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03. Mai 2008, 19:38 Uhr

Christen-Kongress

"Gott heult mit dir"

Bitte beten: Zum "Christival" sind 16.000 Jugendliche nach Bremen gereist. Weil einige Seminare angeblich Schwule diskriminieren, wird seit Wochen über den Frömmel-Kongress diskutiert. Nun hat sich UniSPIEGEL-Autorin Antonie Rietzschel unter die Jesus-Fans gemischt.

Michael, 16, sitzt gelangweilt auf einer Bierzeltbank vor dem Bremer Messegelände hinter dem Hauptbahnhof und wartet. Er ist extra aus Bayern nach Bremen gereist, um beim "Christival" dabei zu sein. Bis zur offiziellen Eröffnung ist noch eine Stunde Zeit. Michael wärmt sich schon mal rhetorisch auf, für den viertägigen jungen Glaubensmarathon. Das "Christival" ist so einer Art Mischung zwischen Open-Air-Konzert, Jugendkongress und Jahresparteitag Bibeltreuer Christen.

16.000 Jugendliche aus evangelikalen Gemeinden und Freikirchen in Deutschland treffen sich von Mittwoch bis Sonntag in Bremen. Sie besuchen Musikfestivals, Seminare, Workshops und Gottesdienste. Es könnte eine große Party für junge fromme Leute sein, aber das "Christival" will mehr - und genau darum ist es so umstritten.

Seit Wochen wird der Kongress in der Bremer Presse diskutiert. Das Kulturzentrum "Schlachthof" kündigte den "Christival"-Veranstaltern den Mietvertrag für ein Seminar, nachdem die "taz" berichtet hatte, im Festival-Programm fänden sich Inhalte, die Schwule und Lesben diskriminierten. Die linke Szene in Bremen ruft dazu auf, gegen den Kongress zu demonstrieren.

"Für manche Leute ist es das Höchste, Millionär zu sein", sagt der junge Bayer Michael, "für mich ist es das Leben nach dem Tod. Das ist das einzig Wahre." Seine Mutter ist Mesnerin. Michael sagt, er sei in den Glauben "hineingeboren" worden. Seit der zweiten Grundschulklasse gehört er dem Christlichen Verein Junger Menschen an. Auf Gott zu vertrauen ist für ihn der Sinn des Lebens.

"Sex ist Gottes Idee - Abtreibung auch?"

Rund um die Bremer Bürgerweide ist eine Mauer aus Bauzäunen aufgebaut, um das "Christival" vor seinen Kritikern zu schützen. Ein paar Meter entfernt sitzen Polizisten in ihren Autos und schauen gelangweilt. Draußen vor dem Zaun stehen sie, die Skeptiker, die in Michaels Augen ein sinnloses Leben führen. Linke, Studenten, Schwule, Lesben, auch ein paar Schwarzvermummte. Sie haben Plakate dabei, skandieren Parolen und denken gar nicht daran, zu beten. Sie glauben, dass den jungen Christen während der vier Tage in Bremen "mittelalterliche Werte" vermittelt werden.

Auslöser für den Protest und die Diskussion sind zwei Seminare: Der Kurs "Sex ist Gottes Idee - Abtreibung auch?" war in die Kritik geraten, weil der veranstaltende Verein "Die Birke" Abtreibung auch bei Vergewaltigung ablehnt. Der Kurs "Homosexualität verstehen - Chancen für Veränderung" wurde aufgrund des großen öffentlichen Drucks aus dem Programm gestrichen.

Man darf sich das "Christival" nicht als durchgeknallten Sektentreff vorstellen - das Familienministerium unterstützt es mit 250.000 Euro, die Bremer Bildungsbehörde auch: In 50 Schulen schlafen die jugendlichen Teilnehmer, auch für die Seminare haben sie Räume in Schulen zur Verfügung gestellt bekommen. Die Behörde sieht das "Christival" als Testlauf für den evangelischen Kirchentag, der nächstes Jahr in Bremen gefeiert wird.

Michael findet es schade, dass das "Christival" nur auf die beiden umstrittenen Seminare reduziert wird. "Die Message soll doch eigentlich sein: Jesus liebt alle Menschen." Den Demonstranten vor dem Bauzaun ruft ein "Christival"-Teilnehmer Ähnliches zu: "Jesus liebt auch euch." Sie rufen zurück: "Schlechtes Wetter, harte Zeiten, für den Feminismus fighten."

Ein paar Meter weiter wird das "Christival" gerade mit einem Gebet eröffnet. "Gruselig ist es ja schon, aber mich würde mal interessieren, was da so los ist", raunt ein demonstrierendes Mädchen ihrem Nebenmann zu. Sie machen Lärm mit ihren Trommeln und Rasseln und versuchen, den feierlichen Moment durch Rufe zu stören - keine Chance. Dann fliegen Feuerwerkskörper durch die Luft, ein paar Kapuzenträger laufen zu den Bauzäunen und reißen sie nieder. Die Polizisten kommen aus ihren Autos. Sie halten die Demonstranten auf, zerren sie zurück vor die Absperrung

"Homosexualität ist heilbar und die Erde eine Scheibe"

Lars, 29, einer der Demonstranten, ist wütend. "Wir sind doch nicht hier, um Stress zu machen", sagt er. Er will friedlich dagegen demonstrieren, dass die Jugendlichen hinter dem Bauzaun beigebracht bekommen, Homosexualität sei etwas Abartiges. "Ich habe kein Problem mit Menschen, die an Gott glauben, aber ich habe ein Problem mit Leuten, die über mich richten", sagt Lars.

Lars hält ein Plakat in die Luft, auf dem steht: "Homosexualität ist heilbar und die Erde eine Scheibe." Er stand damit schon den ganzen Nachmittag vor dem Bremer Bahnhof. Ein "Christival"-Teilnehmer kam zu ihm, um sich anzuhören, was er zu sagen hat - "am Ende hat er für mich gebetet. Damit Gott sich mir offenbaren möge." Einer seiner schwulen Freunde musste sich anhören, dass er krank sei.

Ein "Christival"-Teilnehmer wagt sich aus der Bauzaun-Burg. Er sei gekommen, um mit den Leuten zu reden und klarzumachen, dass sie gar nichts gegen Homosexualität hätten. In der Bibel stehe zwar, dass das Sünde sei, aber - "sind wir nicht alle Sünder?" Ist Jesus nicht für die Sünden der Menschen ans Kreuz geschlagen worden? "Jesus liebt uns alle", sagt auch er. Es klingt wie ein Mantra. Die Demonstranten beeindruckt das wenig, der Protest geht weiter. Am Abend hackt jemand die Internetseite des Christival und legt sie lahm.

"Die Frau ist doch gleichgestellt"

Angelika, 25, auch eine Christivalistin, versteht das alles nicht. Sie schüttelt den Kopf. Dass die Leute da ausgerechnet gegen die angebliche Unterdrückung der Frau im Christentum auf die Straße gehen, findet sie völlig überflüssig: "Die Frau ist doch gleichgestellt", sagt sie. "Gott hat sich vielen Frauen offenbart. Jesus hat eine Frau vor der Steinigung bewahrt." Wenn Frauen unterdrückt würden, dann doch nur aufgrund von unsinnigen Traditionen. "Die lassen sich aber nicht biblisch begründen. Und deswegen sind sie falsch."

Angelika liest viel in der Bibel. Jeden Morgen, wenn sie aufsteht. Dann weiß sie, dass Gott bei ihr ist und ihr Tag gut wird. Einmal hat sie ihn auch ganz nah bei sich gespürt: "Mein Vater hatte Krebs und musste operiert werden. Nachdem ich mit ihm gesprochen hatte, ging ich ans Fenster und heulte. Draußen donnerte und blitzte es, plötzlich begann es zu regnen. Ich dachte nur: 'Gott heult mit mir.'"

"Bitte komm jetzt und erfülle uns mit deinem Geist"

Am nächsten Morgen in Bremen hat Gott gute Laune. Die Sonne brütet heiß über der Konzerthalle an der Bürgweide, hier treten sonst Bands wie die Fantastischen Vier auf. Heute heißt es: Morgenandacht. Drinnen stampfen und johlen die jungen Christen. Sie trampeln mit den Füßen, klatschen, rufen. Einige von ihnen sitzen auch nur so in kleinen Grüppchen herum und quatschen.

Auf den ersten Blick sind sie kaum von jungen Menschen zu unterscheiden, die zum Beispiel darauf warten, dass gleich die Toten Hosen die Bühne entern. Einige haben tief hängende Hosen an, da läuft einer mit hoch aufgetürmtem Irokesenschnitt herum, dort ein Mädchen mit High Heels, da einer mit zerrissener Jeans.

Ein kleines Detail verrät den Unterschied: Viele von ihnen tragen ein Kreuz. Dem einen sitzt es fest am solariumgebräunten Hals, der andere lässt es lässig über dem schlabbrigen Pullover baumeln. Die Band steigt auf die Bühne. Die Toten Hosen sind es nicht, auch nicht die Ärzte oder Wir sind Helden, die "Jesustreffband" spielt jetzt. Die Sängerin fordert die Menge auf aufzustehen. "Wir haben einen Gott anzubeten", sagt sie. Absolute Stille. Dann der erste Gitarrenakkord. Ab jetzt wird mitgesungen.

"Du hast mein Herz erobert, ich gebe mich deiner Liebe hin", hallt es durch die Konzerthalle. Die Sängerin säuselt ins Mikro: "Gott, ich danke dir, dass wir deine Kinder sein dürfen. Bitte komm jetzt zu uns und erfülle uns mit deinem Geist." Die Christivalisten breiten ihre Arme aus, einige falten die Hände, Scheinwerfer erleuchten die wiegenden Körper. Ein paar raufen sich das Haar. Anschließend gibt es eine Predigt, alle kramen nach ihrer Bibel. Dann kommt der Segen.

Jugendliche können den "Burka"-Test machen

Nach der Andacht starten die Teilnehmer in ihre über 200 Seminare, eins heißt "Mein Maskottchen bringt mir Glück", ein anderes "God is a DJ?!? Christus und die Charts" oder: "God's next Topmodel". Bei "Die Bibel für Liebende" gibt es Tipps für christliche Pärchen, "wie sie in ihre Beziehung religiösen Schwung" bringen können. Wer gerade kein Seminar besucht, räkelt sich in der Sonne, hockt mit anderen in singenden Grüppchen zusammen oder schaut sich auf der "Messe Missionarischer Möglichkeiten" um.

Da gibt es einen T-Shirt-Stand mit Sprüchen wie "Der Herr der Dinge" oder "Mein Vater ist ein Außerirdischer". Bei "SMS von Gott" kann man sich Bibelsprüche aufs Mobiltelefon schicken lassen. Ein paar Meter weiter machen Jugendliche den "Burka-Test": Ein Mädchen zieht das lange Gewand mit Sichtschutz über, das Frauen in manchen muslimisch geprägten Ländern tragen müssen. Den "Burka-Test" hat die Organisation "frontiers" aufgebaut - ihr Ziel ist es, muslimische Gemeinden zum Christentum zu bekehren.

"Frontiers" hält Muslime für "ein vernachlässigtes Volk", weil sie nicht an Jesus glauben. "Jesus ist die Wahrheit, Allah ist es nicht", sagt eine ältere Dame am Stand. Ihre Augen scheinen zu leuchten. An dieser Stelle, nein, da könne sie nicht tolerant sein. "Ich liebe Jesus einfach. Und weil er mir soviel gibt, muss ich ihn anderen näher bringen." Hinter ihr lässt sich ein Junge in den Schador einhüllen, ein anderes bodenlanges schwarzes Gewand muslimischer Frauen. Ihm reicht es gerade bis knapp übers Knie.

Draußen vor der Tür ist es mit der Sonne vorbei - eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Es beginnt zu regnen. Angelika, die Christivalistin, hätte jetzt wohl gesagt: "Gott heult."

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