Anwesenheits-App für Studenten Kontrollier mich, Mutti!

Faulenzt mein Sohn in der Sonne - oder sitzt er brav im Hörsaal? In den USA wird eine App angeboten, die Eltern meldet, ob ihre Kinder ins Seminar gehen. Eine Uni in Florida ist begeistert.

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Montag, 7.30 Uhr, und im Hörsaal liest der Professor aus einem Buch vor. Studenten in Deutschland, die meinen, das könnten sie auch alleine, haben recht und können hierzulande an den meisten Universitäten die neue Woche unentschuldigt erst um 10 Uhr einläuten.

Eine Idee der Bologna-Reform, die Anwesenheit zum Teil der Studienleistung zu machen, wurde unter anderem in Nordrhein-Westfalen jüngst korrigiert, was wiederum einigen Professoren missfiel. Doch einfach da sein ist kein Wert an sich, das setzt sich glücklicherweise wieder durch.

Ganz in die entgegengesetzte Richtung denkt nun eine kleine, teure Privat-Uni im US-amerikanischen Boca Raton im Bundesstaat Florida. Auf den iPads der Lynn-University-Studenten wird nach deren Einwilligung bald eine Kontroll-App installiert.

Die meldet Eltern in Echtzeit, wenn ihre Kinder Kurse schwänzen. Per GPS-Signal ermittelt das Programm, wo der Student so steckt. Geht er nicht in den vorgesehenen Klassenraum, erhalten die Eltern sofort eine Nachricht. Über einen längeren Zeitraum zeigt die App außerdem an, wann die nächste Pflichtstunde beginnt. Ein Prozentwert verrät, wie die Anwesenheit im gesamten laufenden Semester war (Bilder der App gibt es in der Fotostrecke).

Hinter dem Überwachungstool Class120 steht Core Principle, eine kleine App-Schmiede in den USA. Beworben wird das Werkzeug mit einem Video, in dem Leute davon erzählen, wie häufig sie Kurse ausfallen ließen. Eltern-Darsteller erläutern, wie sehr es sie umtreibt, dass ihr Kind in einer anderen Stadt lebt und lernt. Geht sie zur Uni? Besucht er alle Kurse? Oder feiert mein Kind etwa in Vegas?

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Anwesenheitskontrolle an Unis

An der Lynn-University überprüft bald eine App die Anwesenheit und meldet den Eltern, wenn jemand schwänzt. Vorstellbar für Deutschland?

In den USA ist das Studium des Kindes für viele Eltern die größte Investition im Leben. Studiengebühren für Kurse und das Wohngeld auf dem Campus belaufen sich selbst an staatlichen Hochschulen auf Zehntausende Dollar, sowohl Eltern als auch Studenten verschulden sich dafür auf lange Zeit.

Entsprechend groß ist die Angst vieler Eltern, dass ihr Investment umsonst sein könnte und dem Kind das vermeintlich Schlimmste passiert: ein Uni-Versager zu werden, kurz: ein Dropout. Hier setzt offenbar die neue App-Idee an. Eine weinerliche Frauenstimme am Ende des Werbe-Videos hilft Mommy und Daddy beim Gruseln: "Hätten meine Eltern Class120 gehabt, hätte ich jetzt vielleicht einen Abschluss."

Das Ziel ist laut Firmen-Webseite natürlich rein philanthropisch: Es gehe darum, Studenten zu helfen und Abbruchquoten zu senken. Schließlich schafften 46 Prozent der Studienanfänger binnen sechs Jahren keinen Abschluss. Ihre Lösung bringen die App-Verkäufer auf eine einfach Formel: "Go to class". Anwesenheit rules. Denn: "Einfach hingehen, und fast jeder Student wird seine Chancen vergrößern, bessere Noten zu kriegen und rechtzeitig abzuschließen." Wenn das mal so einfach wäre.

Ausgestiegen, trotzdem was geworden: Ein berühmter Whistleblower, eine First Lady, Computer-Genies und Konzernchefs schmücken unsere Reihe der prominenten Studienabbrecher. Denn ein Ende kann auch immer ein Anfang sein:

cht



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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Phil2302 08.02.2015
1.
Ich halte das in Deutschland für Schwachsinn, jeder Student ist erwachsen und sollte das selbst entscheiden können. Ich habe mein Studium auch geschafft, ohne in einer Vorlesung anwesend zu sein, in welcher der Professor noch einmal das Skript an die Tafel schreibt. In den USA liegt die Sache mit den horrenden Studiengebühren jedoch ein bisschen anders, da kann ich die Eltern schon verstehen.
plietsch 08.02.2015
2.
Naja, mit Deutschland ist dies eher schlecht zu vergleichen. Zum einen sind die Lehrmethoden und -konzepte in den USA andere. Zum anderen zahlt man dort pro Kurs. Da kostet ein begehrtes Seminar schon einmal gerne richtig viel Knete und das zahlen meist die Eltern. Daher kann ich's halbwegs nachvollziehen, wenn Eltern daran interessiert sind, dass ihr Nachwuchs von der bezahlten Dienstleistung (was anderes ist es ja nicht) auch Gebrauch macht. Mit dem deutschen Hochschulwesen bloß nicht zu vergleichen. Wer in Deutschland im Stolz gekränkt ist, weil nicht viele Studenten zur Vorlesung erscheinen, der sollte halt überlegen, woran es liegen könnte. Gleichzeitig sind Kurse von anderen Dozenten proppenvoll, weil sich Studenten aus Interesse reinsetzen, auch wenn sie gar keine Prüfungsleistung ablegen. Etwas Selbstreflexion kann da nicht schaden. Ich hatte auch schon Dozenten, die ihr (online verfügbares) Skript einfach in eine Powerpoint-Folie packten und dies größtenteils einfach jede Woche für 90 Minuten vorgelesen haben. Dafür muss man nicht eine Stunde zur Uni und eine zurück fahren.
koenigludwigiivonbayern 08.02.2015
3. Korrektur
Computerwissenschaften scheint in Boca Raton anscheinend nicht gelehrt zu werden. Die App kann höchstens feststellen, ob das I-PAD im Hörsaal ist, nicht der Besitzer. Findige Vorlesungsschwänzer geben es einfach einem Kumpel mit und findige "Kumpels" machen spätestens nach ein paar Wochen ein Geschäft daraus. Alles eine Frage der Zeit, des Geldes und der Geschäftstüchtigkeit.
wally76 08.02.2015
4. Wem's hilft...
in meinen Vorlesungen und Übungen fehlen eher die schlechten als die leistungsstarken Studenten. Eigentlich genau falsch herum. Wenn aber jemand nicht intrinsisch motiviert ist, ist es wohl eh das falsche Studienfach. Und eine solche App fördert eher noch die Unselbstständigkeit und verhindert die Abnabelung. Beides geht erfahrungsgemäß (gefühlt, nicht belegt) meist mit schlechten Studienleistungen einher.
alternativloser_user 08.02.2015
5. Guter Einwand
Zitat von koenigludwigiivonbayernComputerwissenschaften scheint in Boca Raton anscheinend nicht gelehrt zu werden. Die App kann höchstens feststellen, ob das I-PAD im Hörsaal ist, nicht der Besitzer. Findige Vorlesungsschwänzer geben es einfach einem Kumpel mit und findige "Kumpels" machen spätestens nach ein paar Wochen ein Geschäft daraus. Alles eine Frage der Zeit, des Geldes und der Geschäftstüchtigkeit.
Vermutlich wird die Lösung dieses Problems dann in paar Jahren darin bestehen, dass jeder der an dieser Privatuni studieren möchte, sich "freiwillig" einen Anwesenheitschip implantieren lassen kann um das Lernverhalten zu verbessern. Und wer sich den Chip nicht "freiwillig" implantieren lässt, soll sich einfach eine andere Uni suchen!
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