Gekaufte Uni-Forschung "Ich habe mich sehr unfrei gefühlt"

Unternehmen bestimmen zu stark, woran Professoren forschen und was sie lehren, kritisiert der Finanzprofessor Christian Kreiß. Ausreichend Geld vom Staat wäre eine Lösung - doch auch darauf nehmen Großkonzerne häufig Einfluss.

Ein Interview von


Zur Person
  • Privat
    Christian Kreiß, Jahrgang 1962, ist seit 2002 Professor für Finanzierung und Wirtschaftspolitik an der Hochschule Aalen. Zuvor war er als Banker tätig. Im Europa-Verlag ist von ihm kürzlich erschienen: "Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne".
SPIEGEL ONLINE: Herr Kreiß, viele Nachwuchswissenschaftler sehnen sich nach einer Professur. Sie hätten eine bekommen können und haben abgelehnt. Sind Sie wahnsinnig?

Kreiß: Der Job war wirklich attraktiv, es ging um eine Finanzprofessur an der Hochschule München. Inhaltlich sollte es vor allem um Investmentbanking gehen - wie gemacht für mich. Aber mir war unwohl dabei, ich hatte Schlafprobleme. Als alles in trockenen Tüchern war, habe ich abgelehnt.

SPIEGEL ONLINE: Schlafprobleme wegen einer Stelle als Professor?

Kreiß: Bei der Stelle handelte es sich um eine Stiftungsprofessur. In Deutschland gibt es rund tausend solcher Professuren, die von externen Geldgebern finanziert werden und nach ein paar Jahren dann meistens in reguläre Hochschulstellen verwandelt werden. In meinem Fall wollte ein Unternehmensberater die Stelle für fünf Jahre bezahlen. Ich hätte neben dem Professorenjob zehn Tage im Jahr für ihn als Berater arbeiten sollen, mit besten Kontakten in die Vorstände großer bayerischer Banken. Das wäre durchaus verheißungsvoll. Aber ich habe mich sehr unfrei gefühlt bei dem Gedanken. Was passiert denn nach diesen fünf Jahren? Hätte der Stifter die Professur weiterfinanziert, wenn ich mich zu kritisch geäußert hätte? Hätte die Hochschule die Stelle wirklich übernommen, wenn ich mit meiner Arbeit einen Geldgeber verärgere? Im Nachhinein war die Entscheidung übrigens richtig.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Kreiß: Nach der Finanzkrise habe ich mich tatsächlich zusehends kritischer mit dem Investmentbanking beschäftigt. Wenn Sie in einer Stiftungsprofessur für Investmentbanking plötzlich zum Kritiker mutieren, sind Sie da der falsche Mann.

SPIEGEL ONLINE: Der wirtschaftsnahe Stifterverband für die deutsche Wissenschaft hat Regeln vorgelegt, die garantieren sollen, dass der Geldgeber keinen Einfluss auf die Arbeit einer Stiftungsprofessur nimmt. Hilft das nicht?

Kreiß: Der Verhaltenskodex des Stifterverbands ist eine aufgeblasene PR-Nummer. Am eigentlichen Problem geht er vollkommen vorbei: Wer bewirbt sich denn auf eine Professur für Investmentbanking?

SPIEGEL ONLINE: Ein Investmentbanker wie Sie.

Kreiß: Eben. Man kann feine Regeln für die Unabhängigkeit aufstellen, wenn man sowieso nur die Professoren anlockt, die auf Linie sind.

SPIEGEL ONLINE: Das gibt es immer im Uni-Betrieb, wenn es in einem Fach unterschiedliche Lehrmeinungen gibt. Die liberale Wirtschaftsfakultät beruft marktfreundliche Professoren, die linke Fakultät gewerkschaftsnahe Forscher.

Kreiß: Aber es macht einen Unterschied, ob solche Positionen aus den Diskussionen innerhalb der Wissenschaft entstehen, oder ob Kapitalmacht dahintersteht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so schlimm daran, wenn ein Geldgeber einen Professor sponsert, der ohnehin eine ihm genehme Position vertritt?

Kreiß: Auf Dauer verzerrt das die Debatte. Denn dadurch wird dieses Institut gestärkt, bekommt noch eine Stelle und noch ein Forschungsprojekt und wird damit in der wissenschaftlichen Debatte immer sichtbarer.

SPIEGEL ONLINE: Es steht jedem Verband oder Unternehmen frei, seine Wunschforschung zu unterstützen. Die Solarzellenfirma kann genauso Lehrstühle stiften wie der Atomkonzern, ein Autohersteller ebenso wie der Fahrradfahrerbund.

Kreiß: Theoretisch ja. Aber vergleichen Sie einmal die Budgets, die Umweltorganisationen oder Gewerkschaften für Forschungsförderung zur Verfügung haben, mit denen von Konzernen und Arbeitgeberverbänden.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Mittel aus der Wirtschaft nicht immer noch Peanuts im Vergleich zu dem, was der Staat in die Hochschulen steckt?

Kreiß: Das Industriegeld hat aber eine gewaltige Hebelwirkung. Denken Sie an die Stiftungsprofessuren: Ein Sponsor finanziert den Lehrstuhl für die ersten fünf Jahre, dann hat er einen Mann installiert, der ihm ewig die Treue hält. Mit vorgerücktem Alter bleiben viele Forscher schließlich bei ihrer Meinung. Da mutiert keiner, nur weil ihm der Stifter nicht mehr im Rücken steht.

SPIEGEL ONLINE: Sollte Forschung ausschließlich vom Staat finanziert werden?

Kreiß: Schön wäre es. Aber auch viele Forschungsgelder, die vom Bund oder von den Ländern an die Unis gehen, sind industriegefärbt. Etwa die milliardenschwere Hightech-Strategie der Bundesregierung. Zu welchen Forschungsthemen die einzelnen Wissenschaftler Projektanträge stellen können, entscheiden Gremien, in denen vor allem Vertreter großer Konzerne sitzen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ishibashi 16.06.2015
1. umgekehrt wird ein Shuh draus
Warum soll der Steuerzahler die Hobbies von weltfremden Professoren bezahlen. Die Gesellschaft hat ein Recht dass die Forschung zumindest hypothetisch etwas nützliches bringt. Wenn die Industrie mehr Einfluss auf die Themen nimmt ist der Nutzen für die Gesellschaft wahrscheinlicher größer als wenn einige ins Blaue hinein forschen. Andere Länder sind da noch viel restriktiver.
janix_ 16.06.2015
2. Es ist traurig
Der Versuch, Wissenschaft einzusacken, ist in den plutokratischen USA schon weiter "gediehen". Hinzu kommt, dass Lehrstühle genutzt werden, damit Stifterfirma McKonzy dort den McKonzy-Consultants rasche, simple Promotionschancen eröffnen kann - völlig hypothetisches Beispiel natürlich.
TangoGolf 16.06.2015
3. Kapitalismuskritik
die hier in jedem Satz mitschwingt. Völlig losgelöst von konkreten Beispielen handelt es sich aber um eine Phantomdebatte. Und im Übrigen geht es dabei nicht bloß um industriell geförderte Lehrstühle, wie ein Blick etwa auf die Klimaforschung verrät. Wer hier eine kritische Meinung hat, welche dem Mainstreamkonsenz entgegensteht, bekommt nicht nur keinen Lehrstuhl, sondern bekommt auch nur noch schwer Zugang zu Forschungsgeldern allgemein.
Critik 16.06.2015
4. Hochschule Aalen
Der Mann kommt von Hochschule Aalen, also einer Fachhochschule. Der genannte Job in München ist vermutlich auch eine Fachhochschule. Fachhochschul-Professoren haben nicht nur ein höheres Lehrdeputat, sondern sind auch angehalten angewandte Forschung zu machen. Angewandte Forschung (das deutet der Name an) ohne Industrie und Unternehmen kann man sich hingegen kaum vorstellen. Wie soll das gehen? Was soll das sein? Sollen Politiker die Anwendung definieren? Ich glaube der Mann hat sich schlicht für das falsche Hochschulsystem entschieden. Er hätte an die Universität gehen sollen, dann hätte er auch Grundlagenforschung betreiben können.
masarius 16.06.2015
5. Treffend
Der gute Mann stellt es treffend dar. Zusätzlich kommt hinzu, dass indirekt Forschungsziele vorgegeben werden. Manchmal sehr konkret oder eben mit dem Hebel dahinter, dass wenn ein anderes Ergebnis herauskommt, dann die Gelder das nächste mal eben an jemand anderes gehen. Statistik, Erhebungen und Argumente sind eine feine Sache, können aber auch instrumentalisiert werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.