Comic-Aktion Mangas gegen rechte Propaganda

Im Kampf gegen Rechts mischt jetzt der Verfassungsschutz mit und schickt die Manga-Figur Andi auf eine heikle Mission gegen Ausländerhass und rechte Schläger. Das Experiment gelingt - ein Comic ohne plumpe Ranschmeiße, mit guten Zeichnungen und unverklemmter Sprache.

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"Andi"-Comic: Im Manga-Stil gegen rechte Propaganda
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"Andi"-Comic: Im Manga-Stil gegen rechte Propaganda

Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen ging auf Nummer sicher: Gleich 100 Informanten wurden für das neue Projekt angeworben. Es ging um die rechtsextreme Szene, jugendgefährdende Propaganda und braune Wahlkampfkampagnen. Die Einschätzung der Informanten war eindeutig: Mangas. Zu 70 Prozent waren sich die befragten Schüler einig, dass ein Comic im japanischen Stil der beste Weg sei, um Jugendliche zu erreichen und für das Thema Rechtsextremismus zu sensibilisieren.

Und so blicken die Figuren des Comics "Andi" den Leser nun mit großen Augen an, die Hände und Füße überdimensional groß. Auf 25 Seiten hat Zeichner Peter Schaaff alle Klischees über dumpfe Rechtsradikale und Nachläufer aufgespießt; eingeschobene Texte erklären Stichwörter wie "Nationalstolz" oder "Grundrechte".

Ein Schultag von Andi, Ayshe und Eisenheinrich

Die Comic-Aktion sei bundesweit einzigartig, erklärt der Verfassungsschutz NRW, der damit die rechtsextremistischen Tendenzen an den Schulen bekämpfen will. "Aufgeklärte Jugendliche sind das Fundament und die Zukunft unserer demokratischen Kultur", sagte Landesinnenminister Ingo Wolf (FDP) bei der Präsentation des "Andi"-Comics.

Der Verfassungsschutz sieht offenbar Nachholbedarf im Lager der Jugendlichen. Denn nach Angaben des Innenministeriums sind rechtsextremistische Parteien bei Erst- und Jungwählern besonders erfolgreich. Zudem seien mehr als die Hälfte der rechtsextremistisch motivierten Delikte im ersten Halbjahr 2005 in NRW von unter 25-Jährigen verübt worden.

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Im Comic kommen die Rechtsextremisten erwartungsgemäß schlecht weg, jedoch ohne übertriebene Schwarz-Weiß-Malerei. "Andi" ist die chronisch unausgeschlafene Hauptfigur mit roter Kappe, Kinnbart und Kapuzenpulli. Im Comic erlebt er einen Schultag: Zwischen Sozialkundeunterricht und Basketball will er sich vor allem mit Ayshe aus der Parallelklasse verabreden. Doch sein Klassenkamerad Norbert macht ihm Sorgen. Der hat sich den Kopf rasiert, trägt eine Bomberjacke und ist in die rechten Szene gerutscht. Nicht aus Überzeugung, sein Kumpel Eisenheinrich hat ihn überredet. Und so verteilt Norbert plötzlich CDs mit Rechtsrock auf dem Schulhof und klopft braune Sprüche.

Im rechten Teich sind Norbert und Eisenheinrich aber nur kleine Fische. Der eigentliche Drahtzieher, ein schmieriger Anzugträger, versucht mit CDs und Fanartikeln nur Geld zu machen - als Prototyp eines skrupellosen Geschäftemachers, der die rechte Gesinnung nur als Deckmantel benutzt, um sich zu bereichern.

Dresscode und Skin-Knigge

Am Ende des Comics werden außerdem rechte Zeichen und der Dresscode erklärt: So sind beim Tragen von "Lonsdale"-Pullovern bei geöffneter Jacke nur noch die Buchstaben "NSDA" zu sehen. Die Marke "Masterrace Europe" ist mit ihrem martialischen Namen ähnlich beliebt. Und auch Zahlencodes dienen in der rechten Szene als Symbol. So steht "168:1" für den Bombenanschlag in Oklahoma City im Jahr 1995. Damals tötete der Rechtsextremist Timothy McVeigh 168 Menschen - 168 Tote, 1 Rechtsextremer.

Mit dem Comic reagiert der Verfassungsschutz auch auf die Propaganda-Aktionen der rechten Szene, die sich vor allem auf Jugendliche konzentriert. So kursieren noch immer die sogenannten "Schulhof"-CDs, auf denen mit Rechts-Rock Stimmung gegen Ausländer gemacht wird. Die CD wurde im letzten Jahr verboten; ob es dabei bleibt und sie auch aus Sicht der Gerichte tatsächlich verfassungsfeindlich ist, wird momentan geprüft. Derweil stoßen die Behörden immer wieder auf illegal verbreitete Bestände.

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Auch die NPD hat vor der Bundestagswahl eine CD gepresst, um damit auf Stimmenfang im Dunstkreis der Schulen zu gehen. In Berlin und Stuttgart haben die NPD-Funktionäre bereits mit dem Verteilen der Rechtsrock-CD begonnen - nicht nur vor Schulen und Jugendeinrichtungen, sondern auch vor Freibädern, Kinos und Gaststätten. "Das war einer der Hauptgründe für den Comic, wir wollten der Propaganda von rechts etwas entgegensetzen", erklärt Thomas Grumke vom Innenministerium NRW.

Nun werden die Comics verteilt. Zunächst wurden nur zwei Exemplare an jede Schule in NRW geschickt, um die Lehrer zu informieren. Bei Bedarf kann nachbestellt werden. "Die Anfragen kommen hier nur so reingeflogen", sagt Thomas Grumke. Dabei ist das Ende des Comics offen - auf der "Andi"-Homepage sollen die Schüler nun kreative Ideen sammeln. Die besten Vorschläge werden dann umgesetzt. Im zweiten Teil.



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