstark: Karl-Rock-Stadt heißt es darum jeden Mittwoch. Gesendet wird zudem alternative elektronische Musik oder HipHop. "Hauptsache kein Pop", sagt Christin.

Radio Mephisto: Blick ins Studio
Christian Fuchs

Radio Mephisto: Blick ins Studio

"Wer zum Teufel sind Sie?", schallt es aus den Boxen, und - schwupps - beginnt Mephistos erste Sendeminute für heute. Im Studio trommelt Benedict Rehbein nervös mit seinen Fingern auf das Mischpult. Er ist einer der drei Chefredakteure und moderiert heute die Morgensendung. Benedicts Stimme klingt geschult, routiniert wechselt er CDs und fährt Jingles aus dem Computer ab. "Wer das hier schafft, schafft es auch bei den großen Sendern" sagt er selbstbewusst, "dort muss man dann nur noch moderieren, hier muss man alles machen."

Seine gesamte Radioerfahrung hat er bei Mephisto gesammelt. Sprachtrainings, Technikschulungen und vor allem selbst Radio machen: Das hat schon aus einigen Laien echte Medienprofis gemacht. Die ehemaligen Mephistos Jan Hahn, Moderator des SAT1-Frühstücksfernsehens, oder der ARD-Vorabendmoderator Carsten Dieckmann schicken jetzt ihre Autogrammkarten nach Leipzig.

Nestflucht als Tugend

Die hängen wie Ehrenurkunden an den Redaktionswänden. Daneben haben Besucher des Studios ihre Namen gekritzelt. Die Sportfreunde Stiller, Green Hill, Götz Alsmann oder Bela B. waren schon da. "Mittlerweile kommen die Stars von sich aus zu uns", ruft Redakteurin Ulrike im Vorbeihuschen. Denn ihr Außenreporter ist gerade aus der Stadt wieder aufgetaucht. Georg hat drei O-Töne von Gothic-Fans am Bahnhof aufgetrieben. Die müssen noch fix geschnitten werden und dann auf den Sender, die Sendung läuft ja schon.

Nicht nur ein Reporter, sondern das ganze Studio verlässt beim Campusradio Jena 103,4 manchmal die Redaktionsräume. Um näher an den Studenten zu sein, haben die Thüringer die Nestflucht zur Tugend gemacht: Sie verlegen ihr Studio regelmäßig aus dem unsanierten Gebäude auf den Theatervorplatz und senden aus der "Campusradio Lounge" Perlen der Radiounterhaltung - zum Beispiel das legendäre Hörspiel "Krieg der Welten" von Orson Welles oder die Live-Neusynchronisation alter Sissi-Filme.

Aber auch die Proteste gegen Studiengebühren begleiteten sie mit einem "Outdoor-Studio" aus der Zeltstadt auf dem Campus journalistisch. Im Gegensatz zu den Leipziger Kollegen soll das Jenaer Campusradio bewusst für die Uni gemacht sein. Akademische Weihen erfuhren die studentischen Macher durch Sprachwissenschaftler Martin Müller-Wetzel. Seine Serie "Veni, vidi, vici - Latein zur Bewältigung von Alltagssituationen" entwickelt sich langsam zum Kult an der Saale. Von Cicero lernen, wie man Referate hält, oder lateinische Zitate für die nächste Partyprahlerei, das gibt's nur im Uniradio. Auch Satire lassen die Macher durch Profis machen: Bernd Zeller liest regelmäßig seine "101 Gründe nicht zu studieren".

Eigene Bigband und das Erbe von DT64

Die sächsischen Kollegen von Mephisto haben sogar eine eigene Satiresendung. Immer freitags verwursten sie die Themen der Woche eine Stunde lang im "Nachschlag". Da kann es schon mal vorkommen, dass Teile eines Alice-Schwarzer-Interviews in einer Radio-Soap auftauchen. Radioexperimente gab es einige in einem Jahrzehnt: intellektuelle Hörspiele, eine Trampsafari durch Osteuropa anlässlich der EU-Erweiterung oder die erste Radionovela Deutschlands.

Größer als das Kellerstudio: Die Bigband swingt in Ilmenau
hsf Ilmenau

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Auch ein anderer Rekord wurde im Osten aufgestellt. In Ilmenau arbeitet mit dem hsf Studentenradio seit 55 Jahren das erste Campusradio Deutschlands. Damals sendeten Ingenieursstudenten den "Hochschulfunk" noch in die Klassenräume. Heute kann man das Programm von hsf via Kabel, auf UKW und im Internet empfangen. Sie haben zwar nur ein kleines Studio im Keller eines Studentenwohnheimes, aber zwei große Dinge zum Ausgleich: Als einziges Campusradio weltweit hat hsf eine eigene Bigband. Außerdem staubten die Ilmenauer als Wendegewinner in den neunziger Jahren die Studiotechnik des ehemaligen DDR-Jugendsenders DT64 ab.

"Drei Stunden unterwegs für 17 Sekunden Sendung", so resümiert Reporter Georg sein Vormittagswerk. Mehr war aus den müden Gothic-Interviews nicht rauszuholen. Jetzt darf er sich aussuchen, ob er lieber DGB-Chef Michael Sommer oder den norwegischen Konsul interviewen will. Er ist noch unentschieden, denn die Sache könnte gefährlich werden. Bloß keine "Scheiß-O-Töne" mitbringen.



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