Chinesisch lernen in Taiwan Entspannt auf der Schatzinsel

Wer Chinesisch lernt muss nach China? Nicht unbedingt, denn auch im überschaubaren Taiwan wird Mandarin gesprochen. Studenten schwärmen von den freundlichen Menschen auf der demokratischen Insel - besonders weil es in U-Bahn und Alltag deutlich weniger ruppig zugeht als in der Volksrepublik.

Von Klaus Bardenhagen, Taipeh

Klaus Bardenhagen

Als Viktoria Dümer, 26, durch die Straßen von Taipeh zur Bäckerei eilte, machte sie sich wenig Hoffnung. Vor einer Stunde hatte sie dort ihren Laptop vergessen und musste unweigerlich an Shanghai denken: Dort sind fast allen Bekannten schon mal Handy, Portemonnaie oder Kamera abhanden gekommen. Doch die Verkäuferin in der Bäckerei hatte ihren Laptop entdeckt, aufgehoben und mit einem Zettel beklebt: "Waiguoren", stand dort in chinesischen Schriftzeichen, "Ausländer".

Ein ähnliches Aha-Erlebnis in Taiwans Hauptstadt hatte Kim Wagner, 29, unter der Erde. Nach fast zwei Jahren in Peking war die US-Amerikanerin daran gewöhnt, dass es nicht nur in der U-Bahn ruppig zugeht: "Wer sich nicht gerade einen Vorteil erhofft oder mit der Person verwandt ist, nimmt in Peking keine Rücksicht auf Andere", sagt sie. In Taipeh staunte die Studentin zuerst über drängelfreies Einsteigen am U-Bahnsteig und dann über Höflichkeit der Bahnfahrer: "Als ich zum ersten Mal sah, wie ein junger Taiwaner seinen Sitzplatz für einen Älteren räumte, hätte ich fast geweint."

Viele, die als westliche Gaststudenten in Taiwan Chinesisch lernen, haben zuvor schon die Volksrepublik erlebt und sind sich - ohne eine Seite für besser erklären zu wollen - einig: In Taiwan lebt und lernt es sich anders als in China. Noch immer ist das Land, das im Westen oft mit Thailand verwechselt wird, ein Geheimtipp. "Eine Schatzinsel", sagt Viktoria Dümer, "die mir sehr ans Herz gewachsen ist." Wer Sinologie studiere, setze sich zwangsläufig mit beiden Seiten auseinander.

So sind in Taiwan religiöse Traditionen und Volksbräuche lebendig geblieben, die in Chinas Kulturrevolution zerstört wurden. Auch berichten Studenten, dass es in Taiwan viel leichter fällt, mit Einheimischen Freundschaften zu schließen, die über reinen Sprachaustausch hinausgehen.

Das Mandarin in Taiwan und China unterscheidet sich nur leicht

Immerhin studierten im Jahr 2008 rund 300 Deutsche in Taiwan, neuere Zahlen liegen dem Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) nicht vor. Im benachbarten China waren es im vergangenen Jahr 4800 Deutsche - wobei China auch 58 Mal so viele Einwohner hat wie Taiwan.

Doch abgesehen von den Sinologie-Studenten weiß kaum jemand, dass nicht nur in der Volksrepublik, sondern auch auf Taiwan Mandarin offizielle Landessprache ist - wenn es auch kleine Unterschiede gibt: In Taiwan sind die Schriftzeichen besonders kompliziert. Wer hier lernt, wird in der Uni, auf der Straße und im Netz mit traditionellen Zeichen konfrontiert, die sonst vor allem in altchinesischen Texten und im Hongkong-Kino verwendet werden. Die Volksrepublik hatte in den fünfziger Jahren die Schreibweise vieler Zeichen stark vereinfacht. So hat das "Flugzeug" dort seitdem neun Pinselstriche, in Taiwan sind es 25. "Sich umzustellen, fällt aber gar nicht so schwer", sagt Viktoria Dümer, die ihr Studium mit den vereinfachten Kurzzeichen begonnen hatte. "Noch einfacher hat es, wer zuerst Lang- und dann Kurzzeichen lernt."

Auch das gesprochene Mandarin hat sich in Taiwan und auf dem Festland unterschiedlich entwickelt. Wer sich in Peking auf das "Selbst-fortbewegen-Fahrzeug" (Zixingche) schwingt, ist in Taipeh per "Fuß-tret-Fahrzeug" (Jiaotache) unterwegs. "Es ist ungefähr wie mit amerikanischem und britischem Englisch", sagt Dümer. Auch in Grammatik und Aussprache gebe es feine Unterschiede. "Aber letztlich spielt es keine Rolle, wo man die Sprache lernt."

Klein, wohlhabend und demokratisch: Die Insel von der Größe Baden-Württembergs ist in vielem das Gegenstück zur riesigen chinesischen Volksrepublik auf der anderen Seite der Taiwan-Straße. Das zeigt sich auch im Klassenzimmer. Viele Unis betreiben Sprachlernzentren, in denen Ausländer meist dreimonatige Mandarin-Kurse für etwa 500 Euro belegen. Die meisten Kommilitonen kommen aus benachbarten Ländern wie Japan, Korea oder Vietnam.

Taiwan vs. China: Viel Sauberkeit und Ordnung - aber weniger Abenteuer

So ähnlich war es auch an der Shanghai International Studies University, erinnert sich Viktoria Dümer. Doch während sie sich dort mit 20 oder 30 Kommilitonen in ein Klassenzimmer drängte, sind es an Taipehs Nationaler Chengchi-Universität nur sechs oder sieben. Und auch die verwendeten Lehrbücher sorgen für ein intensiveres Unterrichts-Erlebnis: "Sie sind didaktisch besser aufgebaut, und die Grammatik wird logischer erklärt."

"Die Lehrmethoden in Peking waren überhaupt nicht auf westliche Studenten ausgerichtet", erinnert Kim Wagner sich an ellenlange Lehrer-Monologe und gemeinsames Zeitungsartikel-Vorlesen an Pekings renommierter Tsinghua-Uni. "Es wurde kaum diskutiert, und vieles war angestaubte Propaganda - etwa Texte über heldenhafte russische Kosmonauten, die sich fürs Vaterland opfern."

An der Chinese Culture University in Taipeh verwendet Kim Wagner nun Lehrbücher, die Studenten schon nach gut einem Jahr mit ganzen Lektionen über Demokratie und freie Wahlen konfrontieren. Beispielsätze wie "Damit Euer Land sich demokratisiert, muss sich das System ändern" wären in China ebenso gewagt wie Diskussionen mit der Lehrerin über Homosexualität, die Viktoria Dümer in Taipeh erlebt hat.

Um Chinas Geschichte, traditionelle Kultur und die Mentalität der Menschen wirklich zu verstehen, da sind sich alle befragten Studenten einig, muss man beide Seiten erleben. Wer seine berufliche Zukunft im ständigen Kontakt mit Chinesen sieht oder in der Volksrepublik leben möchte, kommt im Studium an einem Festlands-Aufenthalt ohnehin nicht vorbei.

Wohin aber sollte die allererste Reise gehen? "Wer eher eine Backpacker-Mentalität an den Tag legt", könne sich eine Uni in China suchen, sagt Georg Seiller, der nach Heidelberg, Taipeh und Shanghai nun in Germersheim studiert. "Wer mehr Wert auf Sauberkeit legt, sich im Zweifelsfall lieber auf Englisch verlässt als mit Händen und Füßen zu kommunizieren und mit Kulturschocks schwer umzugehen weiß, sollte nach Taiwan."



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insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
Xany 01.07.2011
1. ...
Und wer Französisch lernen will, kann demnächst auch nach Tunesien! Super. Abgesehen davon, dass dort die extrem komplizierten traditionellen Zeichen der chinesischen Sprache benutzt werden und dort unter anderem auch viel Taiwaneese gesprochen wird. Wer natürlich mit Kulturshocks schwer umgehen kann und sich schlecht an andere Sitten und Gebräuche anpassen kann (ich meine: ein Weichei ist) kann nach Taiwan gehen. Oder vielleicht doch besser gleich zuhause bleiben...
mumienschubser, 01.07.2011
2. La isla formosa
Ni hao Ich kann den Artikel nur bestätigen. In der U-Bahn in Taipei kann man vom Fußboden essen, nicht weil da so viel herumliegt, sondern weil es dort extrem sauber ist, es gibt dort auch an nahezu jedem Bahnhof Pflanzkübel mit lebenden Pflanzen. Hier in Deutschland wäre sowas sicher nach spätestens 1 Tage durch irgendwelche Rowdys zerstört, dort wird es liebevoll gepflegt. Auch an Baustellen gibt es sehr intensiv betreute Blumenkübel und Anpflanzungen. Die Taiwaner sind ein sehr freundliches Volk, der Autoverkehr ist zwar anarchisch, aber da jeder auf jeden aufpasst weil jeder mit einem Fehler des anderen rechnet kommt es nur selten zu schweren Unfällen. Das Essen in den vielen kleinen Verzehrlokalitäten ist fantastisch, abwechslungsreich und sehr preiswert, wer für 3-5 Euro nicht satt wird, ist selber schuld. Busse und Bahnen aber auch Taxen sind ebenfalls sehr preiswert, eine 12 Km lange Taxifahrt für umgerechnet 5 Euro...na das ist doch was? Oder eine Busfahrt für 60 Cent? Zugegeben der Flug dorthin ist mit 600-900.- Euro nicht billig aber man spart beim Essen,Trinken und ÖPNV wieder eine Menge ein. Wer einen Urlaub machen möchte den er/sie nie vergisst sollte lieber 2 Mal Mallorca ausfallen lassen und dafür 1 Mal nach Taiwan fliegen. Zai Jian
NeoGeo, 01.07.2011
3. ...
Zitat von XanyUnd wer Französisch lernen will, kann demnächst auch nach Tunesien! Super. Abgesehen davon, dass dort die extrem komplizierten traditionellen Zeichen der chinesischen Sprache benutzt werden und dort unter anderem auch viel Taiwaneese gesprochen wird. Wer natürlich mit Kulturshocks schwer umgehen kann und sich schlecht an andere Sitten und Gebräuche anpassen kann (ich meine: ein Weichei ist) kann nach Taiwan gehen. Oder vielleicht doch besser gleich zuhause bleiben...
Man sind Sie empfindlich. Scheint wohl kulturell bedingt zu sein. Ist man ja auch nicht anders gewohnt. Und andere Meinungen werden schon gar nicht akzeptiert. Es ist nicht nur in Taiwan angenehmer sondern auch in HK.
Xany 01.07.2011
4. ...
Zitat von NeoGeoMan sind Sie empfindlich. Scheint wohl kulturell bedingt zu sein. Ist man ja auch nicht anders gewohnt. Und andere Meinungen werden schon gar nicht akzeptiert. Es ist nicht nur in Taiwan angenehmer sondern auch in HK.
Ich bin doch nicht empfindlich. Ich finde nur, wenn man etwas über die Sprache lernen will, sollte man doch auch etwas über die Kultur lernen. Und das geht nunmal besser auf "Mainland China". Sicher, Taiwan ist eine angenehmere Version von China für Leute mit schwierigkeiten sich anzupassen. Was hat das mit kulturell zu tun? War doch nur ne Meinung. Btw: HongKong finde ich persönlich nicht wirklich angehem. Wer mal im Sommer da war und gerne draußen ist, der hat danach keine Lust mehr drauf. Auch ist alleine durch die Mietpreise der Lebensstandart dort (für mich) schon sehr eingeschränkt.
demophon 01.07.2011
5. Taiwan, das bessere China
Ich habe selbst in Taiwan gelebt und dort unterrichtet. Ich kann den Artikel voll bestätigen. Taiwan ist ein modernes Industrieland, fast mit Japan vergleichbar, nur mit einem milderen Winter und viel preiswerter. Die Chinesen sind dort Westlern gegenüber sehr aufgeschlossen und interessiert, es drängt sie förmlich, mit ihnen zu kommunizieren und ihr Englisch zu üben. Zum Glück sprechen die jungen Leute in Taipei meistens Englisch, sodass es gar nicht notwendig ist, Chinesisch zu lernen. Wer dies aber tun möchte, wird sich in Taiwan viel wohler fühlen als in der Volksrepublik. Im Gegensatz zu China hat man als Ausländer nicht das Gefühl, ständig überwacht zu werden. Man kann sich politisch äußern, wie man will und fühl sich sehr frei. Erst mit den Erfahrungen in Taiwan erkennt man, wie dringend eine politische Wende in China zur Demokratie vonnöten ist.
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