Comiczeichner Flix Von einem, der auszog, das Lehren zu fürchten

Felix Görmann alias Flix ist der wohl höchstdekorierte Comiczeichner Deutschlands. Das Diplom schaffte er mit einer skurrilen Autobiografie bravourös und ist jetzt Zeichnerei-Dozent. Bei SPIEGEL ONLINE startet Flix, 29, die neue Comic-Reihe "Seitenwechsel".

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Seitenwechsler Flix: Die Eltern hatten keinen Fotoapparat, also musste er zeichnen

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Spannend wird's, wenn Flix sein Tagebuch auspackt. Das sind nämlich nicht spontan vollgekritzelte Bände, sondern akkurat geführte Sammlungen von Comicstrips. Fast jeden Tag einer, jeder exakt im selben Format: vier Panels, quadratisch angeordnet. Über seinen Alltag. Über den Uni-Alltag, die neue Freundin, durchgechattete Nächte am PC, Einkäufe bei Ikea und, ach ja, auch über Interviewtermine mit Journalisten. That's life.

13 Bände sind es bis jetzt, knapp 600 Kurzcomics bilden die Chronik von zwei Jahren realen Lebens. Sie sind das Ergebnis einer Wette. Und wenn Flix den aktuellen Band zeigt, ist er sichtlich auch stolz auf die Leistung.

Mit dem realen Leben hat er's ja. Und mit den Comics. Flix, alias Felix Görmann, Jahrgang 1976, erstmals in größerem Rahmen auffällig geworden, als er 26-jährig seine Comic-Autobiografie veröffentlichte. Die entstand eigentlich als Diplomarbeit für die Saarbrücker Hochschule für Kunst & Design. "Held" nannte sich das Projekt, und es schilderte nicht nur die Vergangenheit Görmanns, sondern darüber hinaus auch gleich dessen zukünftiges Leben und Tod im schönen Alter von 88 Jahren.

Mit Preisen reichlich beworfen

Was denn an seinem Leben interessanter sei als an anderen, fragte damals patzig eine Dame auf dem Prüfungsamt Felix Görmann. "Nichts", sagte der, "außer dass es mein Leben ist." Und gefragt, wie man denn in dem Alter darauf komme, seine Autobiografie zu produzieren, kontert er im Interview: "Dann hab ich das gleich erledigt."

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Verflixter "Held": Yps, das Gimmick & moribunde Urzeitkrebse

Auch andere Zeichner wie Markus Witzel, Jens Harder oder Stefan Atzenhofer haben mit Comics ihr Diplom erschlagen. Görmann schloss mit der Note 1,1 für seinen Comic ab. Und mittlerweile, drei Jahre nach der Erstveröffentlichung von "Held", ist er der wohl höchstdekorierte Comiczeichner Deutschlands. Die Biografie "eines Wohlstandskindes aus den späten Siebzigern" bekam den "Max & Moritz"-Preis, Deutschlands wichtigsten Comicpreis, dazu den ICOM-Independent-Preis. Obendrein erhielt der Band eine Auszeichnung vom Art Directors Club. Für "Sondermann 2005", den Comic-Preis der Frankfurter Buchmesse, ist er auch nominiert.

"Held" wurde beim Carlsen Verlag veröffentlicht. Inzwischen ist der Band in der zweiten Auflage. Flix scheint ein Comic-Wunderkind zu sein. Danach sah es am Anfang gar nicht aus. Zwar hatte er noch während des Studiums eine schrille "Faust"-Adaption beim Eichborn-Verlag veröffentlicht. Und mit "Radio Ohrgasmus" bei Carlsen eine Geschichte über einen durchgeknallten Radiomoderator.

Beide Werke aber überzeugen nur bedingt. Zu brachial ist der Humor, zu gewollt die Satire. Auch Flix ist nie so richtig warm geworden mit den Stoffen. Den zweiten Band von "Radio Ohrgasmus" hat er angefangen, aber nie vollendet. Die Hälfte der Geschichte liegt in seiner Schreibtischschublade. Und dort soll sie, wenn es nach ihm geht, auch für immer bleiben.

"An der Kunsthochschule darf man spinnen"

Erst mit dem Aufarbeiten der eigenen Kindheit kam der Durchbruch. Ein bisschen Spinnerei half - "ich war schließlich auf einer Kunsthochschule, da darf man spinnen", sagt Flix. Weil seine Eltern in seiner Jugend keinen Fotoapparat besaßen, holte sich Flix ganz versponnen die Erinnerungen zurück. Mit dem Stift. Und traf nebenbei ins Mark seiner Generation.

Denn "Held" ist eine klassische Jedermann-Geschichte. Mit klarem, nur wenig überzeichnendem Strich und vor allem viel lakonischem Humor erzählt Flix davon, wie es war, in den siebziger und achtziger Jahren in der BRD groß zu werden. Wer erinnert sich nicht an die "YPS"-Urzeitkrebse, an "Ein Colt für alle Fälle" und an den ersten Kuss? "Held" ist in seinem Vergangenheitsteil eine großartig unprätentiöse, urkomische Aufarbeitung der nächsten Vergangenheit - und in seinem Zukunftsteil einfach nur wunderbar versponnen.

Und Flix sponn weiter. "Sag was" erschien letzten Herbst bei Carlsen und füllt die Lücke zwischen Vergangenheit und Zukunft - die Gegenwart. "Ich befand mich damals quasi im Leerlauf meiner eigenen Biografie", erläutert er. Wie in "Held" erzählt Flix keine außergewöhnliche Geschichte - dafür eine in vielerlei Hinsicht wahre: Paar lernt sich kennen, zieht zusammen, trennt sich. Game over.

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"Sag was": Kennenlernen, Paarsamkeit, Game over

Das ist wie Woody Allen auf Papier, eine Studie in Paarsamkeit, die ganz auf laute Töne verzichtet und dafür auf Feinheiten setzt. Die Haare im Flusensieb der Dusche etwa oder der Streit um den Badvorleger. Ganz normale Katastrophen. Aber so prägnant komisch-melancholisch wie Flix inszeniert sie derzeit keiner. Flix, der auch gesteht, gern schönere Frauen zeichnen können zu wollen, hat anscheinend einen direkten Draht zum Alltag in seinem Kopf.

Den zeigt er auch in seinen Tagebuchstrips. Die waren eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht. Dass sie dennoch qualitativ mit anderen autobiografischen Flix-Comics mithalten können, spricht für seine Liebe zum Medium und seine Fähigkeit zum Beobachten. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE (die neue Reihe "Seitenwechsel" startet am Mittwoch) gibt Flix in Zukunft Einblick in seinen ganz normalen Alltag. Inzwischen nicht mehr als Student, sondern als Dozent - regelmäßig gibt er Zeichenkurse an der Hochschule für Kunst & Design Saarbrücken. Ob das die Frau vom Prüfungsamt jetzt endlich als etwas Besonderes ansieht?

Wie Flix, der hochbegabte Student, die Seiten gewechselt hat, ist jedenfalls hochkomisch und gelegentlich auch poetisch. Vor allem aber ist es wahr. Denn so ist das mit dem eigenen Leben - es lässt einen einfach nicht los.

Mittwochmorgen bei SPIEGEL ONLINE: Die erste "Seitenwechsel"-Folge von Flix

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