Charité-Plagiat Kaffeestunde zur Wahrheitsfindung

Jetzt spricht er, der Dichter: Die Berliner Uniklinik Charité hat sich zum 300. Geburtstag ein zusammengeklautes Buch geschenkt. Aus der Betriebspanne wird ein Streit um Schuld und Schadensersatz - der für das Werk angeheuerte Schriftsteller wehrt sich vehement gegen die Plagiatsvorwürfe.

Von Hermann Horstkotte

Berliner Charité: Jubiläumsschrift eingestampft
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Berliner Charité: Jubiläumsschrift eingestampft


Donnerstagmorgen, 11 Uhr an der Berliner Kurfürstenstraße: Im Café Einstein will der Schriftsteller Falko Hennig erklären, warum er kein geistiger Dieb ist. Seit mehr als drei Wochen wirft ihm die Uniklinik Charité öffentlich vor, für ihre Jubiläumsschrift "300 Jahre Charité - im Spiegel ihrer Institute" andere Autoren bestohlen zu haben.

Zwei Dutzend Zuhörer sind gespannt. Das Kaffeehaus, namensgleich mit dem Treffpunkt für Politprominenz Unter den Linden, ist laut Eigenwerbung auch ein "Wartesaal für Poesie", für lokale Bohemiens wie Hennig.

Zur Pressekonferenz sitzen alle, Journalisten und Literaturfreunde, an einem langen Tisch, kein Podium. Nur Johannes Eisenberg soll sich abseits hinhocken, der Rechtsanwalt der Charité in diesem Plagiatsfall. Viele Anwesende kennen und duzen "Johnny" Eisenberg - er ist als Medienanwalt in der Hauptstadt und darüber hinaus bekannt.

Diesmal vertritt er eine ganze Klinik gegen den Autoren Hennig und der macht sich wegen der Vorwürfe große Sorgen: Die Charité wolle von ihm schätzungsweise 30.000 Euro aus einem angeblich unerfüllten Buchvertrag zurück, erklärte Hennig. Damit sei er ruiniert. "Ihm stand die pure Existenzangst ins Gesicht geschrieben", notiert ein Arzt, der wegen der Plagiatsgeschichte gekommen war.

Mission impossible: 350 Seiten in vier Monaten

Der Romancier Hennig, 41, wirkt überfordert von dem Schlamassel, in dem er steckt, und dem Versuch, da noch rauszukommen. "Ja, im Buch sind seitenlange Plagiate", räumt er ein, "traurig, aber wahr". Hennig sagt das ohne seinen Anwalt, sogar gegen dessen Rat. Er hofft auf ein gütliches Ende, womöglich einen juristischen Vergleich. Gegenanwalt Eisenberg hörte sich das nicht lange an und geht bald, um für die Charité eine Antwort zu formulieren.

Schon am Nachmittag liegt sie vor. Laut dieser Stellungnahme sieht die Geschichte so aus: "Im Juni/Juli 2009" habe die Uniklinik mit Hennig einen Vertrag über ein "Werk des Autors unter dem Arbeitstitel Geschichte /Chronik der Charité" geschlossen, geplanter Umfang "zwischen 250 bis 350 Seiten". Dass Hennig schreiben kann, wusste Charité-Vorstand Max K. Einhäupl von Jakob Hein, einem seiner Oberärzte und nebenberuflichen Dichter. Hennig und Hein kennen sich gut von gemeinsamen Auftritten auf der "Lesebühne Heim & Welt", aus der Welt der Schelme und Spötter.

Vertraglich vereinbarter Abgabetermin für das historische Sachbuch: "spätestens 1. Oktober 2009", also nach drei oder vier Monaten. "Wer so etwas erwartet, hat noch nie selbst an einem solchen Werk gearbeitet oder etwas Vergleichbares herausgegeben", bemerkt dazu ein Berliner Medizinhistoriker.

"Ich habe nicht abgeschrieben"

Tatsächlich stammt die letzte Lieferung laut Charité von Mitte Februar 2010. Demnach haben die Dichterfreunde Hennig und Hein das Gesamtmanuskript gemeinsam durchgearbeitet und den drei Herausgebern zugeleitet. Von Hein selbst stamme ein einziges Kapitel über "Psychiatrie und Neurologie". Dass das Buch im Übrigen mit Plagiaten kontaminiert ist und vernichtet werden muss, hat laut Charité allein der Mitarbeiter Hennig zu verantworten.

Der verteidigt sich jetzt mit Gegenvorwürfen: Die Charité habe ihm Zuarbeit versprochen, aber nicht geleistet - "keine Hinweise, keine Ansprechpartner, keine Rückrufe, keine Antworten auf E-Mails und auf erneute Nachfragen wieder keine Antwort". Was die Charité wiederum ihren Anwalt bestreiten lässt: Im Buchvertrag habe es "keinerlei Hinweise auf 'Zuarbeitungspflichten' der Charité" gegeben.

Hennig schreibt in seiner Erklärung weiter, neben ihm und Hein hätten "noch mindestens 20 weitere Personen mitgewirkt". Die Hälfte habe er unter Zeitdruck selber angeheuert und vom eigenen Honorar bezahlt. Hennig nimmt nur eine Minderzahl von Kapiteln auf die eigene Kappe. Die seien plagiatfrei, "ich habe nicht abgeschrieben". Er habe "keine Korrekturfahnen bekommen" und "keine Druckfreigabe erteilt".

Wieder kontert Charité-Anwalt Eisenberg: Hennig habe weder die Übersendung der Druckfahnen angefordert noch Zweifel an den Rechten offenbart. Hein und Hennig hätten die Änderungswünsche des Verlages besprochen.

Zu früh in den Verkehr?

Hennig indes bemüht einen Vergleich: "Man stelle sich vor, jemand lässt sich in der Werkstatt Winterreifen aufziehen", schreibt er. "Statt zu warten, bis die Werkstatt ihm den Wagen mit den neuen Reifen aushändigt, geht er in der Mittagspause einfach in die Werkstatt und fährt ungesehen mit seinem Auto los. Ein Rad war noch nicht angeschraubt, löst sich, und es gibt einen Unfall." Dann stellt Hennig die rhetorische Schuldfrage: "Ist die Werkstatt verantwortlich oder derjenige, der "nicht abwarten wollte, bis das Auto fertig war?"

Auch Sicht des Schriftstellers brauste die Charité mit einem unfertigen Buch davon. Hennig glaubt, dass ihm die Klinik aus Rachsucht übel mitspielt: Zum Sündenbock gemacht werde er als "Abstrafung" für das "kritische Büchlein 'Der Eisbär in der Anatomie'" - eine Sammlung an Peinlichkeiten und Charité-Pannen aus den vergangenen 300 Jahren.

In die Auseinandersetzung greift jetzt auch der Fachverband Medizingeschichte ein und erklärt, das Jubiläumsbuch sei "ohne Mitwirkung und gegen Rat des Berliner Medizinhistorischen Instituts und des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité" entstanden. Um eine ordentliche Chronik zusammenzustellen, hätte die Charité für mindestens ein Jahr einen promovierten Historiker anheuern müssen, so der Verbandsvorsitzende Heiner Fangerau. Das hätte rund 50.000 Euro gekostet. Der Laie Hennig mühte sich für etwa die Hälfte. "Wenn man sich ein Projekt aber nicht leisten kann, dann soll man es lieber sein lassen", sagt Fangerau. Das sei immerhin eine positive Lehre aus der Berliner Pannenaffäre.

Den Auftrag, so schrieb es Hennig in einem Artikel für die "Berliner Zeitung", brauchte er dringend. "Ich war mal wieder pleite, das Jahr 2009 war noch nicht sehr alt, da schien der Himmel ein Einsehen zu haben und schickte mir einen Großauftrag. Nicht ganz der Himmel, eher ein Freund, Arzt an der Charité, hatte mich als Mitarbeiter für eine Chronik der Einrichtung ins Spiel gebracht, die zum 300. Geburtstag der Klinik erscheinen sollte." Der Freund war Hein, es mündete in einen Rechtsstreit, der noch eine Weile dauern dürfte.

Hennig hat mit seiner öffentlichen Kaffeepause erstmals vor Publikum erklärt, wie er die Sache sieht. Und opferte laut Twitter-Nachricht vom Resthonorar noch 15 Euro für Cappuccinos - statt nur abzuwarten und Tee zu trinken.

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weltoffener_realist 17.12.2010
1. Rührend, aber Plagiat bleibt Plagiat
Zitat von sysopJetzt spricht er,*der Dichter: Die Berliner Uniklinik Charité hat sich zum 300. Geburtstag ein zusammengeklautes Buch geschenkt. Aus der Betriebspanne wird ein Streit um Schuld und Schadenersatz - der für das Werk angeheuerte Schriftsteller wehrt sich vehement gegen die Plagiatsvorwürfe. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,735267,00.html
Nun, Herrn Hennigs finanzielle Notlage einerseits und die knapp bemessene Projektzeit für das Buch andererseits sind natürlich rührend - doch Plagiat bleibt Plagiat. Wenn ich nicht liefern kann und einen solchen Auftrag dennoch annehme, so kann ich mich nicht ungestraft aus den geistigen Schöpfungen anderer Schriftsteller bedienen und dies als mein eigenes Werk ausgeben.
brain_in_a_tank, 17.12.2010
2. es kann nur einen Suendenbock geben
Zitat von weltoffener_realistNun, Herrn Hennigs finanzielle Notlage einerseits und die knapp bemessene Projektzeit für das Buch andererseits sind natürlich rührend - doch Plagiat bleibt Plagiat. Wenn ich nicht liefern kann und einen solchen Auftrag dennoch annehme, so kann ich mich nicht ungestraft aus den geistigen Schöpfungen anderer Schriftsteller bedienen und dies als mein eigenes Werk ausgeben.
Nur wessen Plagiat ist es. Hennig war als Mitarbeiter, nicht als Author beschaeftigt. Und nach eigener Aussage hat er wiederum weitere Schreiber beschaeftigt, um die Arbeitslast zu reduzieren, waehrend die eigentlichen Autoren scheinbar kein Finger kruemmten. Also wer steht hier in der Verantwortung, ungeprueft unter eigenem namen diesen Text zu drucken. Das ist wohl wieder die Situation, wo ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu dem Disaster fuehrten, und verschiedene Leute Verantwortung tragen muessten - aber es darf nur ein Kopf rollen...
j0nnl 18.12.2010
3. Lesen, verstehen.
Zitat von weltoffener_realistNun, Herrn Hennigs finanzielle Notlage einerseits und die knapp bemessene Projektzeit für das Buch andererseits sind natürlich rührend - doch Plagiat bleibt Plagiat. Wenn ich nicht liefern kann und einen solchen Auftrag dennoch annehme, so kann ich mich nicht ungestraft aus den geistigen Schöpfungen anderer Schriftsteller bedienen und dies als mein eigenes Werk ausgeben.
Am besten den Artikel nochmal lesen, und vielleicht verstehen Sie dann den tatsächlichen Streitpunkt, der noch geklärt werden muss (Zuarbeit vereinbart/Druckfreigabe erteilt-nicht erteilt/juristicher Grad der Verantwortung von Henning für den veröffentlichten Inhalt...). Es ist nich alles schwarz oder weiß. Sollte diese Angelegenheit ultimativ vor Gericht ausgetragen werden, kann man getrost davon ausgehen, dass beide eine noch zu bemessende Schuld zugesprochen bekommen.
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