Chinas umkämpfte Spitzenunis Wo der Geburtsort dein Glück bestimmt

Wer auf eine gute Hochschule gehen kann, darüber bestimmt in China oft der Geburtsort. Jugendlichen aus der Provinz bleibt der Zugang zu Top-Unis oft verwehrt. Sie müssen in den knüppelharten Aufnahmetests besonders glänzen - und wegen ihrer Herkunft anschließend auch noch doppelt schuften.

Dammertz/ SPIEGEL TV

Von Tanja Dammertz


Das Pauken ohne Ende begann für Liu Fangjie schon im Kindesalter. "Als ich zur Mittelschule ging, musste ich jeden Morgen um sechs aufstehen. Nach der Schule war ich dann mindestens bis neun Uhr abends in der Bibliothek. Ich habe eigentlich immer bis Mitternacht gelernt oder gearbeitet", erzählt der heute 20-jährige Student an der Shanghaier Universität für Finanzen und Wirtschaft.

Liu Fangjie stammt aus einem Dorf in der Provinz Hubei, rund tausend Kilometer von Shanghai entfernt. Seine Familie lebt dort vom Fang von Krebstieren, seine Schwester ist verheiratet, wohnt aber noch im Haus der Eltern, der Bruder arbeitet als Kellner.

Der jüngste Spross hat den Sprung geschafft. Liu ist einer von nur 20 Schülern aus Hubei, die 2008 an seiner Uni anfangen durften, nach herausragenden Leistungen im Aufnahmetest.

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Große Mauer: Chinas Provinzkinder haben es doppelt hart
Doch zum Feiern kommt er nicht. In jeder freien Minute versucht Liu Fangjie, mit verschiedenen Nebenjobs Geld auch für den Kredit über 6000 Yuan (gut 640 Euro) für die jährlichen Studiengebühren zu verdienen. 300 Yuan im Monat bekommt Liu als Tellerwäscher in der Universitätskantine, 800 Yuan als Wächter bei einer Sicherheitsfirma. Der Wirtschaftsstudent arbeitet und lernt weiterhin täglich von sieben Uhr morgens bis zwölf Uhr nachts, sieben Tage die Woche.

Die Diskriminierung ist Teil des Systems

Seine Eltern hat er im vergangenen Jahr ein einziges Mal gesehen. "Klar vermisst mich meine Mutter", sagt der Student. "Aber sie ist stolz auf mich."

Liu findet, er sei privilegiert. Denn nur ganz wenige Schulabgänger aus der Provinz, mögen sie noch so begabt sein, dürfen an die guten Hochschulen in den Großstädten gehen. Die Studienplätze dort sind meist Einheimischen vorbehalten, und dort, wo Auswärtige überhaupt eine Chance haben, müssen sie wesentlich höhere Punktzahlen in den ohnehin schon schweren Aufnahmeprüfungen erreichen.

Die Diskriminierung ist Teil des sogenannten Hukou-Systems, mit dem das Riesenreich seit den fünfziger Jahren die Wanderungsbewegungen seiner Bewohner verfolgt. Nach der Geburt wird jeder Bürger in seinem Heimatort behördlich registriert - so wissen die Behörden, wo er herkommt, so ist er unter Kontrolle.

Doch die Ortsbindung reicht noch weiter: Wer vom Land in die Stadt zieht, nimmt diese Registrierung, den Hukou, mit und vererbt ihn als eine Art virtuelle Fußfessel an seinen Nachwuchs - auch wenn dieser ganz woanders geboren wurde. So wird der Hukou zu einem Bildungshemmnis auch für die Kinder der Millionen von Wanderarbeitern, die in China vom Land in die großen Metropolregionen ziehen, immer den Jobs hinterher.

Dabei leben in einer Riesenstadt wie Shanghai - die jüngst durch eine Spitzenplatzierung beim Pisa-Test von sich reden machte - längst bis zu neun Millionen Wanderarbeiter mit mehr als 400.000 schulpflichtigen Kindern.

"Wir müssen einfach besser sein als die Studenten aus Shanghai"

Zwar hat Shanghai vor einigen Jahren eine Art Green Card für auswärtige Arbeiter eingeführt. Wer sieben Jahre lang in der Stadt gearbeitet hat, angesehen ist, einen Sozialversicherungsnachweis erbringt und ordentlich Steuern zahlt, wird in der Stadt registriert.

Doch so reich und so ortstreu sind die Wanderarbeiter nicht, jene billigen Arbeitskräfte, die die Baustellen und Fabriken des boomenden Landes am Laufen halten. Ihre Hoffnungen auf gesellschaftlichen Aufstieg erfüllen sich selten.

Wie schwer es ist, ohne passenden Hukou zu höheren Weihen der Bildung zu gelangen, das erzählt der 22-jährige Journalistikstudent Ke von der Elite-Universität Fudan in Shanghai. Er stammt ursprünglich aus der Provinz Hebei. Alles habe sich in seiner Jugend um die Aufnahme an einer Universität gedreht. "Ich war sehr gut in Biologie und habe anscheinend mehr Bücher gelesen als alle anderen Schüler", sagt Ke selbstbewusst.

Seine Eintrittskarten für Fudan waren schließlich die Preise, die Ke in der Biologie-Olympiade und in anderen Wettbewerben gewann. Doch er musste weitere Tests bestehen. "Was sie von mir wissen wollten, war weitaus mehr als das, was bei einer normalen Aufnahmeprüfung verlangt wird", berichtet Ke. Er schimpft nicht über die Diskriminierung, klagt nicht an, sondern fügt sich ins Schicksal: "Wir müssen einfach besser sein als die Studenten aus Shanghai."



insgesamt 39 Beiträge
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loggerbach 21.05.2011
1. Interessantes Thema - wenig differenzierte Analyse
Es gibt tatsaechlich Probleme mit der notwendigen Punktzahl im Gaokao fuer Schueler aus weniger entwickelten Provinzen. Insgesamt sind aber sowohl Gaokao als auch Hukou ein wichtiger und notwendiger Bestandteil fuer den geordneten Aufbau der Wirtschaft und Gesellschaft. Der Unterton dieses Artikels, wonach diese Gesetze zur Verhinderung von unkontrollierten Massenumsiedelungen in ohnehin uebervoelkerte Staedte maßgeblich als "Kastenwesen" und "Diskriminierung" verstanden werden soll, ist mit Verlaub recht Banane. Aber zumindest ist das mal ein in China gesellschaftlich relevantes Thema. Weitermachen.
TheNameless 21.05.2011
2. Banane? Sehr nahrhaft!
Zitat von loggerbachEs gibt tatsaechlich Probleme mit der notwendigen Punktzahl im Gaokao fuer Schueler aus weniger entwickelten Provinzen. Insgesamt sind aber sowohl Gaokao als auch Hukou ein wichtiger und notwendiger Bestandteil fuer den geordneten Aufbau der Wirtschaft und Gesellschaft. Der Unterton dieses Artikels, wonach diese Gesetze zur Verhinderung von unkontrollierten Massenumsiedelungen in ohnehin uebervoelkerte Staedte maßgeblich als "Kastenwesen" und "Diskriminierung" verstanden werden soll, ist mit Verlaub recht Banane. Aber zumindest ist das mal ein in China gesellschaftlich relevantes Thema. Weitermachen.
Wie jetzt? Kritik aber nur um drei Ecken? Sogar der Unterton soll der Richtige sein um sie gütig zu stimmen? Ich fand den Artikel sehr informativ und auf keinen Fall zu kritisch, sondern eher neutral formuliert. Da hätte man sogar eher noch ordentlich einen Drauf legen können (und z.B. über die finanziellen Bürden und Vorteile der verschiedenen betroffenen Familien berichten), aber das wäre dann von der Internetpolizei wieder als China-feindliche Berichterstattung und Einmischung in innere Angelegenheiten erachtet worden! *Kopfschüttel*
Asirdahan 21.05.2011
3. ohne
Viele Dinge, die ich über China lese, machen mich gruseln. Aber ich glaube, dass man in einem Land mit 1,3 Milliarden Menschen andere Maßstäbe setzen muss.
anders_denker 21.05.2011
4. einerseits klingt es unfair
andererseits erzeut es auch einen sicher hohen anteil an sehr sehr gut ausgebildeten absolventen. für mein gefühl sicher zu leistugsorientiert, aber die selektion an sich könnte durchaus auch ein beispiel für unser bildungssystem sein, in dem anforderungen, gerade in der schule, seit jahren gesenkt werden.
loggerbach 21.05.2011
5. Deutschlands Kampf um die Studienplätze
Deutschlands ungleicher Kampf um die Studienplätze - Wo der Geburtsort dein Glück bestimmt von einem chinesischen Journalisten, nach einem Monat in Deutschland Wer einen der beliebten Studienplaetze wie Jura, oder Medizin ergattert, darüber bestimmt im Teutonenreich oft der Geburtsort. Jugendlichen aus Bayer bleibt der Zugang zu Top-Fächern oft verwehrt. Sie müssen in den dortigen knüppelharten Abiturpruefungen besonders viel leisten. Durch das dezentralisierte Pruefungswesen sind die Anforderungen fuer guten Noten - die Eintrittskarte fuer einen begehrten Studienplatz - in Deutschland extrem unterschiedlich. In Berlin, wo durch die vielen Auslaender das Niveau sehr niedrig ist, reicht meistens die bloße Anwesenheit fuer eine Bestnote. Dennis Zennermann aus Pankow hat sich in seinem letzten Schuljahr fast taeglich betrunken und am Wochenenden meist noch Marihuana mit seinen Freuden geraucht. Trotzdem hat er eine bessere Endnote bekommen als Olliver Senft der im bayerischen (sic) Pfortzheim jeden Tag verzweifelt ueber den Buechern gesessen hat...
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